Urlaub in Schwaben

Schwabentherme Aulendorf

Von Renato Diekmann

Die Schwäbische Bäderstraße bietet neben heilsamen Kurbädern viel Geschichte und Kultur, Genuss und Lebensfreude.

Mord im Moor

Das schlechte Wetter war schuld! Durch den immerwährenden Regen waren die Felder versumpft und mehrere Ernten ausgefallen. Zuerst war das Futter knapp geworden, nun forderte der Hunger die ersten Opfer unter den Dorfbewohnern. Seit Monaten stieg der Wasserpegel des Sees und drohte die Siedlung zu vernichten. Selbst die Alten wussten keinen Rat mehr. Um die bösen Geister von den Siedlern fernzuhalten, forderte schließlich der Älteste, zwei unschuldige Kinder zu opfern. Stunden später wankte der Vater betrunken und fuchtelnd mit einem Beil in die bescheidene Hütte seiner ahnungslosen Familie. Das Geschwisterpaar wich panisch zurück und die Mutter schrie vor Entsetzen –  vergeblich. Mit einem Hieb spaltete der Mann den Schädel seines Sohnes, der zweite traf die Tochter tödlich an der Schläfe …

Kinderopfer in der Steinzeit

Spuren der Steinzeit

Gebannt halten die Zuhörer den Atem an und blicken erschüttert auf Rudolf Walter. Der Archäologe und Museumspädagoge versichert der Runde im Federseemuseum mit einem beruhigenden Lächeln, dass sich dieses brutale Massaker hier im Moor bereits im Jahre 3167 vor Christus zugetragen hat und sich eine derartige Opfergabe wohl nicht wiederholen würde, auch wenn der Neandertaler noch immer in uns stecke. Dann zeigt er den Anwesenden, wie man mit einer Handvoll Heu Feuer entfacht und erklärt in anschaulichen Worten, was alte Scherben, unscheinbare Tierknochen, Blütenstaub oder Jahresringe in alten Hölzern den Archäologen über Landschaft, Klima und Umwelt in früheren Zeiten verraten. Die Gruppe beendet ihren Rundgang durch das nachgebaute Steinzeitdorf des Federseemuseums im oberschwäbischen Bad Buchau mit einem Grillimbiss am Lagerfeuer und freut sich auf Aulendorf.

Feuer entfachen

Das Schloss der Grafen Königsegg

Vom 14. Jahrhundert an regierte die Familie Königsegg über den Ort und das Umland. Die Treue zum herrschenden Kaiserhaus sicherte ihren sozialen Aufstieg. Sie wurden schließlich in den Reichsgrafenstand erhoben und bauten Aulendorf zu ihrem Herrschaftssitz aus. Bis heute bestimmt das ehemalige Residenzschloss die Ansicht der Stadt.  Viele nehmen Einblick in die Wohnkultur des Schlosses, in dem auch alte Spielsachen zu begutachten sind. Im Gegensatz zu anderen Schlössern, wo schon im 19. Jahrhundert eine Ausstattung mit schweren dunklen Möbeln und Accessoires Einzug gehalten hatte, blieb man in Aulendorf dem leichten Klassizismus treu. Der hohe Kaminofen im Marmorsaal zeugt von der feudalen Ausstattung jener Zeit. Im Gelben Salon mit Lüster und Bildern blieb dem Schloss nur der Rundtischm erhalten. Und im Musiksalon schmücken Originaltapeten aus der Zeit um 1800 die Wände sowie ein bunt bemaltes Spinett den Raum.

Gelber Salon

Eintauchen und Aufleben

Schon damals wusste die feine Gesellschaft die die belebende Wirkung von Bädern zu schätzen. In Aulendorf, dem modernen Kurbad an der Schwäbischen Bäderstraße, kann man aus der Hektik der heutigen Zeit in die Vergangenheit abtauchen und in der Schwabentherme unter einer imposanten Glaskuppel, die sich bei steigenden Temperaturen bis zur Hälfte öffnen lässt, wohltuende Wellness im antiken Römerbad erleben. Um für das bevorstehende Rittermahl am Abend gerüstet zu sein, schwimmen einige Teilnehmer vorsorglich die 25 m lange Sportbahn zehn Mal hin und her, genießen im schwefel- und fluoridhaltigen Thermalbecken Massagen an Wasserdüsen, wälzen sich auf Sprudelliegen und lassen sich von der warmen Nackendusche berauschen. Nebenan plantschen Kinder im Spielbecken oder jagen schreiend die Riesenrutsche hinab. Im Finnischen Saunabereich kommt so mancher in der Bio-, Kosmos- und Meditationssauna ins Schwitzen.

