No future, Schenkelklopfen und Betroffenheit

Volker Pispers‘ Programm „Bis neulich“

Von Dr. Wolf Tekook

„Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.“ Ob dies das Motto des nach eigenem Bekenntnis politischen Kabarettisten Volker Pispers ist, dessen aktuelles Programm der Rezensent im Seidenweberhaus zu Krefeld verfolgte? Getreu dem Satz des Direktors aus Faust I sprudelten drei Stunden lang die Verbalattacken des scharfzüngigen niederrheinischen Wortakrobaten auf die schenkelklopfenden Zuhörer ein.

Im scheinbar lockeren Plauderton und mit raschen Themenwechseln kommentierte Pispers das Weltgeschehen im großen wie im kleinen. Das Konzept erscheint einfach: Man dresche auf alles und jeden ein; so ist die fröhliche Grundstimmung im Saal garantiert. Während die christlich orientierten Besucher nach Atem ringen, wenn der Entertainer mit Pointen auf Stammtischniveau über „Ratzinger“ herzieht, feixen die Kirchenabstinenzler schenkelklopfend. Eine Minute später vernehmen diese schweigend und betroffen die Abrechnung von Volker Pispers mit den aktuellen Politikern linker Provenienz, während die soeben noch Schweigenden schmunzeln. Gleich darauf wird sexueller Missbrauch seitens Kirchenoffizieller durch die Witzeküche geschleift, und die Lachfraktionen werden ausgetauscht.

So manches im Programm lässt vermuten, dass der in Düsseldorf ansässigen Kabarettist sich zur Ideenfindung in die dortige Altstadt begibt und bei den bierseligen Gesprächen etwa in der Traditionsgaststätte „Im Uerigen“ fleißig mitstenografiert – nach dem Motto: Worüber der Normalmensch unter dem Einfluss fahruntauglich machender Alkoholmengen lacht, das ist auch bühnentauglich.

Getreu dem Proporzkonzept schimpft Pispers in schnellem Wechsel über die Roten, Schwarzen, Gelben, Grünen und Tiefroten, macht kurze Ausflüge in die Ökonomie, wenn er die DDR zu Mauerzeiten als die Niedriglohnzone Deutschlands bezeichnet und die Billy- Regale seiner Studienzeit – zu Recht – als Produkte Ostdeutschlands identifiziert. Ob die Pickel des derzeitigen Außenministers eine mehrmalige Erwähnung verdienen, mag dahingestellt sein; für Lacher sorgen sie allemal.

Sucht man einen Grundtenor im Kontext des Abends, so wird allenfalls die Enttäuschung über die Politik der SPD offenbar. Die Politik des Zauderns und Hinterherrennens der Kanzlerin Angela Merkel gehört zu den wenigen Themen, die mimisch und textlich überzeugend vorgebracht wurden. Ob man die derzeitige Anwendung der aus den USA importierten political correctness im deutschen Sprachgebrauch unbedingt anhand von Beispielen aus dem Fäkalbereich illustrieren muss, bleibt dahingestellt.

Volker Pispers hat Anglistik, katholische Theologie und Pädagogik studiert, als Fremdsprachenassistent in England gearbeitet und Theater gespielt, bevor er mit seinen Soloprogrammen auf Wanderschaft ging. Kai und Lore Lorentz holten ihn 1990 an das Düsseldorfer Kom(m)ödchen; an diesem Ort des exzellenten Kabaretts hielt es ihn allerdings nur ein Jahr, bevor er wieder solo auftrat. Diese Vita spricht für eine solide Kenntnis der Gesellschaft und des Unterhaltungsmetiers.

Warum nur schöpft er nicht aus seinen reichlichen Erfahrungen? Die Botschaft seiner Worte erscheint dürftig: Alles ist schlecht oder lächerlich, no future regiert die Welt. Zu den Aufgaben des Kabaretts gehört es nicht nur, Missstände anzuprangern, sondern auch Alternativen aufzuzeigen. Dies fehlte an diesem Abend des Kicherns und Gröhlens, des Schenkelklopfens und des betretenen Schweigens.

Aber vielleicht ist die Bühne nicht der Hauptspielort von Pispers, sondern es sind die Videoplattformen des Web 2 wie YouTube; dort können sich seine Fans schnipselweise die Belege für ihr (un)politisches Weltbild zusammenstellen. Der SPD- Kritiker sammelt die 5 Minuten- Filmchen über Scharping, Steinmeier und Schröder, der enttäuschte Katholik die Auslassungen über den Papst und Ex- Bischof Mixa, während sich der Altlinke in den Passagen über die DDR nostalgischen Gedanken hingeben kann. So geordnet mögen die Verbalattacken von Volker Pispers ausreichen, das eigene (negative) Weltbild zu zementieren. Konzentriert auf einen Abend fällt dem Rezensenten nur der einstige Werbespruch eines Kaufhauskonzerns ein: „Pispers bietet tausendfach – alles unter einem Dach.“

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