Meisterwerke im Wochentakt

Musikalische Söhne

Bachs Büste steht im Eingangsbereich des Bach-Museums im Bosehaus zu Leipzig.

Leipzig ist von Kopf bis Fuß auf (klassische) Musik eingestellt. Keine andere deutsche Stadt kann so viele bedeutende Komponisten vorweisen wie die Sachsenmetropole an Pleiße und Weißer Elster. Wer der 5 Kilometer langen Notenspur folgt, wird an das Leben der Musiker, die in Leipzig geboren, studiert, komponiert, gastiert oder gelehrt haben, auf vielfältige Weise erinnert. Etwa an Felix Mendelssohn-Bartholdy, Robert Schumann, Albert Lorzing, Max Reger, Richard Wagner, Edward Grieg, Gustav Mahler, Georg Philipp Telemann und selbstverständlich an den Meister der Barockmusik Johann-Sebastian Bach, der das musikalische Leben der Stadt 27 Jahre lang geprägt hat.

Pulsierende Großstadt

Als Johann Sebastian Bach 1723 nach Leipzig kam, zog er in eine pulsierende Großstadt. Sie gehörte im 18. Jahrhundert zu den kulturellen und wirtschaftlichen Metropolen in Deutschland. Eindrucksvolle Bürgerpaläste und Gartenanlagen prägten das barocke Stadtbild. Sogar eine Straßenbeleuchtung konnte Leipzig damals schon aufweisen. Zur internationalen Handelsmesse, die dreimal im Jahr stattfand, reisten Vertreter aus der ganzen Welt an. Und die hoch angesehene Universität lockte zahlreiche Studenten in die Stadt, die eine führende Rolle im Buch- und Verlagswesen spielte, und eine reiche musikalische Tradition vorzuweisen hatte. Das Thomaskantorat war eines der führenden Kantorate in Deutschland und die Thomasschule eine der begehrtesten Ausbildungsstätten für Musiker.

Musik als Ausdruck von Größe und Macht

In der Thomaskirche erklangen Sonntag für Sonntag neue Kantaten - Gott zu Ehren.

Fürstenhöfe prägten im 18. Jahrhundert maßgeblich das kulturelle Leben. Neben dem tonangebenden Dresdner Hof gab es in Mitteldeutschland viele kleine Residenzen, die sich oft eigene Hofkapellen leisteten. Pracht und Luxus gehörten zum Selbstverständnis der Höfe, und Musik war ein wichtiges Mittel der Repräsentation. Bach stand 15 Jahre in fürstlichen Diensten: als Hoforganist und Konzertmeister in Weimar (1708-1717), sowie als Kapellmeister in Köthen (1717-1723). Auch davor und danach pflegte er gute Kontakte zu Fürstenhöfen. 1729 wurde er zum Sachsen-Weißenfelsischen Hofkapellmeister ernannt, und 1736 verlieh ihm der Dresdner Hof den Titel „Hofcompositeur“. Aus Bachs Zeit als Hofmusiker haben sich nur wenige originale Quellen erhalten, die kein ausgewogenes Bild zeigen. In die Weimarer Zeit lassen sich vor allem Orgelwerke und einige Kirchenkantaten datieren. In Köthen entstanden Huldigungsmusiken sowie Instrumentar- und Lehrwerke, etwa die Brandenburgischen Konzerte, die Solowerke für Violine und Violoncello und die Interventionen.

Jede Woche eine neue Kantate

Um regelmäßig Kirchenmusik Gott zu Ehren aufführen zu können, wechselte Bach im Jahr 1708 von Mühlhausen an den Weimarer Hof. Aber weder dort noch später in Köthen konnte er sich allein diesem erklärten Ziel zuwenden. Erst als Bach im Mai 1723 das Leipziger Thomaskantorat übernahm, rückte die Kirchenmusik in den Mittelpunkt seiner Tätigkeit. Mit eindrucksvoller Selbstdisziplin schuf er nun vier Jahre lang wöchentlich eine neue Kantate für den Sonntagsgottesdienst, außerdem zwei große Passionsmusiken und prächtige lateinische Kirchenstücke – ein Repertoire, dass an Kunstgehalt und Virtuosität alles zuvor in Leipzig Erklungene in den Schatten stellte.

Fromm und pflichtbewusst

Im Bach-Museum findet jedes Jahr im Juni der Bach-Wettbewerb statt. Hier eine Teilnehmerin aus Japan.

