Das Hamster Syndrom

erschienen im Hamburger Abendblatt am 30. Mai 2011

Von Johanna R. Wöhlke

Lange habe ich gebraucht, um den Genforschern auf diesem Wege DIE interessante Entdeckung zukommen können zu lassen, aber nun ist es soweit: Der Mensch stammt vom Hamster ab! Das wird einige unter uns erstaunen, denn bislang war Darwin mit seiner Abstammungslehre der Hit. Jetzt aber beginnt eine neue Zeit, die Postaffenzeit! Nur zur Erklärung: Wenn der Wissenschaftler „post“ sagt, meint er nicht, dass er Briefe versendet. Post ist lateinisch und bedeutet so viel wie hinter oder nach.

Wer nach Beweisen fragt, dem werde ich eine Erklärung nicht schuldig bleiben. Der moderne Mensch outet seine diesbezügliche Natur darin, dass er süchtig nach Giveaways ist. Das wiederum kommt aus dem Englischen, schreibt sich eigentlich give away, und meint einfach: etwas weggeben, verschenken.

Wenn der moderne Mensch unterwegs ist, dann sammelt er auf allen möglichen Veranstaltungen diese Giveways ein, egal ob er sie braucht oder nicht. Er sammelt Kugelschreiber, Streichhölzer, Einkaufsbeutel aus Baumwolle oder Leinen, Bonbons, Kekse, Schreibblöcke, Radiergummis, Postkarten – alles eben, was man so schnell in die Tasche stecken kann.

Dann geht der moderne Mensch in seine Höhle, pardon, in seine Wohnung, sein Zuhause und versteckt diese Gegenstände, genauer gesagt: er schafft Plätze für sie. Das können Schubladen, Küchenschränke, Dosen und Töpfchen sein. Manchmal vergisst der moderne Mensch diese Plätze auch und findet sie erst später wieder, wenn er einmal im Jahr Frühjahrsputz macht zum Beispiel. Aber auch dann noch hadert er mit sich selbst, etwas zu entsorgen, was er doch so freudvoll und glücklich mit nach Hause gebracht hatte vor langer Zeit. Er erinnert sich, ist glücklich und froh, betrachtet und versteckt erneut.

Wenn diese weltweit gemachten Beobachtungen kein Beweis dafür sind, dass der Mensch nicht vom Affen, sondern vom Hamster abstammt, dann will ich ab morgen Johanna Renate Darwin heißen. Sie meinen, das könnte nun ein Beweis dafür sein, dass ich dabei bin, Namen zu sammeln? Könnte sein, mehrere hab ich ja schon. Ich hamstere sie sozusagen.

2 Gedanken zu „Das Hamster Syndrom“

  1. Herrlich geschrieben! Ich finde mich in Deinem Text wieder! Ähnlichkeiten mit einem Hamster möchte ich nicht haben: Ich würde den ganzen Tag verschlafen… das geht ja nun gar nicht! Allerdings … wenn ich so in meine Schubladen schaue..:)

    Herzlichst, Uschi

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