Alt gehört sich nun mal nicht …

Von Uta Buhr

Ein Hamburger Kaufhaus Donnerstag  um 16.00 Uhr. Tatort: Kosmetikabteilung. „Meinen Sie mich?“ fragt die Dame in den besten Jahren mit dem graumelierten Charakterkopf.  „Ja genau Sie“, lautet die Antwort der perfekt geschminkten jungen Frau.  „Denn Sie sollten wirklich mal etwas für sich tun. Ihre Falten müssen nämlich gar nicht sein. Darf ich Ihnen einmal unsere neuesten Produkte vorstellen?“

Und bevor die Dame etwas sagen kann, hantiert die in makelloses Weiß gehüllte Schönheitsfee schon geschickt mit Pipette und Cremetöpfchen, greift beherzt nach dem Gelenk ihres Gegenübers  – oder besser ihres Opfers – und  träufelt eine goldfarbene Flüssigkeit auf deren leicht geäderte Hand.

Die Frage, wie sich das Produkt denn anfühle, beantwortet sie gleich  selbst: „Wunderbar diese Lotion A. Die müssen Sie jeden Abend auf Ihre Haut auftragen. Für den Morgen benötigen Sie dann Lotion B. Und wenn Sie das zwei Wochen konsequent getan haben, können Sie mit unserer Wundercreme beginnen. Wie der Name schon sagt, bewirkt diese wahre Wunder. Schon nach kurzer Zeit merken Sie, dass Ihre Haut viel besser durchblutet ist und Ihre Falten sich schon erheblich zurückgebildet haben.“

Als die ältere Dame lächelt, bilden sich unzählige Lachfältchen um ihre dunklen Augen, die ihrem Gesicht einen verschmitzten Ausdruck verleihen. „Wie wollen Sie mich denn ‚entfalten’“, fragt sie im gespielt unschuldigen Ton. Nun ist die Kosmetikerin Feuer und Flamme, spult in  atemberaubendem Tempo Säuren, Spurenelemente und jede Menge Vitamine herunter, die sich äußerst positiv auf die Verjüngung der reiferen Haut auswirken, und das fast im Handumdrehen.

„In der Biologiestunde haben Sie aber nicht ausgepasst, sonst wüssten Sie, dass Ihre Wundermittel gar nicht in die untersten Hautschichten, wo die Falten gebildet werden, eindringen können. Die Lederhaut ist sozusagen so undurchdringlich wie Lyoner Seide. Da geht nichts durch. Sonst wären wir ja schon am Kreislauf.“ Touché – mit soviel Kenntnissen der Älteren – Altersunterschied etwa vierzig Jahre –  hat die Junge nun doch nicht gerechnet. Also rudert sie zurück: „Nun ja, die Falten um Augen, Mund und Nase gehen natürlich nicht ganz weg.“

Doch sie besteht trotzig darauf, dass die Produkte ihrer Firma bis in die Epidermis vordringen.  „Sehen Sie sich nur einmal die Grafik an!“ Sie weist auf eine gelb-weiße Darstellung – eine Art Kurve – die die Wirkung der Cremes und Lotionen beweisen soll. Die Kurve erinnere sie fatal an jene ihrer Bank, mit der vor nicht allzu langer Zeit angeblich hohe Gewinne verbunden gewesen seien. Herausgekommen seien allerdings nur Nieten. „Was für ein Vergleich!“ Nun ist die selbst ernannte Dermatologin aber beleidigt. „Es kommt ja auch immer auf den Zustand der Haut an“, wiegelt sie ab. „Aber eines ist gewiss. Unsere Produkte duften gut, und Sie fühlen sich rundherum wohl, weil Sie endlich mal wieder etwas für sich getan haben.“

Wenn das nichts ist! Immerhin schlägt  so ein Rundherum-Wohlfühlpaket mit Vor-, Zwischen- und Hauptpflege (die gesonderte Augen- und Lippencremes mit eingerechnet)  summa summarum mit  rund tausend Euro zu Buche. Davon können laut Aussage leidensfähiger Mitbürgerinnen schon vier Botox-Behandlungen bezahlt werden. Wenn frau  oder mann (es soll ja neuerdings immer mehr Männer geben, die sich derartigen Torturen aussetzen)  nach der Behandlung auch  keine Miene ihres maskenhaften Antlitzes verziehen kann, so haben Falten doch  für ein paar Monate keine Chance. Merke – nach dem  Botox ist vor dem Botox.

Fazit: Alt gehört sich nun einmal nicht in unserer vom Jugendwahn besessenen Gesellschaft. Wer schön (und jung) sein will, muss leiden. Doch wer sein Leben genießen will, lässt das bleiben! Wie wäre es zum Beispiel  mit einem Ausflug ins Grüne. Sauerstoff soll nämlich auch gut für die Haut sein. Und das Beste  – der kostet keinen Cent!

Ein Gedanke zu „Alt gehört sich nun mal nicht …“

  1. Liebe Uta,
    mir fällt zu Deinen wunderbaren Beobachtungen eine Szene mit meiner kleinen Tochter ein, die ich nie vergessen werde. Nachdem sie nämlich ihrer Oma eine Hautcreme zu Weihnachten geschenkt hatte, die „ewige Jugend“ versprach, fragte sie nach einiger Zeit, ob Omi denn die Creme wirklich benutzt habe. Omi bejahte. Darauf mein Töchterchen mit mitleidsvollem Blick: „Hat wohl nichts genützt, Omi?“ Über diese Geschichte schmunzelt die Familie seit Jahren – Omi damals übrigens auch!
    Johanna

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