Das Leben des Thomaskantors war von zahlreichen Pflichten geprägt, sein Arbeitspensum immens. Er komponierte, leitete die Chorproben und die Aufführungen in den Kirchen, erteilte Instrumentalunterricht, begleitete die Chorsänger bei Beerdigungen oder Hochzeiten, bestellte die Musiker und bereitete Texthefte zu den Kantatenaufführungen vor. Einmal monatlich übernahm er für eine Woche die Aufsicht im Internat. Nebenbei unterhielt er einen kleinen Buch- und Musikalienhandel, verlieh Musikinstrumente und achtete auf ihre Instandhaltung. In welchem Umfang Bach eigene Kompositionen aufführte, lag in seinem Ermessen. Mit dem Amt des Thomaskantors übernahm Bach auch Verpflichtungen an der Universitätskirche St. Pauli.  Die Leipziger Universität war seit ihrer Gründung 1409 im Thomasstift eng mit der akademisch höchst profilierten Thomasschule verbunden. Viele Lehrer der Schule lehrten an der Universität. Zu seinen Aufgaben an der Universitätskirche, übernahm er auch Auftragskompositionen, beispielsweise Glückwunsch- und Trauermusiken. Studenten unterstützten regelmäßig seine musikalischen Aufführungen. Und mit seinem Gutachten für Absolventen der Thomasschule nahm Bach außerdem Einfluss auf die begehrten Freiplätze an der Universität.

Voll des Lobes

Wie bereits erwähnt, führte Bach in den ersten Jahren seines Kantorats jeden Sonntag eine neue Kirchenkantate auf. 44 Originalstimmensätze des Choralkantaten-Jahrgangs von 1724/1725 haben sich in Leipzig erhalten. Sie sind der wertvollste Handschriftenbestand, der im Bach-Archiv aufbewahrt wird und eingesehen werden kann. Sobald Bach die Partitur fertiggestellt hatte, schufen Kopisten, Familienmitglieder, manchmal auch der Meister selbst das Aufführungsmaterial für Chor und Orchester. Anschließend wurde das neu komponierte Werk eingeübt und aufgeführt. Der ehemalige Rektor der Thomasschule, Johann Matthias Gesner, war über Bach voll des Lobes:

Wenn du ihn sähest, wie er auf alle zugleich achtet und von 30 oder sogar 40 Musizierenden diesen durch ein Kopfnicken, den nächsten durch Aufstampfen mit dem Fuß, den dritten mit drohendem Finger zu Rhythmus und Takt anhält, dem einen in hoher, dem anderen in tiefer, dem dritten in mittlerer Lage den Ton angibt; wie er ganz allein mitten im lautesten Spiel der Musiker, obwohl er selbst den schwierigsten Part hat, den Überblick behält und sofort merkt, wenn irgendetwas nicht stimmt; wie er alle zusammenhält und überall abhilft und wenn es irgendwo schwankt, die Sicherheit wieder herstellt; wie er den Takt in allen Gliedern fühlt, die Harmonien alle mit scharfem Ohr prüft, allein alle Stimmen mit der eigenen begrenzten Kehle hervorbringt… notierte Gesner 1738 bewundernd.

Offen für neue Ideen und Instrumente

Der Meister interessierte sich sehr für die Entwicklung neuer Instrumente.

Die Ausdruckskraft der Bachschen Musik wird wesentlich bestimmt durch die Klangfarben, den Charakter und die Symbolik des barocken „Theatrum instrumentorum“. Bach interessierte sich lebhaft für die Funktionsweise von Instrumenten, für Akustik und die Probleme der Instrumenten-Stimmung. Er nutzte die vielfältigen Möglichkeiten der klanglichen Kontraste und Kombinationen und verwendete neu entwickelte Musikinstrumente wie die Oboe d’amore, die Oboe da caccia oder Bassono grosso bald in seinen Kompositionen. Mit dem bedeutendsten sächsischen Orgelbauer der Barockzeit, Gottfried Silbermann, dem Blasinstrumentenmacher Johann Heinrich Eichentopf oder dem Geigenbauer Johann Christian Hoffmann arbeitete er fruchtbar zusammen. Hoffmann, der seit 1734 die Streichinstrumente in der Thomas- und Nikolaikirche pflegte, bedachte Bach gar in seinem Testament. Niemand konnte Dispositionen zu neuen Orgeln besser angeben und beurteilen wie Bach, behauptete 1754 sein Sohn Carl Philipp Emanuel, der am Hofe Friedrich des Großen als Komponist und Musiker tätig war. Schon in jungen Jahren war Johann Sebastian Bach ein gefragter Orgelexperte. Demzufolge begutachtete er im Laufe seines Lebens zahlreiche Orgeln in ganz Mitteldeutschland. Seine erste Orgelprüfung – 1703 in Arnstadt – beeindruckte offenbar so sehr, dass der gerade 18-jährige kurz darauf als Organist in Arnstadt eingestellt wurde.

