Altsein kann man lernen

Der richtige Umgang mit dem Älter- Werden

Von Dr. Wolf Tekook

Menschen werden heute älter, und es gibt mehr alte Menschen bei uns als je zuvor. Eine 8o- Jährige beziehungsweise ein 80-Jähriger sind heute keine Seltenheit mehr, und im nächsten Jahrhundert wird das wahrscheinlich das zu erwartende Alter sein. Der letzte Lebensabschnitt, das heißt das Leben nach der Pensionierung , kann somit 20 oder sogar 3o Jahre betreffen. Eine Zeit, über die nachzudenken lohnenswert ist.

Dieses Altsein in der Endphase des Lebens wird in der Bevölkerung mit “pflegebedürftig” oder “hilfsbedürftig” gleichgesetzt. Diese Gleichung hat nie gestimmt und stimmt heute, da die meisten Menschen das Pensionierungsalter erreichen und dabei Großenteils noch aktiv sind, am wenigsten. Der gesellschaftliche Status des Menschen ist mit seiner beruflichen Funktion weitgehend verklammert und so fürchtet der alte Mensch den Statusverlust und das Abgeschobenwerden. Er wird meist aus dem aktiven Leben in den “wohlverdienten” Ruhestand versetzt, also in eine vorgezeichnete Rolle von Passivität. Der Lehnstuhl ist das passende Attribut.

„Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter in Fülle“,  meinte Goethe.  Dies gilt sicherlich für Zeit und Muße. Es könnte aber auch für Bildung gelten. Bei dem Stichwort Bildung hat man bisher vorwiegend an die Jugend und hier besonders an die frühe Kindheit gedacht. Im Alter könnte unter völlig anderen Aspekten eine mögliche Gelegenheit zur Bildung gesehen werden. Wozu der Alltag des Arbeitslebens keine Zeit ließ und worauf man sich vielleicht ein Leben lang freute, das lässt sich im Alter bei entsprechender Vorbereitung und bei planvollem Vorgehen eventuell verwirklichen.

Warum sollte ein Bauer, der lebenslang an seinen Hof gebunden war, nicht seinem langersehnten Wunsch nach einer Bildungsreise nachkommen? In zahlreichen Freizeitgruppen und Hobbyvereinen begegnen sich Menschen aller Schichten und Bildungsstufen. Wichtig für die Realisierung einer Chance ist allerdings, dass man aufhört das Alter als prinzipielle Abbauphase und unabänderliche Sackgasse aufzufassen. Jede Lebensphase hat ihren eigenen Sinn und ihre eigene Wertigkeit, übrigens auch ihre eigene Jugend und ihr eigenes Alter. Sie ist nicht an Jahre gebunden. Es gibt Kinder, die alt geboren werden, und Greise von Jugendlichen. „Wahre Jugend zu bewahren heißt vor allem Freude an der eigenen Körperlichkeit , Freude an der eigenen Geistigkeit, Liebe als enge persönliche sowie soziale Verbundenheit, frohes Bejahen von Natur, Welt und Gott und überall Hoffnung und Zuversicht finden ” (Zitat G. Hauptmann)

Ob das Alter erfüllt und sinnvoll, der biologische, psychologische und soziale Status des Alternden positiv oder negativ ist, das kann sich nicht erst am Tag der Pensionierung entscheiden. Eine positive Sinnerfüllung ist nur dann möglich, wenn man auf dieses Alter bewusst planend zugeht. Wer etwas von seiner freien Zeit nach der Pensionierung haben will, muss buchstäblich wissen , was er mit ihr anfangen soll. Nur bewusst erlebte Zeit kann erfüllt sein. Ein Mensch, der die Zeit bewusst erlebt, fragt sich: Wie viel Zeit habe ich heute, morgen, in dieser Woche, Monat und im Jahr? Er teilt sie ein in Zeit der wiederkehrenden Verpflichtungen und frei verfügbare, die er mit neuen Impulsen und Aktivitäten erobern kann. Gerade das Letztere darf während des Lebens nie verloren gehen. Nur dann wird es ohne Schwierigkeiten möglich sein, den wachsenden Anteil der freien Zeit zu akzeptieren und konstruktiv zu bewältigen.

