Zufall oder Schicksal?

erschienen am 12. Mai 2011  im Hamburger Abendblatt

Von Johanna R.Wöhlke

Widmen wir uns einem heiklen Thema am Morgen. Widmen wir uns der Frage: War es Zufall oder Schicksal oder gar Bestimmung – was nun war es? Mir gefällt an diesen Begriffen  eines nicht: das Gefühl, eine von außen manipulierte Puppe an den Fäden von etwas zu sein zu sollen, das über mich verfügt, ohne dass ich eine Chance hätte, mich dagegen zu wehren, eigene Entschlüsse zu fassen, ich selbst zu sein, zu lernen, Fehler zu machen, all das.

Praktische Hilfe für diese wirklich schwerwiegende Frage des Lebens brachte gestern der Brötchenkorb auf dem Frühstückstisch. Als erstes war es mein Schicksal, die Brötchen essen zu müssen, die ein anderer für mich eingekauft hatte. Dann hatte ich noch das Pech, mich an den Tisch zu setzen, als einige schon ihr Lieblingsbrötchen ausgewählt hatten. Meine Auswahl war also erheblich eingeschränkt. Das Schicksal wollte es außerdem an diesem Morgen, ja presste mich in die Unabänderlichkeit, dass mein Lieblingsbrötchen schon vergeben war. Da ging nichts mehr. Kein Vorwärts, kein Zurück.

Wenn das Brötchen unserer Wahl nicht mehr frei ist, das ist ein höchst bedauerliches Frühstücksschicksal am Morgen. Was wir gerne hätten, ist nicht mehr da –  noch schlimmer: Es ist nicht mehr da, weil ein anderer es sich einverleibt hat für immer und ewig. Wir müssen etwas Anderes essen als wir gewünscht, erhofft hatten, das unserem Geschmack gar nicht so sehr entspricht. Hier ist Standhaftigkeit gefordert und etwas, das eng im Zusammenhang mit Schicksal gesehen werden muss: sich fügen!

Wenn Sie inzwischen auch angefangen haben zu schmunzeln, ist es recht. Ich möchte es weiter auf den „Schmunzelpunkt“ bringen und fortfahren in meiner Argumentation: Wenn der Mensch nicht will, dass ihm ein Schicksal aufgezwungen wird, muss er sich seine Brötchen entweder selbst backen, selbst einkaufen oder so rechtzeitig am Tisch erscheinen, dass die Auswahl noch groß genug ist. Er könnte auch auf Brötchen verzichten und Brot essen oder vielleicht einfach nur Spiegeleier. Wer das für unwichtige Brötchenphilosophie hält, könnte recht haben. Aber ein Lächeln am Morgen war sie vielleicht wert!

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