Bach privat

Ob Bach an dieser Heimorgel privat geübt hat, ist nicht bekannt.

Dass es im Bachschen Haushalt zuging wie in einem Taubenschlag, lässt sich gut nachvollziehen. Außer den Eltern und zahlreichen Kindern lebten dort Verwandte und Privatschüler, auch Gäste gingen ein und aus. Dokumente, die vom Privatleben der Familie Bach berichten, sind kaum bekannt.  Angesichts der spärlichen Quellenlage ist es ein Glücksfall, dass sich rund 250 Briefentwürfe von Johann Elias Bach erhalten haben. Der Neffe Johann Sebastians war von 1737 bis 1742 Bachs Sekretär und Hauslehrer im Bachschen Haushalt. Einige Briefentwürfe erlauben Einblick in das Alltagsleben der Familie. Sie berichten von Vorlieben einzelner Familienmitglieder, etwa dass Bach gutem Hefebrandwein zugeneigt war oder dass seine Ehefrau Anna Magdalena „eine große Liebhaberin von der Gärtnerey“ gewesen sei. Neben wenigen privaten Briefen liefern Musikalien, Widmungen, amtliche Dokumente oder postum verfasste Würdigungen Anhaltspunkte zum Familienleben. Nur ganz wenige Zeugnisse können im Bach-Museum besichtigt werden. Das Wohnhaus der Familie Bach ist nicht erhalten. Die Familie lebte in der Thomasschule, die bis zu ihrem Abriss 1902 direkt gegenüber der Thomaskirche stand. Thomaskirche und Bosehaus (Bach-Museum) sind die einzig erhaltenen historischen Bach-Stätten am Thomaskirchof. Im heutigen Bach-Museum wohnte damals die Kaufmannsfamilie Bose. Zwischen den benachbarten Familien entwickelten sich freundschaftliche Beziehungen. Leben und Wirken der weitverzweigten Musikerfamilie Bach von 16. bis ins 19. Jahrhundert bildet einen weiteren Schwerpunkt der Forschungs- und Sammeltätigkeit des Bacharchivs. Mit Wilhelm Friedemann, Carl Philipp Emanuel, Johann Christoph Friedrich und Johann Christian wurden insbesondere vier Söhne Bachs bedeutende Musiker und Komponisten. Interessant ist auch Bachs Enkel, der Zeichner und Landschaftsmaler Johann-Sebastian der jüngere; Werke von ihm sind ebenfalls Bestandteil der Sammlung.

Teamarbeit

In seinem Leben arbeitete Bach mit zahlreichen Dichtern, die in Leipzig ansässig waren, zusammen. So vertonte er z. B. Texte von Christiane Mariane von Ziegler, Christian Friedrich Henrici (genannt Picander) oder von Johann Christoph Gottsched, der seinerzeit Literaturprofessor und Präsident der Universität Leipzig war. Viele Autoren sind jedoch bis heute unbekannt. Der Wortlaut von Festmusiken wurde oft in Chroniken, Zeitungen und Huldigungsschriften veröffentlicht. Zu den Leipziger Kantatenaufführungen gab Bach selbst Texthefte heraus, die zum Mitlesen im Gottesdienst bestimmt waren. Außerdem erklangen unter seiner Leitung Passionsmusiken der Komponisten Reinhard Keiser, Georg Friedrich Händel, Georg Philipp Telemann und Gottfried Heinrich Stölzel.

Info

Das Bach-Museum befindet sich im Bosehaus vis á vis der Thomaskirche am Thomaskirchhof, Leipzig

Wie Johann-Sebastian Bach das ungeheuerliche Arbeitspensum bewältigte, welche Strategien er verfolgte, wer ihn bei dieser selbstgewählten Mission unterstützte und wie seine Kirchenmusik seinerzeit in Leipzig aufgenommen wurde, zeigt eindrucksvoll das BachMuseum Leipzig im Bosehaus vis á vis der berühmten Thomaskirche am Thomaskirchhof.

www.bach-leipzig.de

Textbearbeitung & Fotos: Renato Diekmann; Informationsquellen: Bach-Archiv Leipzig, Bach-Museum Leipzig.

Ein Gedanke zu „Meisterwerke im Wochentakt“

  1. Lieber Renato,
    danke für diesen wieder so excellent geschriebenen kunst- und kulturhistorischen Artikel! Ich sollte wieder einmal nach Leipzig fahren – auf den Spuren von Renato Diekmann und Bach:-) Andererseits hätte ich nichts dagegen, Deine Überschrift wörtlich zu nehmen, etwas abzuändern und zu schreiben: Jede Woche einen neuen Artikel, bitte!
    Es grüßt Dich herzlich
    Johanna (Renate Wöhlke )

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