Im Osten viel Neues

Von Renato Diekmann

Im Osten viel Neues

Krisenfässer für Haiti? Öldialyse für Lkw und Pkw? Im Osten Deutschlands entstehen innovative Produkte für den Weltmarkt. Ingenieurtechnische Spitzenleistungen in den neuen Bundesländern am Beispiel Sachsen-Anhalt, dem Land der Frühaufsteher.

Zukunft gestalten

Hugo Junkers JU 52 im Technikmuseum Dessau

Forschung und Innovation haben in Sachsen-Anhalt eine lange Tradition. Sie reicht vom erfolgreichen Versuch des ersten deutschen Ingenieurs aus Magdeburg, Otto von Guericke (1602-1686), mit zwei glatt aufeinander liegenden kupfernen Halbkugeln ein Vakuum herzustellen über den weltweit ersten Farbfilm der Firma ORWO in Wolfen bis hin zum Bau des ersten Ganzmetallflugzeuges, der JU 52, durch Hugo Junkers (1859-1935) in Dessau. Diese Tradition wird in Sachsen-Anhalt tagtäglich gepflegt und fortgeführt. Denn ohne Neugier, kreatives Potential, Erfinder- und Pioniergeist, Ausdauer, Fleiß und Mut, neue Wege zu beschreiten, wäre unser Alltag um etliche Erfindungen ärmer. Ob Windkraftanlage, Solarmodul oder Stromtankstelle, ob Impfstoffe aus Tabakpflanzen, Kunststoffe aus Carbon oder sauberes Wasser durch Hightech-Harze oder Aktivkohlefilter – in Sachsen-Anhalt entwickeln kreative, talentierte Köpfe – Forscher, Wissenschaftler und Unternehmer – gemeinsam wegweisende Ideen für die Zukunft  und überzeugen weltweit mit innovativen Produkten. Sei es im Bereich der Erneuerbaren Energie, in der Bio-Pharma, Chemie- und Kunststoffbranche, in der Automotive-Industrie oder im Maschinen- und Anlagenbau, dem größten und bedeutendsten Industriezweig in Sachsen-Anhalt. Im Land der Frühaufsteher werden bedeutende Entwicklungen erfolgreich auf den Weg gebracht. Ein Streifzug durch die überwiegend ländlich geprägten Regionen des achtgrößten Bundeslandes unserer Republik zeigt interessante Beispiele ingenieurtechnischer Spitzenleistungen, die nicht zuletzt durch staatliche und europäische Förderungsmittel, durch Know-how und die Investitionsbereitschaft risikofreudiger Unternehmer (auch aus Westdeutschland) möglich geworden sind. Die Besichtigungstour verdeutlicht aber auch die Sorgen der dort ansässigen Familienbetriebe – etwa in Tangermünde, Stendal, Salzwedel, Haldensleben oder Dessau. Beklagt werden vor allem die Abwanderung der jungen Generation in Großstädte anderer Bundesländer, der Fachkräftemangel und die unzureichende Infrastruktur. Ohne eine gute Autobahnanbindung sind die Anfahrts- und Transportwege über Land viel zu lang. Das kostet Zeit, Geld und verschreckt Investoren, auf die Sachsen-Anhalt großen Wert legt.

Klar und sauber

Das "Krisenfass": In acht Minuten Schmutzwasser zu Trinkwasser umwandeln - ohne Strom, nur per Pumpe.

Einer der innovativen Leuchttürme in der Region Altmark sind die ERO Edelstahl Rohrtechnik GmbH und CARBONIT Filtertechnik GmbH der westa-gruppe in Salzwedel. ERO bietet Lösungen aus Edelstahl und Aluminium und produziert Abluftsysteme und Lüftungssäulen für Airports, Bahnhöfe, Veranstaltungshallen und Museen. Neustes Produkt ist ein Tankautomat, aus dem Strom fließt – entweder per Steckdose oder induktiv über ein Magnetfeld. Um ein reibungsloses Aufladen zu ermöglichen, werden die Tankstationen sowohl beim Kunden zu Hause und am Arbeitsplatz als auch im öffentlichen Raum, z.B. in Einkaufzentren oder Parkhäusern, installiert. Seit 1997 werden am Standort Salzwedel auch Wasserfilter entwickelt. Besonders stolz ist die CARBONIT Filtertechnik GmbH über das preisgekrönte „Krisenfass“. Es handelt sich hierbei um eine weltweit einzigartige Trinkwasseraufbereitungsanlage im Kleinformat für die Entwicklungs- und Katastrophenhilfe. Das Fass ist kleiner und leichter als herkömmliche Fässer, besser zu transportieren und flexibel einsetzbar. Es fasst 30 Liter Schmutzwasser, das ohne Strom mit einer Handpumpe innerhalb von 8 Minuten zu Trinkwasser umgewandelt werden kann. Krisenfässer können vom Hubschrauber schnell in ein Krisengebiet geflogen, leicht abgeworfen werden und sind bereits in Ruanda sowie im indischen Kerala zur Aufbereitung extrem arsen- und quecksilberhaltigen Trinkwassers im Einsatz. Herzstück dieser Filtersysteme ist ein gesinterter (gebackener) Aktivkohle-Blockfilter. Als Grundstoff wird die kohlenstoffreiche Schale von Kokosnüssen verwendet, verrät Geschäftsführer Dr. Peter Westerbarkey, der 1998 und 2002 mit dem Hugo-Junkers-Innovationspreis Sachsen-Anhalt ausgezeichnet wurde.  Unter Luftabschluss werden die Schalen verkohlt und durch ein einzigartiges, international patentiertes Verfahren veredelt. Das schwarze Pulver wird anschließend bei hoher Temperatur in Öfen gebacken, als Patronen verpresst, ummantelt und auf Kundenwunsch in Edelstahlbehälter eingebaut.

