Die Geschichte der Wanderbühnen….einmal anders als akademisch!

Tourneetheater von Thespis im alten Griechenland bis zur aktuellen Spielzeit 2010 / 11 in deutschen Landen
Von Hans-Peter Kurr

Wenn heute das Tourneeunternehmen „Thespis-Karren“mit einem Shakespeare-Stück, etwa „Der Widerspenstigen Zähmung“, im Theater der Stadt Wolfsburg gastiert, wird wohl nur wenigen der 1 100 Zuschauer bewusst werden, dass sie einer der ältesten Theaterformen begegnen, die die Geschichte kennt: der Wanderbühne.Ohne Wanderbühnen, die seit über zweieinhalb Jahrtausenden kreuz und quer durch Europa zogen und ziehen, hätte es keinen Kulturaustausch unter den Völkern unseres alten Kontinents gegeben, hätte bereits in der Antike das grosse griechische Vorbild nicht die Römer doch noch bewogen, sich ein eigenes kulturelles Gesicht zu schaffen, wären selbst die Demokratien unserer Tage von Technokraten und Militärs regierte Ameisenhaufen arbeitender und kämpfender Menschen und auf die Dauer….lebensunfähig!
Wenn wir in die Tiefe der Menschheitsgeschichte hinabblicken, erkennen wir, dass diese Form des Theaters im 6. Jahrhundert vor der Geburt Christi ihren Urspung hat. Damals begründete der griechische Tyrann Peisistratos in Athen die sogenannten „Dionysien“, Weihefeiern zu Ehren des Gottes Dionysos mit Theaterdarbietungen. Seinen ersten künstlerischen Leiter kennen wir noch heute: Thespis. Dessen berühmter Karren, der bis in unsere Tage einem der renommiertesten Theater-Unternehmen Europas den Namen leiht,
war nicht etwa der Autobus der frühen Jahre, mit dem seine Darsteller über Land reisten, sondern ein auf Räder montiertes Schiff mit dem Kultbild des Gottes, sozusagen ein rollender Werbeträger. Jenen Thespis nennt die Theatergeschichte den Schöpfer der Kunstform „Tragodia“, die von den drei wichtigsten Bühnenschriftstellern der Antiken, Aischylos, Euripides und Sophokles nach ihm zu einer Reife geführt wurden, die uns ihre Stücke heute noch spielen lässt. Thespis war es auch, der den Amerikanern des 21. Jahrhunderts eine Idee lieferte:
Ein Stück und seine Ur-aufführung in der Provinz zu testen (Off-off-Broadway) und es erst dann gegebenenfalls nach New York zu bringen. Der kluge erste Intendant der Geschichte hielt es allerdings umgekehrt: Er schickte seine Wandertruppen erst, wenn sie bei seinen Festspielen Erfolg hatten, ins „Off-off-Athen“. Und , da ihm seine zeitgenössischen Erfinder einen Lautsprecherwagen leider ( noch) nicht anbieten konnten, sich auch die Vorfahren des Herrn Litfass  mit allem anderen als mit Werbesäulen beschäftigten, benötigte er eben jenen Schiffswagen.-
Seit diesen Tagen wanderten Schauspielertruppen durch das Mediterraneum, spielten Tragödien, später auch Komödien und erschienen, um die Mitte des vierten Jahrhunderts nachchristlicher Zeitrechnung, über Sizilien nach Italien reisend, vor den erstaunten Augen der Römer. Pragmatiker, die jene waren, machten sie bald eine nützliche, hochpolitische Entdeckung, für die ihnen sämtliche nachfolgende Diktatoren der Weltgeschichte bis heute dankbar sind:
Wie gut sich die Spezies Mensch mithilfe des Theaters manipulieren lässt. Flugs gründeten sie Wandertruppen von sogenannten „Joculatoren“ (Spaßmachern), schickten sie in die eroberten Gebiete und liessen dort auf sehr unterhaltsame Weise verkünden, das mächtige Rom sei die gute Mutter aller Menschen.Ebenso fleissig besuchten Joculatoren-Truppen römische Garnisonen, um die Soldaten bei Laune zu halten: Das erste Front-Theater der Menschheit.-
Bezeichnend ist, dass – jedenfalls zu Beginn – für die Organisation jener Reise-Theater römische Ädilen zuständig waren, Beamte, die sich üblicherweise um das Polizeiwesen kümmerten. Sie waren es auch, die die – sämtlich von der Regierung subventionierten – Theater-Truppen auf einem ansehnlichen Niveau hielten.-
Wir springen, da wir in diesem Beitrag nur Originelles berichten wollen, von der Antike in das Europa des 16./17. Jahrhunderts, also bereits in die Nach-Shakespeare-Zeit (, dessen Genialität ,wir in einem anderen Beitrag würdigen wollen!). In unserer Betrachtung ist auf der „grünen Insel“ soeben vom britischen Staatsrat ein Auftrittverbot für Schauspieler erlassen worden….aus moralischen Gründen! Viele der anglikanischen Wanderbühnen,d ie dadurch ihrer Lizenz verlustig gegangen waren, wichen um diese Zeit nach Deutschland aus, wo sie auch auf italienische Kollegen trafen. In den Stadtchroniken von Dresden und Frankfurt tauchen sie in diesem Jahrundert ebenso auf wie in denen von Kassel, Münster und Köln. Und da konnten Deutsche, die im Verlauf ihrer wechselvollen Geschichte stets daran gewöhnt waren und noch sind, fremdländische Einflüsse brockenweise zu schlucken und machmal sogar zu verdauen, wieder etwas lernen: Durch die allmähliche Integration deutschsprachiger Spieler in diese ausländischen Wandertruppen, entwickelte sich im folgenden Halbjahrhundert das deutsche Wandertheater mit seiner wichtigsten Vertreterin, der Truppe der Neuberin, die ein Vierteljahrhundert, genau von 1727 bis 1750, europaweite Triumpghne feierte.-
