Word Art

Von Dr. Wolf Tekook

Seit den Zeiten der Scholastik zählt  die kunstvolle Gestaltung von Geschriebenem zur hohen Schule der Buch- und Briefgestaltung. Hingebungsvoll verzierten die Mönche des Mittelalters die von ihnen gefertigten Bibelabschriften: Stehende oder hängende Einzüge der Kapitelanfänge, penibel dekorierte und stark vergrößerte Buchstaben wurden in monatelanger Arbeit mit Tusche auf das Papier aufgebracht, allegorische Figuren umrahmten die heiligen Texte.

Valerius Maximus, gedruckt in Mainz von Peter Schöffer, 18. Juli 1471 (aus Wikipedia)

Mit der Erfindung des Buchdrucks (nahezu zeitgleich, aber unabhängig voneinander durch Aldus Manutius und Gutenberg) wurden die Verzierungen standardisierter, aber blieben dennoch vielfältig. Unter Sammlern hochgeschätzt sind die Inkunabeln (Wiegedruck) des ausgehenden 15. Jahrhunderts, bei denen die von den Mönchen entwickelten Techniken mit Hilfe von Lettern nachgeahmt wurden – siehe das nebenstehende Bildbeispiel. Noch bis die Anfänge des 20. Jahrhunderts – genannt sei die Art Deco- Periode – wurde viel Wert auf eine aufwändige Gestaltung gedruckter Texte gelegt.

Die darauf folgende Sachlichkeit setzte auf Aussage statt auf Dekoration; der immer weiter perfektionierte und mechanisierte Buchdruck favorisierte Schnelligkeit und Kostengünstigkeit vor Schönheit und Dekoration. Als die ersten Taschenbücher aufkamen, wurde nochmals zugunsten günstiger Preise gespart: Kleinere, schmucklose Schriften, enge Zeilenabstände.

Dann begann die Aera der Personal- Computer, und schon bald entdeckten die Schriftsetzer die Möglichkeiten des neuen Arbeitsknechtes. Die Schriftendesigner entwickelten rasch immer neue Varianten vorhandener Schriften, neue, teils absonderliche und kaum noch lesbare Fonts bereicherten das Instrumentarium der Textgestalter.

Word Art- Beispiele

Seit die Firma Microsoft in ihr Office- Paket das Modul Word Art einführte, versuchten sich professionelle wie Hobby- Texter an ungewöhnlichen Gestaltungsmöglichkeiten für Texte. Da konnten die Buchstabenfolgen gekrümmt, eingefärbt, verzerrt und gespiegelt werden. Als Folge gab es bald keine Einladungskarte zum Kindergeburtstag mehr, die nicht mit grellbunten Überschriften in Luftballonform geschmückt war – natürlich mit Schatten, Farbverläufen und allem anderen, was die Buchstaben- „Kunst“ hergab. Wer konnte schon widerstehen, wenn die Möglichkeit bestand, dem eigenen Text durch dunkellilafarbene Schrift mit Buchstaben in Form kleiner Schweinchen auf hellrosa Hintergrund  Individualität einzuhauchen?

Multimediale Ergänzungen machten dann den Genuss vollkommen: Der geneigte Leser eines per Email versandten Dekorativtextes mit Word Art- Elementen wurde mit einem „midifizierten“ Piepsen von reinen Sinuswellen aus dem PC- Lautsprecher beglückt, aus denen er, so die Schallwellen nicht die Trommelfelle angriffen, „Happy birthday to you“ erraten konnte. Die Buchstaben lernten das Tanzen, die Farbenvielfalt wuchs.

Erst allmählich begannen sich dann die Lesenden daran zu erinnern, dass Texte auch Inhalte vermitteln sollen. So kommentierte am 25. März 2010 ein sichtlich genervter einen Artikel in der Computerzeitschrift CHIP zu den neuen Verzierungsfunktionen in Microsofts Office 2010: „Bitte keine neuen Textverzierungen. Bitte, bitte nicht. Bitte keine Cliparts, 3D-Effekte oder Ähnliches. Diesen Dreck krieg ich dann nämlich gemailt… und kann nur mit Powerpoints zurückschlagen, die möglichst viele verschiedene Folienübergänge haben. Fade in, fade out, Balken, andere Balken, und das alles unterlegt mit Musik.“ Eine Ratgeberseite formuliert: „Mit WordArt können Sie Texte sehr auffällig gestalten. Besonders sinnvoll ist der Einsatz von WordArt, wenn Sie Texte kreisförmig, gekrümmt oder gewellt schreiben wollen. Mit ein wenig Aufwand können Sie gekrümmte WordArt-Objekte auch in Kreise einpassen.
Setzen Sie WordArt aber nur sparsam ein. Der Effekt ist so auffällig, dass er sich rasch abnutzt.“

Und so setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass die Bauhaus- Maxime „Form follows function“ auch bei Texten nicht zu vernachlässigen ist: Wer lesenwerte Inhalte zu vermitteln hat, kann auf das Aufpeppen des Geschriebenen mit fragwürdigen Methoden getrost verzichten.

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