Schmerz kennt keinen Normwert

DIE ZAHL DER LEITLINIEN IN DER SCHMERZTHERAPIE STEIGT – UND MIT IHR DIE DESORIENTIERUNG VON ÄRZTEN UND PATIENTEN.

Unzufriedene Schmerzpatienten

Schmerz trifft Patienten oft hart und unerwartet. Die Leitlinien Schmerztherapie sind dagegen leider oft kontraproduktiv. Foto: Gerd Altmann, pixelio.de

In Deutschland leiden bis zu 20 Millionen Menschen an chronischen oder immer wiederkehrenden Schmerzen. Die bestmögliche Versorgung soll für diese Patienten aber nicht nur unnötige Schmerzen verhindern, sondern auch Lebensqualität und Arbeitsfähigkeit erhalten und wiederherstellen. Dies setzt multimodales, interdisziplinäres und ursachenorientiertes Vorgehen unter Nutzung neuer Daten der Grundlagenforschung voraus. Allerdings sind Patientinnen und Patienten, die an chronischen Schmerzen leiden, mit dem Ergebnis ihrer Therapie häufig sehr unzufrieden.

Widersprüchliche Therapieempfehlungen tragen zur Verunsicherung von Patienten, Ärzten und Prüfgremien ebenso bei wie die mangelnde Kenntnis und unzureichende Ausbildung der Ärzte im Bereich der Schmerztherapie“, erklärte Dr. Gerhard H. H. Müller-Schwefe am 22. Deutschen Schmerz- und Palliativtag 2011 in Frankfurt am Main. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie e.V. (DGS) fordert einen Paradigmenwechsel: „Damit sich etwas ändert, sei es notwendig, endlich den Facharzt für Schmerzmedizin zu etablieren“.

Leitlinien sind keine Richtlinien

Die Zahl der Leitlinien in der Schmerztherapie steigt – und mit ihr die Desorientierung von Ärzten und Patienten. Denn viele Leitlinien haben Defizite und Schwächen. Außerdem sind Leitlinien keine Richtlinien, demzufolge auch nicht rechtlich bindend und schon gar keine Vorgabe für Ärzte. Dennoch werden sie im Einzelfall genutzt. Zum Beispiel bei Auseinandersetzungen vor Gericht, von Standesgremien, wenn es um die Zulassung von Ärzten oder um die Arzneimittelregresse geht, und nicht zuletzt von Richtern als Ersatz für Gutachten. Leitlinien, die keinen oder nur einen sehr geringen Effekt auf die Patientenversorgung haben, sind kontraproduktiv und schränken die Therapiefreiheit des Arztes eher ein. Gute Leitlinien, die nicht nur auf externer Evidenz basieren, sondern auch praktische Erfahrungen der Behandler und die Erwartungen von Patienten gleichwertig berücksichtigen und deren Entstehung und Grundlagen transparent sind, bieten dagegen große Chancen auf eine nachhaltige Verbesserung der Patientenversorgung.

Dem Patienten glauben

„Licht im Dschungel der Leitlinien“ war das Thema des Deutschen Schmerz- und Palliativtages 2011 vom 23. – 26. März 2011 in Frankfurt am Main. Rund 2000 Experten diskutierten – zum Teil sehr kontrovers – über Nutzen und Risiken aktueller Leitlinien im Bereich Schmerztherapie. Vor allem wurden die aktuellen Leitlinien zur Versorgung chronischer Schmerzpatienten kritisch diskutiert. Dabei wurden formale wie methodische Unzulänglichkeiten offengelegt und die sich daraus ergebenden Folgen für Ärzte und Patienten aufgezeigt. Um individuell und effektiv behandeln zu können, muss künftig wesentlich mehr auf die individuellen Bedürfnisse des Schmerzpatienten eingegangen werden. Vor allem aber muss dem Patienten geglaubt werden, dass er Schmerzen hat.