Wir übergehen hier mancherlei, was die Theatergeschichte uns weiter berichtet, z.B. den Streit der Neuberin mit dem Literaturprofesoor Gottsched, wir würdigen auch an dieser Stelle nicht die Grössen – uns allen aus der Schulzeit bekannten – wie Goethe, Schiller, Lessing, wir stehen an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert und sehen, wie sich die ersten festen Bühnen in unseren Landen etabliert haben wie die Nationaltheater in Mannheim, wo Intendant Dalberg Schillers „Räuber“ ur-aufführte oder jenes auf Hamburgs Gänsemarkt, allwo Lessing seine berühmt gewordene „Hamburgische Dramaturgie“ schrieb.
Wir werfen noch einen kurzen Blick auf Carlo Goldoni, den italienischen Komödiendichter, der die Mitglieder seiner Wanderbühnen zum ersten Mal zwang, vorgegebene Txte zu lernen, wir streifen mit einem Seitenblick den Giganten Molière, der – bevor er an den Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV als „Unterhaltungschef“ berufen wurde – Jahrzehnte seines Berufslebens „on tour“ verbrachte, um “ die komische Bühne zu adeln und sie nützlich zu machen dadurch, dass sie Laster und Torheiten züchtigte und verspottete“ ( Auch seine kaum fassbare Auswirkung auf die europäische – und später internationale – Theaterwelt wollen wir in einem getrennten Beitrag betrachten) und enden bei der wohl ungewöhnlichsten Wanderbühne, die Europa je durchreiste, jener des Herzogs von Meiningen, Georg II., der sein privates Leben mit  dem der Schauspielerin Ellen Franz verband, die ihn zu einem der frühen Regisseure der Theatergeschichte heranbildete, dessen theaterdirektoriale Tätigkeit im Jahr 1890 n ach einer Serie von 2.600 Vorstellungen in vierzig Städten und einem Zeitraum von nahezu 40 Jahren mit Shakespeares „Was Ihr wollt“ in Odessa ihr Ende findet..-
Mit Anbruch des 20. Jahrhunderts ist das Wandertheater aus Europa fast gänzlich verschwunden. Erst nach 195o erscheinen in deutschsprachigen Landen wieder fahrende Truppen, Tourneetheater, die darauf spekulieren, Stars der Leinwand und des sich langsam durchsetzenden Fernsehens in der Provinz live zu präsentieren und damit Geld zu verdienen……
Mit Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich dieses Bild – zumindest im vereinigten Deutschland – langsam gewandelt: Die Tourneetheater füllen eine wirklich vorhandene Lücke, denn sie bespielen , neben den finanziell viel schwächeren Landesbühnen, Städte und Gemeinden ohne eigenes Ensemble. Und das ist wichtig, weil der Wanderbühne möglicherweise wieder die Zukunft gehören wird, wenn die Kommunen weiterhin ihre Kultur-Etats mit der allenthalben zu beobachten Sorglosigkeit so stark schrumpen lassen ( Oder wenn die erste Äusserung eines in Hamburg designierten Kultursenators darin besteht, “ eines der beiden grossen Schauspielhäuser zu schliessen oder mit dem anderen fusionieren zu lassen!).  Die Folge wird sein, dass die subventionierten Theater – möglicherweise – bald nicht mehr in der Lage sein werden, ihre Hauptaufgabe verantwortungsbewusst zu erfüllen : die Demokratie lebensfähig zu erhalten.

Ein Gedanke zu „Die Geschichte der Wanderbühnen….einmal anders als akademisch!“

  1. Lieber Hans-Peter!
    Wenn ich diesen Artikel lese – und dabei lerne – dann freue ich mich schon heute auf unsere DAP-Veranstaltung am 29. Oktober, die wir noch ankündigen werden, in der Du zum Thema „Freiheit in Wort, Sprache und Schrift“ sprechen wirst.

    Das Theater ist Spiegel der Gesellschaft und Spiegel der Seelen, zwei vornehme Aufgaben, denen sich eine Gesellschaft nie entziehen sollte.

    Deine Aussage also, dass die Hauptaufgabe des Theaters darin bestehen könnte, die Demokratie lebensfähig zu erhalten, nehme ich gerne mit in meinen Tag und werde diesen Aspekt noch lange in meinen Gedanken hin und her drehen und wenden. Wir werden Gelegenheit haben, darüber zu reden.
    Danke und liebe Grüße
    Johanna Renate Wöhlke

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