Nackendusche

Als die Ritter baden gingen

Von 1638 bis 1693 war in der mittelalterlichen „Wirtschaft zum Rad“ der Bader mit seiner Badstub‘ daheim. Hier konnten sich Dorfvolk, Knappen und Mägde vor Sonn- und Feiertagen den lästigen Schmutz  und Straßenstaub abwaschen und feinmachen. 1693 war dann mit dem Baden Schluss. Anton Eusebius Graf von Königsegg errichtete in Erwartung an zusätzliche Einkünfte eine Brauerei, die 1912 schließlich in ein Gasthaus umgebaut wurde. In den ritterlich eingerichteten Zimmern des Erlebnishotels Arthus fühlt man sich noch heute wie ein Burgherr. Auch kleine Knappen und Mägdelein sind mit Stockbetten, passenden Möbeln und einer eigenen Toilette kindgerecht versorgt. Am Abend zieht es die meisten Hotelbewohner hinunter in den Ritterkeller zu „Kurzweyl, Trunk und Gaumenschmaus“. In dem schummrigen Gewölbe empfangen stramme Mägde in mittelalterlichen Gewändern und der Mundschenk Ludwig die hungrigen Mäuler. „Seid gegrüßt, ihr edlen Gäste, die ihr so zahlreich herbeigeeilt seid, um teilzuhaben an unserem gar köstlichen Gelage“, ruft er frohgelaunt und fordert sie auf, sich die Wänste voll zu hauen und zu saufen, auf dass die Reden voll des Lobes sein mögen. Das lässt sich niemand zweimal sagen. Zu Gerstensaft, Zechwein, Marillenbrand, Elfenblut und Met gibt es herzhafte Semmelknödel, gebratene Hennenschlegel, Schweinerippe mit Honig, Haxe vom Schwein und Truthahnkeule mit würziger Senfsoße, Weißkraut und Kartoffeln, Rosenkohl, Buabaspitzla und als Nachspeis Nonnenfürze mit Zimt-Pflaumeneis auf Beerensauce.

Ritterschmaus
Ritterschmaus

Der Himmel auf Erden

Die Schwäbische Bäderstraße ist reich an historischen Bauten, kulturellen Schätzen und mächtigen Gotteshäusern, etwa der barocken Wallfahrtskirche in der kleinen unscheinbaren Gemeinde Steinhausen, weithin bekannt als die schönste Dorfkirche der Welt. Auch die Pfarrkirche St. Magnus in Schussenried gilt als Kleinod und Meisterwerk barocker Baukunst. Orgel, Altar und das Chorgestühl mit den wunderbaren Holzschnitzereien von Georg Anton Machem bieten eine Fülle von Figuren, Reliefs und Ornamenten. Besonders eindrucksvoll ist das Kloster Schussenried. Es zählt mit seinem über 800 Jahre alten Sakralbau zu den bedeutendsten Schauplätzen in der oberschwäbischen Moor- und Moränenlandschaft. Jährlich besuchen viele Tausend Menschen die Klosteranlage des Prämonstratenserordens. Höhepunkt beim Gang durch das Kloster ist der Bibliothekssaal. Reich geschmückt mit schwingenden Rokokoformen umfasst seine Dekoration den gesamten geistigen Kosmos des 18. Jahrhunderts. Allein das barocke Deckenfresko, unterteilt in 14 Bildbereiche mit den Themen Weisheit und Wissenschaft, bietet ein grandioses Panorama der Welt- und Heilsgeschichte.

Bibliothekssaal in Schussenried

Mit der Kutsche durchs Ried

Gegen das mächtige Kloster ist die Schussenrieder Kutschensammlung schon fast zu banal. Es sei denn, man organisiert sich eine Ausfahrt mit einer der Equipagen zur Schussenquelle. Genau hier hatte die letzte Eiszeit eine gewaltige Endmoräne und prähistorische Funde hinterlassen, wie ein steinernes Denkmal dokumentiert. Während der Freilegung des verschütteten Quellgebietes war man auf Geweihe und Knochenfragmente zahlreicher Rentiere, aber auch auf Knochen von Wildpferden, Eisfuchs und anderen Jagdtieren der eiszeitlichen Tundrenlandschaft gestoßen, die bei den Ausgrabungen zwischen Jagdwaffen, Feuerstein-, Geweih- und Knochengeräten am Grunde des Quelltopfes entdeckt wurden. Auch eine Achse und ein Rad haben die Archäologen zutage gefördert, was darauf schließen lässt, dass den oberschwäbischen Siedlern bereits beide Prinzipien des Wagenbaus vertraut waren.

Postkutsche
Kutschenfahrt gefällig?

Begegnung am See

Der Morgenspaziergang zum Federsee hat mehr Interessenten angelockt als vermutet. In aller Herrgottsfrüh geht es von Bad Buchau auf einem neu erbauten Eichensteg über die Feuchtwiesen durch meterhohes Schilf bis zur freien Wasserfläche. Aufmerksame Beobachter entdecken Braunkehlchen, Große Brachvögel und Bekassinen direkt vom Steg aus. Überall zwitschert und rätscht es. Auch der Kuckuck ruft. An den Halmen turnen Bartmeisen, Teichrohrsänger und Rohrammern, auf den Feuchtwiesen dahinter grasen Rehe. Der bis zu 500 Meter breite Schilfgürtel rund um den Federsee ist ein geschützter Lebensraum für viele Schilfbewohner. Hier brüten noch Greifvögel wie der Schwarze Milan und die Rohrweihe, von der es im ganzen Land nur noch 25 Paare gibt. Blässhühner, Enten, Haubentaucher und Höckerschwäne ziehen zwischen See- und Teichrosen still ihre Bahn über das seichte Wasser. Dank seiner geringen Tiefe gelangt das Sonnenlicht bis auf den Grund, sodass sich eine üppige Wasservegetation entwickeln kann, die reichlich Nahrung bietet für Fische und seltene Vögel – ein Naturparadies.

