Die Angst des Ehemanns vor dem WM- Tor

Von Dr. Wolf Tekook

Über das, was passieren kann, wenn Frauen und Männer aufeinander treffen, haben sich Literaten aller Zeitalter Gedanken gemacht. Liebe, Lust und Leidenschaft taugen nicht nur als treffliches Alliterationsbeispiel, sondern diese Attribute zwischengeschlechtlicher Interaktion durchziehen die deutsche Literatur von den Minnegesängen des Walter von der Vogelweide über die Dramen der aufklärerischen Klassik bis hin zu den billig geschriebenen und preiswert ans treue Publikum verteilten Wochenheftchen der darauf spezialisierten Verlage.

Nichts bleibt unerwähnt in diesem Kaleidoskop der Paarbeziehungen: Weder die schwülstige Beschreibung der nicht standesgemäßen Liebe noch die unpassend detaillierte Schilderung eines heißen Liebesaktes sind so schlecht, dass sie nicht gelesen werden. Auf Opernbühnen erträgt der Musikbegeisterte, dass die beiden füreinander Bestimmten sich über eine halbe Stunde ein Arienduell liefern, anstatt endlich den längst fälligen Kuss – als Symbol für das nicht Gezeigte und Besungene – auszutauschen. Je moderner ein Schauspiel, um so eher werden die Konflikte der Zweisamkeit thematisiert: Da dürfen sich die Kombattanten verbal und physisch an die Wäsche gehen, selbst das happy end als eherne Regel des Zwischenmenschlichen darf ausfallen.

Und doch fehlt in dem opulenten Reigen von Liebe und Trieben bislang die Szene, an der man die ganze Dramatik und Tragik einer Beziehung zwischen Mann und Frau ermessen kann: Die Verwandlung der braven, angepassten, den Ehemann jeden Samstag wegen seiner Affinität zur Sportschau kritisierenden Ehefrau in die Fußballenthusiastin, die sich keine Übertragung eines Spieles ihrer Mannschaft entgehen lässt, die sich im Nagelstudio die Fingernägel in Schwarz- Rot- Gold lackieren lässt, die dem verwirrten Ehemann im Aufspringen beim Torjubel aus Versehen den Ellbogen in die Flanke rammt, die – sonst die perfekte Kennerin der nouvelle cuisine – der Familie eine Pizza aus der Pappschachtel servieren lässt. Bei den regelmäßigen Frauengesprächen wird über den nicht gegebenen Freistoß bei eindeutiger Abseitsposition des Gegners diskutiert; die Entwicklung neuer Strategien in der frühkindlichen Erziehung kann ebenso warten wie die Vorbereitung des Basars zugunsten notleidender Zentralinder.

Der Kenner weiß: Es ist die Zeit der Fußballweltmeisterschaft, und die Hasser des passiven Sportgenusses mutieren übergangslos zu Fernsehsüchtigen, die kein Spiel, keinen Sportkommentar und kein Interview mit ihren Helden, die Schweinsteiger, Müller und Klose heißen, verpassen. Da, wie schon der Deutsche Sportbund titelte, Sport in der Gemeinsamkeit am schönsten ist, pilgern sie – eifriger noch als die Männer – in die modernen Gladiatorenarenen, um sich beim public viewing zu begeistern.

Warum nur ignoriert die Liga zeitgenössischer Autoren diese Entwicklung vollkommen? Spannender als Handkes Die Angst des Torwarts beim Elfmeter wäre das Thema allemal, diese Mutation der Sportübertragungen Hassenden zum 150- prozentigen Fan der Rasensportart. Wo sonst bekommt man solch hemmungslose Demonstrationen weiblicher Leidenschaft zu sehen, wenn nicht auf der Fanmeile, wenn Arne Friedrich den Ball ins Tor gegrätscht hat? Der Toooor- Schrei aus weiblichen Kehlen ist um so viel lauter, emotionsgeladener und glaubhafter als … hier schweigt der Chronist aus Gründen des Jugendschutzes.

Den von den Ereignissen vollkommen überrollten Männern bleibt nur ein Trost: Bald ist die Weltmeisterschaft zu Ende, die weibliche Fußballbegeisterung sinkt gegen oder unter Null – bis dann in zwei Jahren die Europameisterschaft droht….

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