Zu Gast bei den Göttern

Von Renato Diekmann

Der Großmeisterpalast thront über der Stadt Rhodos

Man kann den Urlaub auf Rhodos auch als Bildungsreise betrachten. Auf der Insel wird Geschichte lebendig. Eine faszinierende Kombination aus Kultur und Urlaubsvergnügen, Okzident und Orient, Antike, Mittelalter und Neuzeit.

Ein Produkt der Liebe

Straßenschlachten in Athen, Imageschaden durch den Staatsbankrott: Die Wirtschaftskrise könnte in Griechenland auch für den Tourismus zur Katastrophe werden, befürchtete ein Hamburger Nachrichtenmagazin Anfang Mai 2010. Denn obwohl die Preise (bis auf den Sprit) derzeit günstig wie schon lange nicht sind, schreckt die Situation im Land Urlauber eher ab, was sich hoffentlich nicht bestätigen wird. Noch ist Griechenland genauso schön und gastlich wie früher und vor allem völlig ungefährlich für Touristen – zum Beispiel die Sonneninsel Rhodos, das Paradies antiker Götter, die auf Erden Landbesitz beanspruchten. Dem Mythos nach wurde Rhodos von Göttervater Zeus dem Sonnengott Helios zugesprochen. Und Pindar, der weiland in Griechenland lebende Dichter aus dem ägyptischen Theben, schreibt in einer seiner Oden, die Insel sei das Produkt der Liebe des Helios zur Nymphe Rhoda gewesen – ein schönes Ergebnis.

Traumziel im Mittelmeer

Trotz so bedeutender antiker Götter und Mythen muss sich auf Rhodos niemand als Fremder fühlen. Die Insel ist modern und weltoffen, die Menschen sind gastfreundlich, hilfsbereit und zuvorkommend. Umso verständlicher ist, dass der vielen Sonnenstunden wegen nicht nur Helios, sondern Gäste aus aller Welt die Hauptinsel der Dodekanes zu ihrem Traumziel im Mittelmeer auserkoren haben. Für Alfred Biolek, der als Hausbesitzer in Griechenland mehr Zeit verbracht hat als irgendwo sonst im Ausland, ist es das bezaubernde Licht der Ägäis, der kühlende Wind im Hochsommer, die phantastische Landschaft der Inselwelt, die fröhlichen Menschen und antiken Mythen.

Grünes Reich der Natur

Griechenlands viertgrößte Insel ist überraschend grün, teilweise dicht bewaldet und beschattet von italienischen Zypressen, Aleppo-Kiefern, Edelkastanien und Dattelpalmen. Für das üppige Grün auf der Insel sorgt das „Tal der sieben Quellen“, die in der Nähe von Kolimbia entspringen. Unter weißen Sonnenschirmen an endlos langen Stränden wird gefaulenzt, und in kleinen verschwiegenen Buchten gibt es Beach-Sofas für romantische Stunden zu zweit. Stille Bergdörfer und mittelalterliche Burgen, hinter deren Mauern sich Johanniter erfolgreich gegen Angreifer verschanzten, wachen über Insel und Meer. Auf den Terrassen der rhodischen Häuser blühen Bougainvilleas in prächtigen Farben. Und mit etwas Glück sieht man putzige Kätzchen mit Knopfaugen in einem Olivenbaum herumtollen. In der Naturlandschaft wachsen Ginster, Amber- und Maulbeerbäume, gedeihen Zitrusfrüchte,  Riesenmelonen, Oliven, Wacholder, Pinienkerne, Kräuter und wildes Gemüse. Bunte Deckenfresken in ehrwürdigen Klöstern, vergoldete Altäre und mit Silber ausstaffierte Ikonen in byzantinischen Kirchen bitten zur inneren Einkehr. Als Erbin von einer sagenhaften, wechselvollen Geschichte, die dramatischer nicht sein kann,  ist die Insel reich an kulturellen Schätzen. Wegen ihrer strategisch guten Lage am Schnittpunkt wichtiger Seewege im östlichen Mittelmeer wurde Rhodos immer wieder besetzt, umkämpft und geplündert, die Menschen ausgebeutet und zutiefst gedemütigt – 1943 auch von den Nazis, die etwa 2000 Juden in deutsche Konzentrationslager deportierten und dort größtenteils ermordeten.

