Geschichten aus Bethlehem

Es gibt Bücher, deren Hochkonjunkturzeit vor Weihnachten liegt. Es gibt Bücher, die berichten vom lobenswerten Einzelinitiativen, um das Leid der Welt zu lindern. Es gibt Bücher, die zu dem Zweck geschrieben werden, die Spendenbereitschaft der Leser anzuregen. Es gibt Bücher, die, um das angestrebte Ziel zu erreichen, Fakten und Meinungen mischen und dadurch einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen.

Auf das hier vorgestellte Buch Geschichten aus Bethlehem treffen alle obigen Aussagen zu. Thema ist das im Jahre 1952 von dem Schweizer Pater Ernst Schnydrig gegründetete Kinderspital in Bethlehem. Seit 1963 gibt es einen Trägerverein, die Kinderspitalhilfe Bethlehem mit Sitz in Luzern. Heute arbeiten über 200 Angestellte – Christen und Muslime – im Spital, das so ein wichtiger Arbeitgeber in der Region ist. Ärzte aus Palästina und Europa kümmern sich um die Gesundheit der kleinen Patienten.

Erstklassig sind die milieubeschreibenden Bilder des Fotografen Peter Dammann. Statt der langweiligen Totalen wählt er meist den prägnanten Detailblick, der den Eindruck vom Ganzen wie ein Mosaik entstehen lässt. Er zeigt Innenansichten des Spitals, aber auch die Lebensgewohnheiten und -umstände der beschriebenen Einzelschicksale. Trotz des ernsten Themas dominiert Fröhlichkeit die optischen Eindrücke.

Für den Text zeichnet Brigitte Hürlimann verantwortlich. Nach der einleitenden Historie der Gesundheitseinrichtung wird die Arbeit des Spitals anhand von Einzelpersonen vorgestellt: Die Beduinenfrau Najah, die als 19-jährige verheiratet wurde und zwei Mal Zwillinge gebar; der 10-jährige Bashir, der an einer Erbkrankheit litt, der er schließlich erlag; die Krankenschwester Amal, die so gerne hätte Ärztin werden wollen.

In die Personenbeschreibung werden Eindrücke vom Leben in der Westbank eingeflochten, soziale wie politische Aspekte erörtert. Besonders beim letzten Punkt erliegt die Autorin der Versuchung einer zu einseitigen palästinazentrierten Wertung. Der Rezensent, der sich noch vor wenigen Wochen die Westbank bereiste, käme zu einer gänzlich anderen Sicht der Dinge – aber auch dies ist selbstverständlich eine subjektive Meinung.

Die Zielsetzung des Buches scheint klar: Mit anrührenden Geschichten und wirklich guten Reportagefotos sollen Spendengelder locker gemacht werden. Dieses Ziel werden die Geschichten aus Bethlehem sicher erreichen; Spender werden ein gutes Gewissen bekommen, wenn sie ihren Obolus entrichten – wurden ihnen doch die mutmaßlichen Empfänger persönlich und ausführlich vorgestellt.

Wer eine ausgewogene Berichterstattung aus dem permanenten Krisenherd erhofft, sollte sich anderweitig informieren, am besten dieses Land bereisen und eigene Eindrücke sammeln.

Peter Dammann, Brigitte Hürlimann
Geshichten aus Bethlehem

  • Broschiert: 80 Seiten
  • Verlag: Dölling und Galitz Verlag; Auflage: 1 (15. November 2010)
  • Sprache: Deutsch, Englisch
  • ISBN-10: 3862180042
  • ISBN-13: 978-3862180042
  • Größe: 22,4 x 18 x 0,8 cm
  • Preis: 14,90 €

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