Der Trick der Unerbittlichkeit

Konstanze Ullmer inszeniert „Warten auf Clanton“ im Hamburger Sprechwerk
Von Hans-Peter Kurr

Kristina Bremer (Josie)

Es gibt die Anekdote um Erfindung und Verkauf des alkoholfreien Bieres im „Wilden Westen“, des „Ginger-Ale“, damit die harten Kerle nicht so schnell besoffen und dadurch schiesswütig würden wie beim Genuss des mit Whiskey vermengten alkoholischen Gerstensaftes.
Von diesem Schlag des Typus Westernheld sind die Männer, denen wir in Ellla Marouche’s und Huug van’t Hoffes „schräger Komödie“ begegnen mit dem assoziationsreichen Titel „Warten auf Clanton“.
Zwar ist Clanton kein literarischer Bruder von Godot, und deutsche Jung-Schauspieler, wenn sie Pistoleros darstellen, immer unfreiwillig karikierend (, sowohl auf der Bühe wie im Film!). Aber genau diesen zweitgenannten Umstand hat sich die vielseitig begabte Regisseurin Konstanze Ullmer, die schon so manches Kunststückchen in dem von ihr künstlerisch mitgeleiteten Off-Theater „Hamburger Sprechwerk“ zuwege gebracht hat, zunutze gemacht, nachdem sie – in guter alter amerikanischer Manier – ihre Inszenierung als „Off-off-try-out“ im Rahmen des Wilhelmsburger „Dockville“-Festivals ausprobiert und den dort offenkundigen Erfolg jetzt im Zentrum der Hansestadt wiederholen konnte.-
Nach Musik-Rockern wie „Ja, Panik“ oder Hipphoppern wie „K.I.Z.“ mag sich diese Open-air-Produktion beinahe seriös ausgenommen haben, in der Indoors-Version auf der grossen Bühne des Sprechwerks dagegen, dicht vor den Premierenzuschauern, entwickelte die kluge Ullmer mit ihren,offensichtlich weitgehend stilistisch ahnungslosen, Schauspielern, eine köstliche Show zu dem Thema „Es geschieht rein gar nichts, aber wir amüsieren uns köstlich!“.
Ritterlichkeit steht im Tombstone von 1881, beim historischen Endkampf zwischen Wyatt Earp, Doc Holliday und der Clanton /McLaurey-Bande nicht hoch im Kurs. Die einen wüten erbarmungslos gegen die anderen (Allerdings wird dies nur erzählt wie in der Teichoskopie des antiken Theaters), der Schreck lähmt alle, eiskalt und unerbittlich, jeder ist gegen jeden, ohne Gnade, am Ende liegen nur Tote auf der Bühne. Aber Ullmer weiss, dass die einen und die anderen nie mit Vorbedacht grausam sind, sondern erst Gewalt üben, wenn man sie herausfordert. Und (Halten zu Gnade, so scheint es zumindest?), sie lässt ihre Darsteller an diesem Wissen nicht teilhaben. Durch diesen – legitimen – Trick der Unerbittlichkeit gelingt es ihr, aus der Geschichte um blutrünstige Bestien eine Farce zu machen, die dem Zuschauer die Chance zum Voyeurismus gibt, die er, amüsiert und ohne eigenen Schuldnachweis, nutzen kann. Ein raffinierter Schachzug der Spielleitung. Und ein Konzept, in dem sich die Schauspieler Kristina,Michael,Christian,Linus und Guido ungehemmt austoben können….und dies auch lautstark tun!
Persönliche Würde der Rollen-Figuren steht nicht zur Debatte, es wird gekotzt und gekotet, und der Zuschauer hat dennoch die Möglichkeit, sich – lachend – über alle moralischen und rechtlichen Schranken ungestraft hinwegzusetzen.-
Sadistische Wollust, sie lebe hoch! Und die Regisseurin ebenfalls!(Weitere Vorstellungen finden statt am 4. und 5. September, jeweils um 20.00 Uhr)

2 Gedanken zu „Der Trick der Unerbittlichkeit“

  1. Ohne das Stück gesehen zu haben, wundert mich die Art und Weise dieses Artikels, denn offenbar könnte die geniale Spielleitung ja auch ohne „stilistisch ahnungslose Schauspieler“ auskommen, die ja scheinbar nur Vornamen haben.
    Aber wer steht denn bitte auf der Bühne?
    Wie gut daß alte Seilschaften funktionieren, nur ob es Herrn Kurr gefallen hätte, wenn man ihn in seiner letzten Arbeit mit der klugen Frau Ullmer als Hans-Peter bezeichnet hätte, wage ich zu bezweifeln…
    Ein Hoch auf die unabhängige Presse!

  2. Diese lustvoll geschriebene Rezension lässt ein offenbar total tabuloses und wohl politisch auch vollkommen unkorrektes Stück hochleben. Gut so. Solche Bühnen braucht das Land, die sich derartiger Stücke von Zeit zu Zeit annehmen.
    Uta Buhr

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