Das Kreuz mit dem Kreuz

Von Renato Diekmann

Schmerzen müssen frühzeitig, fachgerecht, konsequent und effektiv behandelt werden. Wenn man zielgerichtet therapieren will, muss man das Ziel kennen, so der Tenor auf einer Pressekonferenz anlässlich des Schmerzkongresses 2010 in Mannheim.

Muskulärer Rückenschmerz

Wir leben in einer hochtechnisierten Welt, in der wenig Raum für Bewegung bleibt: Wir nehmen  lieber das Auto, statt zu Fuß zu gehen oder Fahrrad zu fahren, und den Fahrstuhl, statt Treppen zu steigen. Mangelnde Bewegung hat Folgen und hinterlässt häufig Rückenschmerz, der zu den großen Volkskrankheiten unserer Zivilisationsgesellschaft gehört. Muskulärer Rückenschmerz ist ein schwerwiegendes medizinisches Problem und verursacht hohe Kosten. Die Gesamtausgaben infolge von Schmerzen werden in Deutschland auf 49 Milliarden Euro beziffert, wovon 54 Prozent der Kosten auf Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung entfallen.

Die Therapie beginnt bei der Diagnose

Rückenschmerzen werden noch immer zu wenig differenziert betrachtet, berichtet Prof. Hans-Raimund Casser auf dem Schmerzkongress in Mannheim. Muskel– und Rückenschmerzen haben vielfältige Ursachen, so der Mainzer Orthopäde. Aber nur selten ist die Quelle der Pein eine ernsthafte Erkrankung wie Tumoren, Infektionen oder Bandscheibenschäden. Diese müssen aber immer vom behandelnden Arzt ausgeschlossen werden. Weitaus häufiger gehen Rückenschmerzen auf Bewegungsmangel, Muskel- und Haltungsschäden zurück, und nicht selten sind sie sogar psychosozialen Ursprungs. „Mit Grundlagen- und Fachwissen, mit gezielter Diagnostik und eingehender körperlicher Untersuchung werden bis zu 90 Prozent der Rückenschmerzpatienten auf muskuläre Ursachen identifiziert“, weiß Prof. Walter Zieglgänsberger. Der Spezialist für Neurologie, Psychiatrie, Schmerz- und Suchtverhalten aus München beklagt, dass der immer noch für muskuläre Rückenschmerzen verwendete Begriff „unspezifisch“ eher auf eine unzureichende Diagnostik und körperliche Untersuchung zurückzuführen ist. Und Prof. Gerhard H.H. Müller-Schwefe vom Schmerzzentrum Göppingen fügt hinzu, „dass man nur zielgerichtet therapieren kann, wenn man das Ziel kennt.“

Je früher, desto besser

Treten Rückenschmerzen immer wieder auf, sollte dies Warnsignal und Startschuss für ein aktives und rückengerechtes Leben sein. Ansonsten besteht die Gefahr chronischer Schmerzen, die durch Angst vor dem Schmerz und Vermeidungsverhalten noch weiter verstärkt werden. Prof. Müller-Schwefe  hält es deshalb für sehr wichtig, die Schmerz-Lernprogramme des Nervensystems von vornherein konsequent zu blockieren. Je eher eingegriffen wird, desto schneller ist die Therapie wirksam. Die Therapie von Schmerzen ist immer vielseitig, so Müller-Schwefe, auch gibt es kein Universalschmerzmittel, welches jedem Patienten bei jedem Schmerz hilft. Eine effiziente Therapie des Rückenschmerzes umfasst deshalb verschiedene Bausteine aus nichtmedikamentösen und medikamentösen Verfahren sowie aus verhaltensmedizinischen Maßnahmen. Nur in wenigen Fällen ist eine Operation notwendig.

Effektive Therapie

Seit Jahren gibt es Leitlinien zur Behandlung von Schmerzpatienten, dennoch nehmen die chronischen Schmerzen weiter zu, stellt Privatdozent Dr. Michael Überall fest. Der Neuropädiater und Leiter am Institut für Neurowissenschaften in Nürnberg fordert deshalb eine optimale Behandlung, die neben der klinischen Evidenz aus Studien und Metaanalysen auch Erfahrungen der Ärzte und Erwartungen der Patienten ausreichend berücksichtigt. Gerade bei chronischen Schmerzen stehen Faktoren der Lebensqualität wie Teilhabe an sozialen Aktivitäten, Arbeitsfähigkeit und Selbständigkeit bei täglichen Verrichtungen im Vordergrund. „Ziel jeder Pharmakotherapie ist deshalb immer die rasche Aktivierung der Patienten, da die eigene körperliche Aktivität die effektivste Therapie darstellt. Insofern ist jede sinnvolle Pharmakotherapie Hilfe zur Selbsthilfe“, so das Fazit von Müller-Schwefe.

Schmerzfreier Alltag

Die Zeiten sind vorbei, in denen Schmerzmittel verteufelt wurden. Inzwischen gibt es eine Reihe von Medikamenten zur Therapie von Schmerzen, sei es Kopf-, Muskel- und Rückenschmerzen. Die wohl bekanntesten Wirkstoffe gegen Schmerzen, die mit Entzündungen einhergehen, sind ASS, Diclofenac und Ibuprofen. Gegen fiebrige Zustände hilft z. B. der Wirkstoff Paracetamol, gegen starke Schmerzen etwa Morphin oder Oxycodon. Gegen Schmerzen, die mit muskulären Verspannungen in Verbindung stehen, gibt es die Wirkstoffe Metamizol und als 1. Wahl Flupirtin. Flupirtin greift direkt in die Chronifizierungsmechanismen ein, hemmt die Erregbarkeit von Nervenzellen und verstärkt somit endogene Hemmmechanismen. Das Analgetikum ist nicht nur effektiv gegen Schmerzen, sondern löst verspannte Muskulatur und unterbricht zusätzlich Schmerzchronifizierunsprozesse, indem es die Schmerz-Lernprogramme im Nervensystem blockiert. Im klinischen Alltag zeigt der Wirkstoff Flupirtin bei täglicher Anwendung eine signifikante Verspannungslösung und Schmerzreduktion. Sämtliche Teilaspekte der schmerzbedingten Beeinträchtigung der Patienten wurden bereits nach vierwöchiger Therapie deutlich verbessert und damit die Patientenerwartungen nach mehr Lebensqualität erfüllt.

Text: Renato Diekmann, Fotos: BPI Service, AWD.pharma, Quelle: Pressekonferenz der AWD.pharma GmbH & Co. KG, Radebeul, über „Rückenschmerzen – neue Daten, spezifische Ursachen, zielgerichtete Therapie“ anlässlich des Schmerzkongresses am 8. Oktober 2010 in Mannheim.

Schreibe einen Kommentar