English Theatre of Hamburg: This is how it goes – So läuft`s nun mal

POLITISCH UNKORREKTES IM ENGLISH THEATRE OF HAMBURG

Von Uta Buhr

Ja, so läuft’s nun mal. Zumindest in der amerikanischen Provinz, wo  nach Ansicht des Erfolgsautoren Neil Labute der Rassismus auch heute noch  fröhliche Urständ feiert. Natürlich ist dieser mit einem dünnen Firnis kleinbürgerlicher Bigotterie überzogen. Doch gelegentlich brechen sich lieb gewonnene Vorurteile immer noch  in unverminderter Schärfe  Bahn. Da wird schon einmal hinter vorgehaltener Hand ein Schwarzer als „nigger, coon, pickany“ oder gar als „blue-gummed chimpanzee“ bezeichet.

Aber auch die farbigen Amerikaner –  politisch korrekt „Afroamerikaner“ –  lassen es  sich nicht nehmen, dies mit gleicher Münze heimzuzahlen. Wer bisher glaubte, die Rassenkonflikte in den Vereinigten Staaten gehörten seit langem der Vergangenheit an, muss sich  von Neil Labute in „This is how it goes“ eines Besseren belehren lassen. Nur, so lässt der Autor uns in seinem provokanten Stück wissen, kommen diese viel subtiler, sozusagen auf leiseren Sohlen daher als früher.

Aber in medias res – Vorhang auf für ein bemerkenswertes Kammerspiel, in dem lediglich drei Personen agieren. Und dies noch vorweg. Jene Kleinstadtidylle, die dem Zuschauer eine heile Welt vorgaukelt,  erinnert fatal an die genialisch bösen  Filme des unlängst verstorbenen Claude Chabrol. Was auf den ersten Blick wie wohlanständige, behäbige, nahezu spießige Bürgerlichkeit anmutet, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als ein Sumpf aus Aggressivität, Lüge und Verstellung.

Der namenlose Erzähler des hinterhältigen Plots – hier nur „der Mann“ genannt, kehrt nach langer Zeit in seine Heimatstadt irgendwo in der amerikanischen Provinz zurück und trifft rein zufällig auf Belinda, seine große Liebe aus Highschooltagen. Die blonde Schönheit hatte ihn, den etwas übergewichtigen Mitschüler, nie beachtet, sondern sich dem dunkelhäutigen Sportcrack Cody zugewandt. Seit Jahren ist sie mit dem inzwischen erfolgreichen Geschäftsmann verheiratet und hütet als Mutter zweier Kinder das Haus.

Als „der Mann“ die Einlegerwohnung über der Garage des Ehepaares mietet und auch Gelegenheitsarbeiten für Cody erledigt, wird die Brüchigkeit dieser Dreierbeziehung schnell überdeutlich. Konflikte brechen aus, denn Belinda fühlt sich zu dem attraktiven „Mann“ hingezogen. Und das ist ihrem Ehemann natürlich gar nicht recht. „Der Mann“, ein gescheiterter Anwalt, befindet sich ständig dem schwarzen Aufsteiger gegenüber in der Defensive, zumal Cody immer wieder seinen Wohlstand herausstreicht. Er hat es geschafft! Oder will uns der Erzähler dieses protzige Verhalten nur glauben machen, ebenso wie Belindas gerade erwachte Leidenschaft für ihn? Vielleicht auch jene Ausfälle, in denen der „schwarze Brutalo“ – einem Shakespearschen  Othello gleich – Belinda mit seiner Eifersucht quält, sie beschimpft und gar schlägt?

Hier ist der Zuschauer gefordert, den Wahrheitsgehalt aus den Darstellungen des Erzählers und den  tatsächlichen Vorgängen herauszufiltern. Dieses Unterfangen erweist sich als nicht ganz einfach,  zumal manche Szenen, mehrmals wiederholt, das Geschehen jeweils  unter völlig anderen Vorzeichen darstellen.

Die raffinierte Handlung des Stückes ist zwischen Komödie, Drama und Krimi angesiedelt. In diesem Wechselbad aus Komik und Dramatik fühlt sich der Zuschauer nicht selten in die Rolle eines Detektivs gedrängt, der sich häufig  auf der falschen Spur befindet. Je weiter das Stück jedoch voranschreitet, umso offensichtlicher wird, dass der Erzähler – „der Mann“ – seine ganz subjektive Sicht auf die Dinge enthüllt, gespickt mit tief verwurzelten Rassenvorurteilen und abstrusen sexuellen Fantasien.

Auch mag das Publikum  nicht so recht an die Wahrhaftigkeit jener Szene glauben, in der Belinda und „der Mann“ Händchen haltend in einer Anwaltskanzlei sitzen, während der in edlen Zwirn gekleidete Cody mit finsterer Miene danebensteht. Verfängt der Erzähler sich hier erneut im Labyrinth seines Wunschdenkens? Das zu klären bleibt jedem frei, der dieses faszinierende Theaterstück auf sich wirken lässt. Faktum ist,  dass „This is how it goes“ das Publikum bis  zum Schluss in atemloser Spannung hält. Was kann man von einem Theaterabend mehr erwarten!

Neil Labute gehört zu den gleichermaßen anerkannten und umstrittenen amerikanischen Gegenwartsautoren. 1963 in der (ehemaligen) Autostadt Detroit im Bundesstaat Michigan geboren, studierte er Theaterwissenschaften an der New York University und der Royal Academy of Dramatic Art. Im Laufe der Jahre schrieb er Erfolgsstücke wie „Fat Pig“, „The Shape of Things“, „The Distance from here“ „The Mercy Seat“, „In the Company of Men“ und „Possession“, um nur einige Werke aus seinem umfangreichen Oeuvre zu nennen. Sämtlichen Stücken ist eines gemein: Neil Labute verstört mit seinen schonungslosen Darstellungen der „condition humaine“ und provoziert nicht wenige Kritiker, die ihn schlicht als zynisch abtun. Besonders kontroverse Diskussionen rief  „In the Company of Men“ hervor. Hierin porträtiert Labute zwei frauenfeindliche Geschäftsleute, die in einer bösartigen Verschwörung eine taube Frau aufreizen und seelisch zugrunde richten.

Dem English Theatre sei Dank,  dass es diesen großartigen Autor in sein Répertoire aufgenommen hat, um dem Publikum in dieser Spielzeit wieder  einen Theatergenuss par excellence zu bieten. Und wiederum hat Regisseur Clifford Dean mit leidenschaftlichen Schauspielern wie Julie Addy (Belinda), Ike Ononye (Cody) und Sean Browne (The Man) ein Ensemble zusammengestellt, das diesen Plot kongenial umsetzt. Wir wünschen uns mehr Stücke von Neil Labute.

Letzte Vorstellung von „This is how it goes“ ist der 13. November 2010

Nächstes Stück:  „Don’t missunderstand me“, Komödie  von Patrick Cargill

Premiere am 25. November 2010

Fotos: English Theatre

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Ein Gedanke zu „English Theatre of Hamburg: This is how it goes – So läuft`s nun mal“

  1. Liebe und durchaus bewunderte Vize-Präsidentin!
    Habe nicht nur Deine (berechtigte) Lobeshymne, sondern auch das Stück gesehen, einmal im Westend und gestern hier. Dieses Stück ist wirklich ein Traum; es gibt darüberhinaus eine Novelle von Updike, die eine ähnliche Geschichte ähnlich bestürzend erzählt (Habe leider den Titel vergessen, werde aber meine literarisch gebildetere Frau fragen). Bis zum Wiedersehen in Gesundheit Dein Hans-Peter

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