Relatives am Morgen

erschienen im Hamburger Abendblatt am 9. Mai 2011

Von Johanna R. Wöhlke

Physik ist etwas Wunderbares! Wenn man doch nur immer alles verstände! Das waren nun zwei Ausrufungszeichen und – es waren nicht zwei Ausrufungszeichen zuviel. Ihre Faszination reicht für mich vom Begreifen der Funktionsweise des Motors meines Autos bis hin zur Relativitätstheorie Albert Einsteins. Was ist bei uns von dieser vielschichtigen und komplexen Theorie hängengeblieben? Es ist dieser wunderbare Satz: Es ist doch alles relativ oder: Es kommt immer auf den Standpunkt des Betrachters an.

Wer hätte diese Erfahrung im Leben noch nicht gemacht? Wer hat also noch nie eine unmittelbare Begegnung mit der Relativität gehabt? Keiner. Sie begegnet uns überall. Natürlich hatte Einstein recht. Seine Relativitätstheorie reicht sogar bis zum Einkauf der Brötchen am Morgen in der wunderbar duftenden Bäckerei. Wie das?

Der junge Mann kauft seine Brötchen heute gegen zehn Uhr am Vormittag ein, für ihn immer noch Frühstückszeit. Er wählt aus – Tigerbrötchen wie fast immer – und man kommt ins Gespräch. „Heute aber spät unterwegs“, meint die Verkäuferin. Sie kennt diesen Kunden. Der junge Mann schaut zur Uhr und meint: „Spät? Es ist doch erst 10 Uhr! Da kann von spät noch keine Rede sein!“

Die Verkäuferinnen hinter dem Tresen schauen sich lachend an. Dann meint eine: „Na ja, es ist eben alles relativ. Kommt darauf an, wann man aufgestanden ist.“ Wir müssen nicht Albert Einstein bemühen. Wir verstehen auch so. Was ist früh? Was ist spät? Natürlich: Es kommt immer auf den Standpunkt des Betrachters an. Albert Einstein und das nachts backende Bäckereihandwerk –  die beiden passen zusammen! Man könnte allerdings auch schmunzelnd reimen:  Frische Brötchen hinterm Tresen – sind nie relativ gewesen.

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