Die Ziele der neuen PraxisLeitlinien Schmerztherapie formulierte der Nürnberger Priv.-Dozent Dr.med. Michael A. Überall in fünf Punkten:

  • Die wissenschaftliche (externe) Evidenz, ärztliche (Praxis-)Erfahrung und (Patienten-)Erwartung zu speziellen Versorgungsproblemen darzulegen und unter klinischen Aspekten zu bewerten
  • Gegensätzliche Standpunkte zu klären
  • Unter Abwägung von Nutzen und Schaden das derzeitige (beste/ideale) Vorgeben der Wahl zu definieren
  • Gute klinische Praxis zu fördern und
  • Die Öffentlichkeit darüber entsprechend zu informieren.

Grafik: Privat-Dozent Dr. med. Michael A. Überall

„Da die Erstellung von Leitlinien sehr aufwändig ist, werden die PraxisLeitlinien von DGS und DSL (Deutsche Schmerzliga) in Modulen entwickelt. Auf der Ebene 1 werden Empfehlungen zu einzelnen Wirkstoffen und Medikamente für bestimmte Indikationen und Behandlungssituationen entwickelt, gefolgt von Empfehlungen zu nichtmedikamentösen (Ebene 2) und invasiven/operativen Verfahren (Ebene 3). Auf der höchsten Ebene 4 werden diese Empfehlungen gebündelt und abgewogen“, so der stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie e.V., Dr. Michael A. Überall.

Erstes Erfolgsrezept gegen Rückenschmerzen

Ob die neu zu formulierenden „PraxisLeitlinien Schmerztherapie“ bei Ärzten und Patienten weniger Verwirrung stiften, wird sich zeigen. Erste Erfolge zeigt ein von der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie e.V. initiiertes Konzept zur integrierten Versorgung von Rückenschmerzpatienten – ein Modell, das unter der Mitwirkung der Techniker-Krankenkasse und der Hanseatischen Krankenkasse bundesweit an 36 Zentren etabliert wurde. 3.700 Patientinnen und Patienten haben inzwischen an dem Programm teilgenommen. Auswertungen zeigen, dass nach vier Wochen 49 Prozent der Patienten und nach insgesamt acht Wochen 84 Prozent wieder weitgehend schmerzfrei und arbeitsfähig sind. Bei der integrierten Versorgung arbeiten Schmerzmediziner, Fachärzte, Psychologen und Physiotherapeuten eng zusammen. Um Operationen zu vermeiden, bieten beide Krankenkassen ihren Versicherten an, vor einer Operation eine zweite Expertenmeinung einzuholen. 300 Patienten haben davon bereits Gebrauch gemacht. Das Ergebnis: Nur bei 15 Prozent bestätigen die Schmerzspezialisten die OP-Indikation. Bei 248 Patienten hielten sie den geplanten Eingriff für nicht angebracht. 18 Prozent dieser Patienten wurden in das integrierte Therapiekonzept für Rückenschmerzpatienten eingeschleust. Bei der Mehrzahl der Fälle erhielten die behandelnden Ärzte Empfehlungen für eine angepasste Therapie.

Weniger Schmerz, mehr Lebensqualität

„Von der Leistungsfähigkeit der modernen Schmerzmedizin profitieren nicht nur die Patienten durch weniger Schmerzen und mehr Lebensqualität, sondern auch die Kassen“, verkündete Dr. Müller-Schwefe. „Da die Patienten wieder arbeitsfähig werden, sparen die Versicherungen durch die integrierte Versorgung im Vergleich zu einer konventionellen Behandlung über 1.500 Euro pro Patient. Und wenn zudem überflüssige Diagnostik und operative Maßnahmen verhindert werden, kommen sogar weitere Kosteneinsparungen hinzu“.

www.praxisleitlinien-schmerztherapie.de

Textbearbeitung: Renato Diekmann, Quelle: Referenten Müller-Schwefe, Horlemann, Überall anlässlich  22. Deutscher interdisziplinärer Schmerz- und Palliativkongress Frankfurt am Main, Fotos: Altmann, Kunka über pixelio.de; Grafik: Dr. Michael A. Überall

Ein Gedanke zu „Schmerz kennt keinen Normwert“

  1. Generell finde ich Leitlinien auh in der Schmerztherapie sinnvoll. Es gibt mittlerweile so viele verschiedene Arten von Schmerztherapie und es ist wirklich schwer da einen Überblick zu behalten. Leitlinien könnten in der Tat für Ärzte und vor allem Patienten von Vorteil sein. Ich finde das gut.

Schreibe einen Kommentar