Die Situation im Vorfeld der Gründung der UdSSR

Die Oktoberrevolution von 1917

Von Josef Wilhelm Knoke

Massendemonstrationen in Petrograd führten im Februar 1917 zu allgemeinen Arbeiter- und Soldatenaufständen; der Zar wurde von konservativen Abgeordneten und dem Stabschef zur Abdankung am 2.3. 1917 (Alten Stils) überredet. Es entstand eine Doppelherrschaft von bürgerlich-liberaler Regierung einerseits und andererseits Arbeiter- und Soldatenräten (Sowjets oder Sovety) in vielen Städten. Das Dilemma war, dass die Regierung die Legitimation, aber keine Macht besaß, die Räte hingegen die Macht ohne Legitimation.

Nach der Rückkehr Lenins aus dem Exil beschloss das ZK der bolschewistischen Partei am 10.10. (A.S.) den bewaffneten Aufstand; unter der Leitung von Trockij (Trotzki) besetzten „Rote Garden“ am 07.11. (25.10. A.S.) alle strategisch wichtigen Punkte der Hauptstadt Petrograd. In der Nacht zum 08.11. (26.10. A.S.) wurde das Winterpalais, der Regierungssitz, gestürmt. Die Mitglieder der provisorischen Regierung wurden verhaftet.

Unter Führung Lenins konstituierte sich als erste Regierung der „Rat der Volkskommissare“, dem neben Trockij auch Stalin angehörte. Der 2. Allrussische Sowjetkongress (08./09.11.1917) beschloss u.a. ein Dekret über den Frieden, der allen kriegführenden Staaten den Friedensschluss ohne Annexionen anbot, sowie das Dekret über das Land, durch das Grundbesitzer entschädigungslos enteignet wurden.

Am 25.11.1917 fanden die geplanten Wahlen zur verfassunggebenden Nationalversammlung statt, sehr zum Unwillen der Bolschewisten; aber da Lenin selbst immer diese Wahl gefordert hatte, ließ sie sich nicht absagen. Das Ergebnis dieser ersten, völlig demokratischen Wahl war vernichtend für die Bolschewisten: sie erhielten nur ca. 25% der  Stimmen (in den großen Städten allerdings überwiegend die Mehrheit), gegenüber 58% für die Sozialrevolutionäre, und 13 % für die Rechten. Die Versammlung – genannt Konstituante – trat am 5.1.1918 zusammen, debattierte die ganze Nacht, bevor sie am folgenden Morgen von den Roten Garden aufgelöst wurde. Lenin erklärte sie für überholt, da infolge der Revolution eine höhere Form der Demokratie, nämlich die Diktatur des Proletariats eingeführt werde. Dies war ein Staatsstreich der Bolschewiki, da diese anders die Durchsetzung ihres Machtanspruchs nicht gewährleistet sahen. Nunmehr übernahm der Rätekongreß mit dem Zentralen Exekutivkomitee (ZEK 1 ) die oberste Gewalt und die Aufgabe, eine Verfassung auszuarbeiten. Diese Verfassung wurde von Stalin und Sverdlov ausgearbeitet und am 10.07.1918 als die erste Verfassung der RSFSR, der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik verabschiedet.

Bürgerkrieg

Primär als Folge des durch die gewaltsame Auflösung der Konstituante erfolgten Staatsstreichs kam es zu einem fast dreijährigen Bürgerkrieg zwischen „weißen“ und „roten“ Verbänden. Durch die spontanen Fabrikübernahmen der Arbeiterkomitees, die Verstaatlichung der Großbetriebe im Frühjahr 1918, die willkürlichen Landaufteilungen der Bauern, den Verlust der reichen “ Kornkammern“ des Südens an die „Weißen“, die Nationalisierung der Kleinbetriebe im Winter 1920, sowie den Kampf gegen die Kulaken, gingen Industrie- und landwirtschaftliche Produktion stark zurück und es kam es zu einem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Die Regierung musste zu Zwangsmaßnahmen (Kornrequirierungen etc.) greifen, die mit immenser Bürokratisierung einhergingen. Zwar gelang es der Roten Armee, unter der Leitung Trockijs als Kriegskommissar, zur Jahreswende 1920/21 den Bürgerkrieg für sich zu entscheiden, aber die Unterversorgung und der Hunger im Winter 1920/21 führten zu Bauernaufständen an der Wolga und im Süden. Besonders zu erwähnen ist hier der Antonov-Aufstand, bei dem bis zu 50000 Bauern gegen die Requirierungen vorgingen. Ein weiteres Signal war der Aufstand der 15000 Kronstädter Matrosen, die 1917 die radikalsten Revolutionäre gewesen waren, und jetzt sowohl die Verbesserung der Lebensbedingungen wie auch die Verwirklichung der Verfassung forderten. Beide Aufstände wurden blutig niedergeschlagen, aber die Regierung brach daraufhin alle Experimente ab und Lenin hielt auf dem 10. Parteitag im März 1921 eine Rede, in der er die Notwendigkeit eines taktischen Rückzugs zur Sanierung der Wirtschaft begründete. Dabei konnte er den Kurswechsel nur gegen starken Widerstand in der Partei durchsetzen. Die Neue Ökonomische Politik, NöP, wie der Kurswechsel genannt wurde, stellte den Bauern wieder frei, wie sie ihren Boden bewirtschaften wollten. Mit der NöP werden nunmehr die „gewinnorientierte Produktion“ und das Privateigentum in der Konsumgüter-Produktion legalisiert und der Binnenhandel gefördert. Die Bauern werden durch Einführung einer „Naturalsteuer“ von willkürlichen Zwangsabgaben befreit werden. Die Wirtschaft erholte sich.

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