Ein Mord im Wartezimmer

erschienen im Hamburger Abendblatt/Harburg am 3. Juni 2010

Von Johanna R. Wöhlke

Ist es nicht ein wunderbares Gefühl, diese Zeitung in den Händen zu halten? Es macht neugierig auf die nächste Seite, es knistert in den Händen, es gleitet zwischen den Fingern beim Blättern von Seite zu Seite – vielleicht auch zum nächsten Ärger, aber das ist ja wohl das, was man „normal“ nennt. Da steht vielleicht eine Tasse Kaffee, ein Tee. Da sitzt vielleicht gegenüber in der Bahn jemand, der gerade Musik über seinen Kopfhörer hört oder mit seinem Handy telefoniert – und wir Leser und Leserinnen lesen! Ja, lesen!

Das muss es geben, weiterhin geben, auch wenn alle nur noch mit Ohrstöpseln durch die Welt gehen werden – und meinethalben gehen sollen. Der Genuss des Lesens ist einmalig, in Ruhe oder im Getümmel von Menschen in der Bahn oder am Strand. In einigen Seiten Papier ganze Universen an Ideen und Gedanken gesammelt zu finden, Geschichten, Ereignisse, Wissen.

Eine Freundin zum Beispiel erzählte mir heute ihre ganz persönlichen Geschichten mit dem Lesen – beim Arzt. Ärzte und der dort angebotene Lesestoff seien ein Kapitel für sich, meint sie. Deshalb nimmt sie sich immer ein Buch mit, in welche Praxis sie auch geht. Sie liebt Krimis, deshalb hat sie immer einen dabei. Man wisse ja nie, wie lange man warten müsse, fügte sie hinzu. Beim Zahnarzt entspannen sie Krimis besonders.

Neulich zum Beispiel, da saß sie im Wartezimmer und hatte sich auf eine längere Wartezeit eingestellt. Aber – es kommt immer anders, als man denkt – sie wurde früher aufgerufen. Das durfte nicht sein! Sie war gerade an einer so spannenden Stelle, dass sie spontan sagte: „Moment mal, ich muss erst den Mord zu Ende lesen!“  Ich vermute, diese Antwort wird in Zahnarztpraxen nicht oft gegeben, wenn es heißt: Der Nächste bitte! Tja, Leseratten sind eben ganz besondere Wesen…

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