Frischer Wind bringt Energie

Die neueste Windrad-Generation E126 von ENERCON: 135 Meter hoch.

Nicht nur in Entwicklungsländern, auch in vielen Industriestaaten droht durch Klimawandel und verbrauchsintensive Lebens- und Wirtschaftsweise eine immer bedrohlichere Umweltverschmutzung. Ressourcen schützen heißt das Gebot der Stunde. Innovative Ideen für Erneuerbare Energie sind gefragt. Diese wird in Deutschland und Europa überwiegend von ENERCON Windenergieanlagen erzeugt. Der Anteil der Windenergie am Bruttostromverbrauch in Deutschland beträgt 2010 immerhin schon 8%, die installierte Leistung in Deutschland beachtliche 25.777 MW (25,8 GW). Und der Markt für Windenergie wächst stetig weiter und schafft erfreulicherweise krisensichere Jobs. Das neueste Produkt der Windräder mit einer Nennleistung von 7.500 kW erreicht eine Narbenhöhe von 135 m und überbietet damit die Türme des Magdeburger Doms um über 30 Meter. Auch der Durchmesser der drei Rotorblätter übertrifft die knapp 80 Meter lange Spannweite der Tragflächen des neuen Airbus A380 um 47,2 Meter. Damit baut das Unternehmen am Produktionsstandort Magdeburg derzeit die größte und leistungsstärkste Windenergieanlage der Welt. Gerade das getriebelose Antriebssystem ist eine innovative Meisterleistung und folgt einer einfachen Logik: Wenige drehende Bauteile reduzieren die mechanische Belastung und erhöhen die technische Lebendauer. Der Wartungs- und Service-Aufwand wird reduziert, die Verschleißteile geschont und die Betriebskosten gesenkt. Der Ringgenerator einer ENERCON E-70 beispielsweise macht in 20 Jahren so viele Umdrehungen wie Generatoren herkömmlicher Windenergieanlagen in einem Vierteljahr. Selbst Windstärke 12 ist für ENERCON Windräder kein Problem, ganz im Gegensatz zu deren Mitbewerbern, die eine Windkraftanlage bei Windstärke 9 automatisch abschalten.

Leicht und energieeffizient

Strapazierfähige Längswellen in Leichtbauweise für Porsche, Mercedes & Co.

In den letzten Jahren haben viele Unternehmen ihren Focus auf Innovation und Erneuerung gelegt. Wenn es um innovative Produkte geht, mischt Sachsen-Anhalt ganz vorne mit. Nehmen wir das Thema Leichtbau. Leichtbau ist heute ein Erfolgsfaktor, erst recht in der Automobilindustrie. So auch in Haldensleben bei der Firma IFA. Das Kürzel, das einst alle Fahrzeugbau-Kombinate in der DDR im Namen führten, stand früher für Industrieverband Fahrzeugbau. Heute ist die IFA Rotorion Gruppe führendes Unternehmen bei der Entwicklung und Produktion von Gelenken und Wellen für die internationale Fahrzeugindustrie und produziert mit über 1.000 Mitarbeitern vor allem hochwertige Längswellen, Seitenwellen, Gleichlaufgelenke und Kreuzgelenke, die bis zu 70% leichter sind als noch vor 15 Jahren.

