Warten auf den Apfel…

Von Johanna R. Wöhlke

Gleich geht es rein...

Schlange stehen? Vor einem Geschäft warten? Das kennen wir nicht mehr. Das gehörte in Zeiten, in denen es nichts zu kaufen gab, in Zeiten, die schwer waren, bleiern, schlecht und hoffnungslos. Nachfrage ohne Angebot, Bedürfnis ohne Befriedigung – das erinnert uns Bundesbürger zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung auch an die Bananen, die es in der ehemaligen DDR nicht gab und die alle doch dort so gerne gegessen hätten. Allein – es gab sie nicht, wie es so vieles andere auch nicht gab.

Wir haben uns daran gewöhnt, alles immer dann zu bekommen, wenn wir es wollen. Die Geschäfte sind bis in die Nacht hinein geöffnet. Hunger auf eine gebratene Forelle um 9 Uhr abends? Kein Problem, die Forelle liegt im Tiefkühlfach des großen Supermarktes nicht weit von hier, und der hat noch lange geöffnet.

Da soll es aber inzwischen ein Produkt auf der Welt geben, das uns ein Gefühl des Mangels, des Nicht-gleich-erreichen-Könnens unmittelbar spüren lässt: Es handelt sich nicht um Bananen, aber nicht doch! Es handelt sich nicht um Forellen, aber nicht doch! Es handelt sich um das neue Handy, das IPhone 4 von apple.

Ein Besuch in London machte es mir mehr als deutlich: Schon eine halbe Stunde vor Ladenöffnung sammelten sich immer mehr Kunden vor der Tür, wir eingeschlossen. Als sich die Türen öffneten, strömten Hunderte  in den apple store an der Regent Street in London. Meine Frage nach dem IPhone 4 wurde fast mit einem mitleidigen Lächeln beantwortet. Freundlich führte uns der Verkäufer zu einem PC, verwies uns auf die apple Internetseite. Dort müsse man sich registrieren lassen, dann den Bestand der Filialen prüfen lassen – um festzustellen: Es gibt keine Handys. Es gibt sie vielleicht in zwei Tagen, kann auch sein in zwei Wochen.

Nun ist es aber so: Die Sehnsucht nach einem Handy ist bei uns Wohlstandsbürgern ausgeprägter als die Sehnsucht nach einer Banane oder einer Forelle. Das bedeutet: Wir sind kurzfristig unglücklich weil unbefriedigt. Wir hassen es, warten zu müssen, weil wir es nicht kennen. Danach aber, danach – wird alles gut und wunderbar sein. Das Licht am Ende des Tunnels wird erscheinen. Das neue handliche Handy in der Hand wird uns wieder versöhnen. Unser Hunger nach Glück wird gestillt werden. Guten Appetit – bis zur nächsten Banane…

Ein Gedanke zu „Warten auf den Apfel…“

  1. Auch wenn die Firma Apple es nicht gerne hören wird: Das wahre Glück liegt anderswo, Danke für diesen launigen Beitrag, Johanna!

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