Geisterstunde

GEISTERSTUNDE IM ENGLISH THEATRE OF HAMBURG

„ROSE’S DILEMMA“ VON NEIL SIMON IST ANGELAUFEN

Von Uta Buhr

Kaum zu glauben, dass Neil Simon dieses Stück geschrieben haben soll! Bislang kannten wir ja nur die sonnige diesseitige Fassade des Großmeisters der Komödie. Dabei fallen jedem Liebhaber geistreicher Unterhaltung auf Anhieb Stücke ein wie „Barefoot in the Park“, das mit Jane Fonda und Robert Redford so furios verfilmte Glanzstück aus seiner Produktion, die temporeiche „California Suite“ oder das zauberhafte Musical „Sweet Charity“, das mit Shirley MacLaine in der Hauptrolle Furore machte. Es muss nicht erwähnt werden, dass die genannten Stücke nur ein Bruchteil von Neil Simons umfangreichem Werk darstellen.

Mit „Rose’s Dilemma“ zeigt uns der 1927 im New Yorker Stadtteil Brooklyn geborene Bühnenautor eine völlig andere Facette seines Könnens und gewährt gleichzeitig einen Blick auf eine bis dato unbekannte Seite seiner Persönlichkeit. Man könnte fast meinen, er wolle mit diesem Stück über eine Liebe, die  über den Tod hinaus besteht,  sein Alterswerk einläuten. Bleibt zu hoffen, dass dieser Autor uns noch lange mit seinen Stücken unterhalten möge.

Die Geschichte der bekannten Schriftstellerin Rose Steiner scheint zuerst gar nicht so fremd. Sie, die einst vom Erfolg Verwöhnte, befindet sich im Alter von Anfang sechzig in einer Krise – sowohl psychisch als auch finanzieller Natur. Ihrem sozialen Abstieg – früher wäre dir Rede vom Bettelstab gewesen – kann sie nur entgehen, wenn sie mit einer zündenden Idee einen neuen Bestseller auf den Markt bringt. Und genau da liegt ihr Dilemma. Denn Rose leidet seit dem Tod ihres einstigen Liebhabers, des ebenfalls sehr erfolgreichen Autors Walsh McLaren, unter einer Schreibblockade, die nicht enden will. Um über den Schmerz des Verlustes ihres einstigen Gefährten hinwegzukommen, flüchtet Rose sich in eine imaginäre Welt. Sie bildet sich ein, Walsh sei ständig um sie herum und rede mit ihr. Psychologen würden diese Art der Selbsttäuschung wohl als Realitätsverweigerung bezeichnen. Doch die Geisterstunden mit Walsh verleihen Rose ungeahnte Kräfte. Ihre Tochter Arlene, die bei Rose lebt, erträgt die Selbstgespräche ihrer Mutter – für Rose Dialoge mit Walsh – mit nahezu heroischer Gelassenheit. Lediglich die leidenschaftlichen, nicht zu überhörenden Schäferstündchen der beiden Liebenden verstören sie zutiefst. Fünf Jahre dieser geisterhaften Liaison sind ins Land gegangen, als Walsh Rose eines Tages erklärt, er werde sie jetzt verlassen und auf immer und ewig in sein Schattenreich zurückkehren. Doch zuvor gibt er ihr noch einen guten Rat, wie sie ihre finanzielle Zukunft absichern kann. Ein kurz vor seinem Tode begonnener Roman wartet auf Fertigstellung. Und sie, Rose, soll das Manuskript vollenden. Ein neuer Roman würde sie sofort aus ihrer prekären Lage befreien. Doch Rose empfindet es als Verrat, einfach ihren Namen unter Walsh McLarens Werk zu setzen, und beauftragt stattdessen den jungen hoffnungsvollen Autor Gavin Clancy mit dieser Aufgabe. Soweit so gut, wäre da nicht Roses Tochter Arlene, die sich Hals über Kopf in den netten Jungen von nebenan verliebt. Und umgekehrt. Trotz dieses eingangs auf Moll gestimmten Stückes gibt es zum Schluss ein herrliches Happy End. So wie es sich eben für Neil Simon gehört. Ein glückliches Ende für das junge Paar. Und ein  nicht vorhersehbares für Rose und Walsh…

Auf der Bühne agieren vier Personen:  Die gestandene Victoria Lennox, die Neil Simons Rose mit Seele und Temperament verkörpert, Stephen von Schreiber als der Geist des Walsh McLaren, Laura Murray als zwischen töchterlicher Loyalität und der Irrationalität ihrer Mutter trotzende Arlene sowie Tom Rooke, der den jungen Schriftsteller Gavin Clancy mit viel Charme gibt. Wie  üblich, hat Regisseur  Robert Rumpf Schauspieler ausgewählt, die bereits durch Auftritte auf großen Bühnen Lorbeeren geerntet haben. Und genau  diese Professionalität beeindruckt die Besucher des English Theatre stets aufs Neue. … übrigens, den elegant in cremige und glitzernde Grautöne gekleideten Geist Walsh McLarens kennen wir bereits aus Ronald Harwoods Komödie „Quartet“, in welcher er die Rolle eines sensiblen, leicht verwirrten Memoirenschreibers verkörperte. Ein großartiger Darsteller, den wir – wie die drei anderen Akteure – gern wieder auf den Brettern des TET sehen würden.

Und zum wiederholten Mal ein großes Lob für Geoff Humphrys, der die Bühne mit seinen Beleuchtungskünsten erneut verzaubert und zurzeit Roses Strandhaus in changierendes bläulich-violettes Licht taucht. Sehr stimmungsvoll!

„Rose’s Dilemma“ läuft noch bis einschließlich 2. Juli 2011

Karten unter der Telefonnummer: 040-227 70 89, weitere Infos unter www.englishtheatre.de

Dann begibt sich das TET wie alle anderen Theater in die wohlverdienten Sommerferien. Lassen wir uns zu Beginn der neuen Saison im September mit einer neuen Produktion des English Theatre of Hamburg überraschen. Wir werden die neue Premiere an dieser Stelle rechtzeitig bekanntgeben.

Fotos: H. J. Kock

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