Um Leichtbauweise und Energieeffizienz geht es auch der Werkzeugmaschinenfabrik Zerbst – der zentrale Produktionsstandort für die weltweit engagierte EMAG Gruppe. Ungewöhnliche Produkte verlangen heute einen ungewöhnlichen Produktionsablauf. Um z. B. verbrauchsarme Motoren und Antriebssysteme realisieren zu können, steigen die Anforderungen an die mechanischen Komponenten: Gewichtsreduktion durch Leichtbauweise, höhere Genauigkeit, komplexere Formen und höhere Fähigkeitswerte bei längerer Lebensdauer. Dies verstärkt die Nachfrage nach Maschinen und Fertigungssystemen für komplette Prozessketten. Hier ist das Know-how der EMAG-Gruppe gefragt. Sie liefert die besten Fertigungssysteme für präzise Metallteile. Ob Drehmaschinen, Schleifmaschinen, Verzahnungsmaschinen, Laserschweißmaschinen oder Bearbeitungszentren – das Unternehmen hat für nahezu jeden Anwendungsfall das optimale Fertigungssystem und bietet seinen Kunden maßgeschneiderte und innovative Fertigungslösungen für die Automobilindustrie, Automobilzuliefererindustrie, für Maschinenbau, Erneuerbare Energien, Elektronindustrie und Ölfeldindustrie.

Öldialyse: Motoröl reinigen satt wechseln

Öldialyse: Motoöl reinigen statt wechseln. Umweltfreundlich und kostensparend.

Öl wird immer knapper, der schwindende Rohstoff immer teurer. Auch Förderung und Transport des schwarzen Goldes werden immer gefährlicher, wie die Ölkatastrophe im Golf von Mexico am 20. April 2010 in erschreckender Weise gezeigt hat. Bis Autogas, Erdgas, Brennstoffzelle, Elektro- oder Hybridantrieb den klassischen Verbrennungsmotor ablösen werden, dominiert der Verbrennungsmotor bis weit in das Jahr 2020. Bis dahin bleibt der Motor das Herz, der Filter die Niere, das Öl das Blut des Autos. „Wir müssen mit diesem wertvollen Gut sorgsamer umgehen“, betont Markus Kemper, Geschäftsführer der Innovativen Maschinen Technologie IMT GmbH in Dessau. Hunderte Millionen Tonnen Altöl müssen Jahr für Jahr weltweit entsorgt werden, mehr als 500.000 Tonnen in Deutschland, davon rund 300.000 Tonnen Motoröl. Die Kosten sind immens, ebenso Belastungen für die Umwelt. Ein neuartiges Gerät in der Größe einer Waschmaschine soll verbrauchtes Motoröl reinigen und wieder verwendbar machen. Öldialyse heißt das Zauberwort. Was bei Menschen mit Nierenversagen bereits jahrelang erfolgreich praktiziert wird, soll nun auch bei Fahrzeug- und Industriemotoren funktionieren. „Mit der Öldialyse kann man das Motoröl im Fahrzeug länger nutzbar machen“, verspricht Kemper. „Das spart sowohl Verbrauch und Kosten von neuem Öl als auch Altölentsorgung und –recycling.“ Das Verfahren der Firma IMT nimmt die Ölreinigung außerhalb des Fahrzeugs vor und macht sie dadurch flächendeckend anwendbar, erklärt Kemper während einer Demonstration und leitet das Öl aus dem Motor eines Schaufelladers durch seine speziell entwickelte Maschine. In dem blauen Kasten wird es von Wasser, Ruß, Metallabrieb, Staub und anderen schädlichen Partikeln befreit und dem Motor sofort wieder zugeführt. Nach der Reinigung erfüllt es dann wieder genauso seine Schmierfunktion für den Motor wie frisches Öl, versichert Kemper. Die Reinigung dauert nicht länger als ein herkömmlicher Ölwechsel, ist gut für Motor – und Umwelt, ökonomisch attraktiv, modern und zukunftsweisend. Kempers Öldialyse-Gerät ist für Nutzfahrzeuge seit dem 27. September 2010 im Einsatz und wird von EUROPART, dem größten europäischen Lkw-Teile-Lieferanten, exklusiv vertrieben. Ein Prototyp für Pkw ist bereits vorhanden und geht in Kürze in Serie. Kempers innovative Erfindung überzeugt und wird sich im Markt gewiss etablieren. Mit der Öldialyse könnte jeder etwas für den Umweltschutz tun – und sparen.

Text: Renato Diekmann, Fotos: Diekmann (3), ENERCON/Reiter (1), westa gruppe (1)

Ein Gedanke zu „Im Osten viel Neues“

  1. Hallo Herr Diekmann, ein wunderbarer Text, der einlädt Sachsen-Anhalt etwas näher zu betrachten und auf Erkundungstour zu gehen.
    Besonders hervorzuheben ist Ihre objektive Berichterstattung und die Verwendung „Ost“- mal wirklich nur als Himmelsrichtung zu lesen- danke

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