Auf Rhodos gedeihen Orangen, Zitronen und Monstermelonen

Faszinierende Zeitzeugen

Wer durch die faszinierende Altstadt von Rhodos schlendert, begegnet in der Metropole an der Nordspitze der Insel allerlei historischen Zeitzeugen. Sie lenken den Blick auf die griechische Antike, die Epoche der Kreuzritter und die Zeit der türkischen und italienischen Besetzung. Einwohner und Gäste wohnen hier in Jahrhunderte alten Häusern im Schutze einer 4 km langen Mauer, die Rhodos-Stadt umgibt. Der Schutzwall wurde 1309 von den Johannitern erbaut und nach feindseligen Überfällen immer weiter befestigt. Früher hielt die bis zu 20 m hohe und 12 m dicke Mauer über dem 25 m breiten Wallgraben feindliche Truppen davon ab, die Stadt einzunehmen, heute hält sie die Invasion endlos langer Blechlawinen, die draußen vor den Toren parken müssen, vom Stadtkern fern. Dadurch bleibt die Altstadt bis auf den notwendigen Anlieger- und Lieferverkehr von Autos und Bussen verschont. Die historischen Straßen und Plätze sind nicht nur autofrei, schön und romantisch, sondern so gut erhalten, dass sie als Kulisse für zahlreiche, im Mittelalter spielende Filme dienten. Außerdem versprüht die von der UNESCO 1988 zum Weltkulturerbe ernannte Altstadt so viel Charme, dass man tagelang in ihr spazieren gehen kann, ohne sich zu langweilen.

Bezaubernde Atmosphäre

Die Türken haben die Süleyman-Moschee den Insulanern hinterlassen

Die Süleyman-Moschee, eine der prächtigsten türkischen Gotteshäuser, zahlreiche byzantinische Kirchen, Paläste aus der Ritterzeit und Grundmauern antiker Tempel, eine Synagoge, ein türkisches Bad und der viereckige Uhrturm mit Aussichtsplattform und Café-Bar bilden ein harmonisches Ensemble, stellt Klaus Bötig, Reiseautor und Rhodos-Liebhaber, erfreut fest. Er lebt meist in, für und überwiegend von Griechenland, wie er sagt, genießt das stimmungsvolle Flair der Lokale in uralten Gewölben oder auf sonnigen Terrassen mit weitem Blick über Dächer und Festungsmauern. Viele kleine Geschäfte säumen den Hippokratesplatz mit seinem Eulenbrunnen, den man durch das Thalassini-Tor im Schatten zwei wuchtiger Rundtürme mit wenigen Schritten erreicht. Dem verlockenden Angebot der Läden in der Odós Sokrátous, der Flaniermeile von Rhodes Stadt, zu widerstehen, fällt besonders im Urlaub schwer. Und vom bunten Markttreiben im türkischen Viertel der Altstadt lässt sich der Gast ohnehin sofort mitreißen. Das wegen Baufälligkeit 1980 abgerissene Minarett wurde 2005 wieder originalgetreu aufgebaut.

Der Palast der Großmeister

Am höchsten Punkt der Altstadt erhebt sich eindrucksvoll der von den Italienern frei rekonstruierte Großmeisterpalast, der gar nicht mal so alt ist wie er aussieht. Nachdem große Teile der ursprünglichen Burg 1865 durch die verheerende Explosion eines Pulverlagers zerstört wurden, begann unter dem Faschisten Benito Mussolini der Wiederaufbau in den 1930er Jahren. Die kunstvollen Bodenfliesen von der Insel Kos in den viel zu protzigen Sälen des Obergeschosses, die es im historischen Großmeisterpalast nie gegeben haben kann, bescherte der Rekonstruktion berechtigte Kritik. In einem Saal können Besucher übrigens die Kopie des berühmten Laokoon, des Poseidon-Priesters aus der Stadt Troja besichtigen, der den Zorn der Göttin Athena heraufbeschworen haben soll, weil er versucht hatte, seine Mitbürger vor der List des hölzernen Pferdes zu warnen. Eine informative Ausstellung im Erdgeschoss des Palastes beleuchtet das Leben der Menschen in der Antike und im Mittelalter auf eindrucksvolle Weise.

