Warten auf den Anruf


Das Buch von Birgit RabischWarten auf den Anruf

Das Buch von Birgit Rabisch

Von Dr. Wolf Tekook

Wie ist dieses Buch einzuordnen? Eine Familiensage? Eine romanhafte Chronik der Leitwissenschaften des 19., 20. Und 21, Jahrhunderts? Ein intensiver Blick auf drei politisch brisante Zeitabschnitte der letzten hundert Jahre? Eine beispielhafte Geschichte der Emanzipation mit autobiografischen Zügen?
Birgit Rabisch hat sich mit ihrem Buch Warten auf den Anruf, 2009 im Achter- Verlag erschienen, vielen aktuellen Themen gestellt und – nehmen wir dies vorweg – den Spagat, diese Vielfalt thematisch zusammenzuhalten, gut bewältigt.
Emma ist die erste Hauptfigur dieses Romans. Sie heiratet als junges Mädchen einen früh verwitweten Chemiker, der an der Seite von Fritz Haber in Berlin maßgeblich an der Entwicklung chemischer Kampfstoffe für den Einsatz im ersten Weltkrieg arbeitet. Die Begeisterung der Forscher an ihren Entdeckungen wie auch der Enthusiasmus des Volkes für diesen Krieg wird thematisiert. Die Rolle Emmas ist die der treusorgenden Ehefrau, die ihrem Erich den Rücken frei und die Familie zusammen hält.
Ihrer Tochter Wilhelmine gilt der zweite Teil. Sie kämpft sich in einer männerbeherrschten akademischen Welt durch ihr Physikstudium, um danach an den grundlegenden Erforschungen zur Kernspaltung mitzuarbeiten. Als historische Person wird ihr Carl- Friedrich von Weizsäcker prominent an die Seite gestellt. Die Entwicklung der Atombombe und deren unvorstellbare Zerstörungskraft ist zentrales Thema der Romanfigur. Wilhelmine der Prototyp der intelligenten Frau, die sich durchbeißt.
Irène, die Tochter der erfolgreichen Physikerin Wilhelmine, wird als letzte vorgestellt. Sie ist Molekularbiologin und wartet – titelgebend – zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf einen Anruf des Nobel- Komitees, dessen Preis sie für ihre Forschungen erhofft. In diesem Abschnitt wird die Wissenschaft nur am Rand gestreift. Kernthematik ist die Mutter- Tochter- Beziehung. In Rückblenden erinnert sich Irène an ihre Studienzeit zur Zeit der 68er, an ihre Versuche, der stets in Wissenschafts- Sphären entschwebten Mutter näher zu kommen, an eine ungewollte Schwangerschaft und die spätere Freigabe der eigenen Tochter zur Adoption.
Ist es ein Wissenschaftsroman? Es werden drei zentrale und ethikfragenbehaftete Themen aus den drei Naturwissenschaften vorgestellt: Die Giftgasentwicklung im ersten, die Forschungen mit dem Ziel, eine Atombombe zu bauen, im zweiten Weltkrieg sowie die rasante Entwicklung der Gentechnologie mit den Chancen und Risiken bei dem Unterfangen, das Erbmaterial zu verändern. Je weiter man in der Zeit und im Roman voranschreitet, um eher mischt sich Skepsis in die Entdeckerfreude der Forscher. Fragen zur Ethik des Forschens werden angesprochen. Lösungen bietet das Buch nicht an.
Ist es ein politischer Roman? Zentrale Stationen des Lebens im Deutschland der vergangenen hundert Jahre werden recht detailgetreu skizziert: Das normengeprägte und in Konventionen erstarrte Kaiserreich; die Zeit der Nazis mit Judenverfolgung und –vernichtung, mit dem fehlgeschlagenen Versuch, eine arisch ausgerichtete Wissenschaft zu etablieren; die Umbruchzeit der 68er, als die Studenten begannen, Fragen zu stellen und zu fordern. Die Hauptcharaktere des Buches werden dargestellt als Prototypen der jeweiligen Aera, angepasst an die jeweils angesagte Gesellschaftsform. Emma ist die Frau und Mutter des beginnenden 20. Jahrhunderts, Wilhelmine kämpft sich durch in der noch männerdominierten Welt der Wissenschaft, Irène schließlich hat diesen Kampf längst gewonnen, scheitert aber dafür beim privaten Glück.
Also ist das Buch eine Geschichte der Emanzipation in Romanform? Die drei Frauen spielen typische Rollen ihrer jeweiligen Lebenszeit. Die Unterschiede und Entwicklungen werden gut herausgearbeitet, die Abkehr vom heimischen Herd und der erfolgreiche Einstieg in die Welt der Arbeit und der Wissenschaft. Die gegenläufige Entwicklung auf dem Gebiet der persönlichen Beziehungen wird dabei nicht verschwiegen. Emmas Leben ist auf Mann und Familie ausgerichtet. Bei Wilhelmine dürfen die Emotionen toben bei ihrer – unerfüllten – Liebe zum Wissenschaftskollegen von Weizsäcker, während ihr späterer Ehemann eher als Randfigur erscheint. Selbst bei der Beschreibung seines Todes wird er eher beiläufig wahrgenommen. Bei Irène, der Frau des endenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, bleibt nach einer von ihr selbst beendeten studentischen Liebe kein Platz mehr für einen Lebenspartner. Die Schwangerschaft ist das Ergebnis eines – wie wir heute sagen – One- Night- Stands. Sie bringt ihre Tochter auf die Welt, erkennt aber bald, dass ein Kind mit ihren Lebensplänen kollidiert und gibt es zur Adoption frei. Erst im vorgerückten Alter, am Ende des Buches, hofft sie auf eine Kontaktaufnahme der weggegebenen Tochter. Warten auf den Anruf – ob dies der Anruf des Nobel- Komitees oder die sehnlichst erwartete Kontaktaufnahme der leiblichen Tochter ist, das bleibt offen.
Vergleicht man die veröffentlichte Vita der Autorin Brigit Rabisch mit der Romanfigur Irène, so werden Parallelen sichtbar. Beide wurden von den Großeltern erzogen, weil die Eltern arbeiten mussten. Beide lebten während des Studiums in einer Wohngemeinschaft, Beide Partnerschaften hielten nicht. Die autobiografischen Züge werden auch in den Intermezzi, die die Abschnitte des Buches trennen, deutlich, in  denen die Schriftstellerin Gespräche mit ihrer Agentin über das entstehende Buch niederschreibt. Diese eingestreuten Passagen nehmen dem Buch etwas den Lesefluss, wirken wie Stolpersteine, geben der Geschichte aber eine weitere, sehr weibliche Dimension.
Weiblich sind auch die regelmäßig in Parenthesen eingestreuten Gedanken der jeweils Handelnden. Man spürt, dieses Buch ist (auch) ein persönliches Thema.

Fazit:

Ein leicht zu lesender Roman, der die letzten 100 Jahre anhand einer Generationenfolge zu erfassen sucht. Die historischen Fakten und Personen sind authentisch und faktenrichtig eingebaut. Der Wandel der Frauenrolle in der beschriebenen Zeit ist Zentralthema, die Entwicklung der Leit- Naturwissenschaften und die politische Entwicklung interessantes Beiwerk.
Birgit Rabisch
Warten auf den Anruf
Gebundene Ausgabe: 504 Seiten
Verlag: Achter Verlag; Auflage: 1. (12. Oktober 2009)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3981237218
ISBN-13: 978-3981237214
Preis: 28,50 €

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