Seesteg über den Federsee

Wo man singt, da lass dich ruhig nieder

Stadtbesichtigung in Bad Saulgau, das einst im Besitz der Habsburger Krone war. Im Zuge der Neuordnung Europas durch Napoléon I. kam Saulgau schließlich an das Königreich Württemberg. Trotz Regen halten interessierte Besucher vor jedem historischen Gebäude inne und lauschen dem Barden, Michael Skippin, und seinen geschichtsträchtigen Liedern, in denen der Alltag und das Leben der Menschen aus jener Zeit kritisch widergegeben werden. Bad Saulgau, ein Ort der Ruhe und Entspannung, ist stolz auf seine hochmoderne Sonnenhof-Therme, wo man noch die Kraft des Wassers spüren kann. Sie verfügt über die wärmste und ergiebigste Quelle in ganz Baden-Württemberg. Täglich sprudeln 1,5 Millionen Liter schwefelhaltiges Heilwasser aus der 646 Meter tiefen Quelle und versorgen die unterschiedlichen Thermalwasserbecken. Besonders wohl fühlt man sich im großen Kurgarten, der sich mehreren Themen widmet – zum Beispiel der Landschaft, den Rosen und den Kräutern. Dazwischen gibt es den Garten der Muse, der Meditation, der Farben und Düfte.  Auf dem Grün vor dem Teich am Schönen Moos finden mit Vorliebe Hochzeiten statt.

Singende Barden

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Bei Spargel, Zander und einem Grauburgunder (gezüchtet aus der Rotweintraube des Spätburgunders von der Birnauer Kirchhalde oberhalb des Sees) berichtet Überlingens Erster Stellvertretender Oberbürgermeister, Lothar Fritz, stolz von einer McKinsey-Studie aus dem Jahre 2006, aus der hervorgeht, dass die glücklichsten Deutschen im Landkreis Bodensee-Oberschwaben zu Hause sind, zu dem das Kneippheilbad Überlingen gehört, das einzige in Baden-Württemberg. Zwar wirkte der bescheidene, von Medizinern angefeindete Pfarrer Sebastian Kneipp ausschließlich im 160 Kilometer entfernten Bad Wörishofen, dennoch hatten sich seine unkonventionellen Behandlungsmethoden schnell bis nach Überlingen am Bodensee herumgesprochen. Bei der Kneippkur, die in Überlingen mit viel Engagement und Sachverstand praktiziert wird, geht es nämlich nicht allein um Wassertreten und feuchtwarme Aufgüsse, sondern um den Abbau von Stress, um Entschleunigung und Rückbesinnung auf das Leben. Denn die meisten Menschen, beklagt eine Informationsbroschüre der Stadt, leben heute viel zu schnell und zu verlustreich – in einem Rhythmus, der sie dauerhaft körperlich und psychisch überfordert, permanent stresst und manchmal sogar ernsthaft krank macht. Für die Salutogenese sind deshalb Bewegung, Wasser, eine gesunde Ernährung, die Kraft der Heilpflanzen und eine ausgeglichene Lebensordnung von allergrößter Bedeutung. Diese von Kneipp entwickelten fünf Säulen werden in Überlingen, das mit einer historischen Altstadt und beeindruckenden Kakteensammlung im romantischen Stadtgarten glänzt,  streng beachtet und eingehalten.

Gesund durch Wasser in der Sonnenhof-Therme

Mit Bedacht und ganz bewusst

Denn Sebastian Kneipp hatte nichts gesucht und getan, als wozu mich die eigene Not und das Mitleid mit den Leidenden getrieben hat“, notierte er am 28.12.1890 in sein Tagebuch. „Ich war immer zu dieser Nebenbeschäftigung in meinem Seelsorgerberufe gezwungen. Ich will auch nicht der Erfinder der Wasserkur sein; denn vor Jahrtausenden war das Wasser schon Heilmittel. Auch  will und suche ich keine Ehre; ich will bloß, dass die Sache geprüft werde, dass der Wahrheit Zeugnis gegeben werden kann.“ Das ist ihm weißgott gelungen.

Pfarrer Sebastian KneippDas ist ihm weißgott gelungen.

www.schwaebische-baederstrasse.de

Fotos: Renato Diekmann, Die Schwäbische Bäderstraße (3), Wikipedia (1)

Ein Gedanke zu „Urlaub in Schwaben“

  1. Was für ein spannender und gut bebilderter Artikel! Er macht Lust auf eine Erholungsreise nach Baden, möglichst mit allen beschriebenen Besuchsorten.
    Danke!
    Ihr A. Meinrad

Schreibe einen Kommentar