Eine besondere Aufgabe ist die des Ausgleichs zwischen aktiven und passiven, produktiven und konsumtiven Verhaltensweisen, zwischen körperlicher und geistiger, zwischen intellektueller, emotionaler, musischer und praktischer Betätigung. Das Ergebnis wird immer individuell unterschiedlich aussehen . Je älter der Mensch ist, um so größer wird wahrscheinlich die Verschiedenheit sein. Hier kann nur auf die wichtige Aufgabe hingewiesen werden, rechtzeitig eine Vielfalt an Aktivitäten auszuführen, um flexibel zu bleiben, damit Langeweile und Depressionen nicht aufkommen können. Das rechtzeitige Einüben in eine gute Zeiteinteilung ist dafür Voraussetzung. So kann die überfüllte Zeit ebenso vermieden werden, wie die entleerte Zeit, denn Leerlauf macht unzufrieden und im negativen Sinne des Wortes alt.

Nichts wäre auch falscher, als für das Alter geistigen Stillstand oder gar Abbau als natürliches Schicksal anzunehmen. Eine große Zahl von genialen Menschen beweist, wie der menschliche Geist oft im höheren Alter erst zu einer höchsten Entfaltung gelangt ist. So sagte zum Beispiel ein berühmter Komponist, der mit 87 Jahren seine letzte Oper schrieb: “Ich bin nicht achtzig, sondern viermal zwanzig Jahre alt.”

3 Gedanken zu „Altsein kann man lernen“

  1. Lieber Herr Kurr,
    das persönliche Kennenlernen werden wir mit Sicherheit nachholen, weil Hamburg doch inzwischen zur „zweiten Heimat“ wird – und ich freue mich heute schon darauf, einem Schauspieler der Extraklasse und erstklassigem Schreiber zu begegnen.
    Zur Frage der „Wanderbühnen“: Zu den vielen Vorteilen des neuen Webseitenkonzeptes gehört es, dass wir keine Längenbeschränkungen bei Artikeln mehr haben. Theoretisch können wir einen ganzen Roman hier veröffentlichen. Da ich als Viel- und Gerne- Leser mich gerne umfassend informieren lasse, freue ich mich auf Ihren Beitrag, den Sie idealerweise in einem Stück senden sollten; denn gestückelt geht oft Wesentliches verloren.
    Mit herzlichem Gruß
    Wolf Tekook

  2. Lieber Kollege Dr. Tekok!
    Schade, dass wir einander bei der Geburtstagsfeier unserer Präsidentin nicht kennenlernen konnten, denn mich hatte ( zum Glück nur für zwei Tage) eine Grippe „niedergeschmettert“. Zu Ihrem Artikel über das Altsein möchte ich Ihnen gratulieren. Wenngleich er für mich persönlich nur partiell zutrifft, weil ich zur Minderheit derer gehöre, die nach dem 65. Geburtstag(Heute bin ich 73) einfach weiterarbeiten als sei nichts geschehen, aber dieses Glück erleben ja nicht viele Mitmenschen. Die Länge Ihres Beitrages verleiht mir den Mut, Folgendes zu fragen:Ich habe einen sehr ausführlichen Beitrag geschrieben über die „Geschichte der Wanderbühnen“ (Von der Antike bis heute) und würde ihn gern ( in drei Fortsetzungen?) auf unsere Seite stellen. Ist das realistisch oder besser realisierbar? Ich freue mich auf Ihre Nachricht und mehr noch auf die nächste Chance, einander endlich kennenzulernen.Mit kollegialen Grüssen Ihr Hans-Peter Kurr

  3. Ein erleuchtender, einleuchtender und ermutigender Aufsatz. Vielen Dank dafür. Hirnforscher der University of Cambridge haben gerade ihre letzten Erkenntnisse veröffentlich, nach denen der geistig aktive ältere Mensch weniger zu Demenz oder gar zu Alzheimer neigt. Das heißt nicht, dass nicht auch dieser erkranken kann. Er ist jedoch aufgrund der stetigen Betätigung seiner kleinen grauen Zellen wesentlich flexibler als jene Menschen, die sich geistigem Müßiggang hingeben, und kann sich besser auf die biologischen Veränderungen in seinem Hirn einstellen. Also – immer schön weiterlernen, viel lesen und am täglichen Leben aktiv teilnehmen.
    Uta Buhr

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