Bertini Preis für Harburger Stadtteilschule Maretstraße

erschienen im Hamburger Abendblatt am 20.Januar 2011

Von Uschi Tisson

Die Bertini Preisträger der Schule Maretstraße

Sie forschten in Archiven, Museen und Gedenkstätten, um Spuren von bisher unbekannten Opfern des Nationalsozialismus in Harburg und im Großraum Hamburg zu finden. Ihre Recherchen führten sie sogar nach Prag, um Antworten auf Fragen im Zusammenhang mit Deportierten nach Theresienstadt zu bekommen. Am Donnerstag, 27. Januar, werden die Teilnehmer des Projekts „Dialog der Enkel und Urenkelinnen“ für ihre eigene Entdeckungsreise in die Geschichte Deutschlands ausgezeichnet. Die Haupt- und Realschüler der Hamburg-Harburger Stadtteilschule Maretstraße (früher Bunatwiete/Maretstraße) erhalten den Bertini-Preis. Einen von fünf, der in diesem Jahr vergeben wird.

Doch die Harburger Jugendlichen beanspruchen den Preis nicht für sich allein. Sie teilen ihn mit ihren Projektpartnern des Prager Gymnaisum Na Prazaice, die parallel in ihrer eigenen Stadt nach Zeitzeugen und Opfern der NS-Zeit forschten. Somit wird der Bertini-Preis erstmalig an eine ausländische Schule verliehen. Mit der Auszeichnung hat niemand der 15 und 16 Jahre alten Haupt- und Realschüler, von denen die meisten von ihnen familiäre Wurzeln im Ausland haben, gerechnet. „Wir sind alle total überrascht und freuen uns darüber.“, sagte Cindy Rosenfeld. Der Bertini-Preis führt auf den Namen des Romans „Die Bertinis“ zurück, in dem der Hamburger Schriftsteller Ralph Giordano das Schicksal seiner Familie während des Nationalsozialismus schildert. Er wird zum 13. Mal an junge Menschen verliehen, die sich für ein „solidarisches Handeln in Hamburg engagieren“.

Monatelang arbeiteten die Harburger Schüler nach ihrem Unterricht für das Projekt, das Initiator Rainer Micha (Foto links), in Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Schulleiter Hermann Krüger (Foto zweiter von links), dem Arbeiter-Samariter-Bund, der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, dem Freundeskreis Gedenkstätte Neuengamme, Arbeit und Lernen, mit der Hamburger Senatskanzlei und dem deutsch-tschechischen Zukunftsfonds durchführte. Dabei stießen sie auf den Harburger Leo Jacobsohn, der kurz nach seiner Entlassung aus dem KZ in Theresienstadt starb. Sie waren dabei, als ihm zum Andenken im vergangenen Herbst vor seinem ehemaligen Zuhause am Wetternstieg 4 ein Stolperstein verlegt wurde. Ein

Höhepunkt während ihrer Recherchen war 2010 der Besuch von Professorin Dr. Dagmar Lieblová (81) aus Prag. Als Mitinitiatorin und Vorsitzende des Vereins zur Förderung von Theresienstadt hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, jungen Menschen als „Zeitzeugin“ zur Verfügung zu stehen. Sie verlor ihre Eltern und ihre Schwester in Auschwitz. Darüber und über das Überleben in mehreren Konzentrationslagern sprach sie mit den Schülern, fuhr mit ihnen zur Gedenkstätte Neuengamme und zum „Dessauer Ufer“. Zeitgleich war die Prager Schülergruppe in Harburg, die die Haupt- und Realschüler kurz darauf zu einem Gegenbesuch in Hamburgs Partnerstadt einlud. Hier standen Vorträge, Rundgänge sowie Besichtigungen in Theresienstadt und Josephstadt auf dem Programm. Rainer Micha lobte die Schüler. „Das war kein  touristisches Unternehmen. Das war richtig hoch motivierte und engagierte Arbeit.“

„So etwas lernt man nicht in Büchern. Das bleibt doch nur wenige Wochen haften, sagte Jeromy Constantin (16) über die Projektarbeit, „was wir gesehen haben bleibt in Erinnerung und wir werden darüber mit anderen sprechen und berichten.“ Zur Preisverleihung kommen die Prager Gymnasiasten wieder für drei Tage zu Besuch nach Harburg. Dann werden die beiden Schülergruppen gemeinsam neue Pläne schmieden und eine Einladung nach Brüssel oder Straßburg annehmen.

Foto. Uschi Tisson

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