Symbole der Macht

In der Ritterstraßen lebten die verschiedenen "Zungen" der Johanniter

Eine besondere Sehenswürdigkeit ist die kopfsteingepflasterte Ritterstraße. Die einzige spätmittelalterliche Wohnstraße Europas führt direkt zum Großmeisterpalast des Johanniterordens. Rechts und links der Straße reihen sich die schlichten Herbergen der sieben Landsmannschaften (Zungen), die im Orden der Johanniter zusammengeschlossen waren.  Die trutzige Festung steht aber auch als Symbol für eine unumschränkte Macht, die der Großmeister Foulques de Villaret und seine Nachfolger recht willkürlich ausgeübt und missbraucht haben müssen. Während der Kreuzzüge spielte der katholische Mönchsorden leider eine sehr unrühmliche Rolle. Er pflegte nicht nur Alte, Kranke und Obdachlose, sondern zog unter dem Vorwand, den Glauben des christlichen Abendlandes zu verteidigen, mit dem Schwert gegen die Moslems zu Felde. Mit seiner schlagkräftigen Flotte plünderte er osmanische Kriegs- und Handelsschiffe und machte dabei reiche Beute. Die Kreuzzüge zwischen Glauben und Grauen, Intoleranz und Gier waren blutige Schlachten, die im Nahen Osten bis auf den heutigen Tag tiefe Spuren hinterlassen haben. Nach der Eroberung durch die Türken mussten die Johanniter aus Rhodos weichen und fanden als Malteserorden auf Malta eine neue Bleibe, die ihnen Kaiser Karl V. 1530 großzügig zugewiesen hatte.

Der Koloss von Rhodos

Die Einfahrt zum Mandráki-Hafen säumen Windmühlen und die Agios-Nikólaos-Festung

Mandráki – kleiner Schafpferch – heißt Rhodos klassischer Hafen, der die Schiffe umschließt wie der Pferch die Schafe. Den Koloss von Rhodos als Eigner oder Passagier eines Schiffes zu passieren, wäre gewiss das größte Erlebnis eines jeden Rhodos-Reisenden. Statt des sagenumwobenen Weltwunders, das 227 vor Christus einem Erdbeben zum Opfer fiel, markieren Hirsch und Hirschkuh, die Wappentiere der Insel, die traditionelle Hafeneinfahrt. Auf der schmalen Mole links stehen die drei wohl meistfotografierten, noch intakten Windmühlen des Mittelmeerraumes und die Agios-Nikólaos-Festung samt Leuchtturm aus dem 15. Jahrhundert. Nur Hauptpost, Präfektur, Erzbischöfliches Palais, Evangelismos Kirche mit Campanile und Stadttheater erinnern an die italienische Besatzungszeit. Auch die orientalisch anmutende Fassade des langgestreckten Néa Agorá-Gebäudes ist nicht zu übersehen. Unter den schattigen Arkaden zur Hafenseite hin legen die Rhodier gern eine Pause ein, tauschen Neuigkeiten aus, trinken griechischen Mokka und genießen dazu die auf Rhodos so beliebten, ursprünglich türkischen Süßigkeiten wie baklavás und kataifi (Nussschnitten mit Sirup und Zimt).

Thermen-Refugium

Am südlichen Rand von Rhodos-Stadt beginnt ein Urlaubsgebiet, das nach rund 10 Kilometern ins Touristenzentrum Faliráki übergeht. Anstelle der vielen großen Hotelburgen gab es hier vor 30 Jahren lediglich ein paar bescheidene Fischerhütten. Der 3 km lange Sandstrand und der tolle Waterpark begeistern vor allem Kinder und sind bei Familien äußerst beliebt. Anmutiger und schöner als die riesigen Hotelpaläste zwischen Rhodos und Faliráki sind die Kallithéa-Thermen, in denen bis zur Zerstörung im Zweiten Weltkrieg gutbetuchte Damen und Herren ihre Leiden auskurierten. Die positive Wirkung auf Magen- und Darmbeschwerden des schwefelhaltigen Thermalwassers erkannten schon die alten Römer, die Erbauer der Therme. Seit 2007 erstrahlt das museale Refugium mit blühenden Gärten, steinernen Kuppeln und bunten Glasfenstern in neuem Glanz und ist wegen seiner fjordähnlichen Badebucht, des Cafés unter Palmen und der Taucherschule bei Sonnenanbetern und Wasserraten gefragt wie nie zuvor.

Früher kurierten in der Kalithéa-Therme wohlsituierte Herrschaften ihre Leiden aus

Magie der Vielfalt

Überall auf der Insel locken interessante Ausflugziele: Im Tal der Schmetterlinge umschwirren seltene Falterarten wie der gepunktete Harlekin orientalisch duftende Amberbäume, plätschernde Bäche und rauschende Wasserfälle. Auf dem üppig bewaldeten Filerimos-Hügel zeigen die Ruinen der antiken Akropolis von Ialisos (Trianda) die Überreste des Zeus- und Athene-Tempels und das von Italienern hübsch restaurierte Kloster. Spuren einer dorischen Stadt gibt es an der Westküste in Kameiros zu sehen, die buntesten Türen der Insel in Kashnou südlich von Rhodos-Stadt. Die Burgruine Monólithos, im Südwesten der Insel auf einem freistehenden Felsen erbaut, bietet Panoramablick von Kap zu Kap über das Ägäische Meer. Die weiß gekalkte Kapelle, die nur zu Fuß über eine Treppe erreicht werden kann, steht Besuchern immer offen. Und in Siána, einem kleinen Bergdorf, empfehlen sich die Besichtigung der mit Fresken geschmückten Kirche des heiligen Panteleimonos und der Besuch im gegenüber liegenden Mini-Market, der zugleich Kaffeehaus und Informationszentrale des Dorfes ist.

Die Perle Griechenlands

Die größte touristische Attraktion der Insel ist zweifellos Lindos, das Juwel unter Rhodos Städten. Der traditionelle Ort liegt wie gemalt auf einer Halbinsel am Mittelmeer. Mit seinen weiß getünchten Häusern klettert er oberhalb der tiefblauen See einen Felshang hinauf, der von einer Akropolis gekrönt wird. Faszinierend ist nicht nur der Blick auf die antike Festung, sondern auch die Aussicht von der Akropolis auf den natürlichen Hafen und die Paulus-Bucht. Hier soll der Apostel an Land gegangen sein und Christi Botschaft weitergegeben haben. Lindos, die Perle Griechenlands, ist ein beliebtes Postkartenmotiv und steht schon lange unter Denkmalschutz. Durch die bevölkerten Gassen des Bilderbuchortes fährt außer den knatternden Mofas und Dreirädern der Müllabfuhr kein einziges Auto. Und Rhodos-Experte Klaus Bötig weiß zu berichten, dass die hübschen Kapitänshäuser mit byzantinischen, ägäischen und arabischen Elementen an den Wohlstand der Lindier in der Zeit der Türkenherrschaft erinnern und eindrucksvoll zeigen, wie weit die Seeleute im 17. Jahrhundert gekommen sind auf ihren Reisen und wie viel Reichtum sie ansammeln konnten. Die Wände ihrer Häuser sind geschmückt mit bunt bemalten Keramiktellern, der Innenhof und größte Raum des Hauses, die Sála, mit Kieselsteinmosaiken kunstvoll belegt.

Lindos weiß getünchte Häuser klettern am Felshang zur Akropolis empor

Was für ein Freilichtmuseum!

Eisdielen, Obst-, Gemüse- und Souvenirläden, Cafés und Restaurants säumen den Weg, der zum Ende hin über eine steile steinerne Treppe hinauf zur mächtigen Johanniterburg führt, der vorgelagerten Festung der Akropolis. Die Bauten der antiken Oberstadt sind erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts von dänischen Archäologen Stück für Stück freigelegt worden – etwa die Grundmauern des Römischen Kaisertempels, die Reste der Wandelhalle rechts und links der ausladenden Freitreppe sowie die aufwändig restaurierten dorischen Säulen des Tempels der Athena Lindia auf dem vierten Plateau. Was für eine Aussicht! Vor dem Sonnenuntergang im Westen liegen Lindos weiße Häuser mit begrünten, illuminierten Dachterrassen, auf denen Gastgeber und Gäste bei Anbruch der Dunkelheit ihr Abendessen, das sich über Stunden hinziehen kann, lustvoll einnehmen.

Jamas!

Auf Lindos Dachterrassen warten eingedeckte Tische auf Gäste

Die Köstlichkeiten der griechischen Küche genießen die Hellenen am liebsten mit Freunden und Verwandten in der parea, der großen Tischgemeinschaft. Dabei geht es stets ausgelassen und sehr gesellig zu. Je mehr Wein und mezedes, viele verschiedene Leckereien und Gerichte aus der Region die Tafel füllen, desto besser! Zu einem gelungenen griechischen Essen gehört auch gute griechische Musik, ob Mikis Theodorakis, Maria Farandouri oder traditionelle Insellieder – und natürlich der international bekannt gewordene Sirtaki, der für viele Nicht-Griechen als Inbegriff des griechischen Tanzes gilt. Jamas! Die Hellenen zelebrieren das Leben, dass es eine Freude ist! Alexis Zorbas, die bekannteste Romanfigur des griechischen Schriftstellers Nikos Kazantzakis, im gleichnamigen Film von Anthony Quinn eindrucksvoll gespielt, hat es vorgelebt: Wir tranken und machten reinen Tisch. Die Welt wog leichter, das Meer lachte, die Erde bewegte sich wie das Deck eines Schiffes, zwei Möwen stolzierten auf den Kieseln und unterhielten sich wie Menschen. Ich erhob mich. „Komm, Zorbas!“, rief ich, „Lehre mich tanzen!“ Begeistert sprang er auf, sein Gesicht strahlte. „Tanzen, Chef? Tanzen? Dann komm!“

www.visitgreece.gr

Text & Fotos: Renato Diekmann

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