Peter May spielt Peter Turrini

Peter May spielt Peter Turrini
Wertvoller Theaterabend im „Hamburger Sprechwerk“

Von Hans Peter Kurr

Das ist eine Traumkarriere – typisch für einen Quereinsteiger in die Welt des Schauspiels: Holzfäller und Metallarbeiter
Peter Turrini ( heute 66) hat bei seinen eher handwerklichen Tätigkeiten den Kopf frei für Traumgebilde und „erfindet“, während der Arbeit , eine eigene Fassung der Goldoni-Komödie „La Locandiera“, in der deutschen Theaterszene bald bekannt als „Mirandolina – die Gastwirtin“, eine der schönsten klassischen Komödien der Weltliteratur , jetzt in zeitgenössischem Gewand.- Jahre später – Turrini ist inzwischen unabhängiger, erfolgeicher freier Schriftsteller – „erfindet“ er den Albtraum eines, im Kleist’schen Sinne, der Welt überdrüssigen Mannes, der „bis 1000 zählen und sich dann umbringen“ will. Der Theaterdichter schenkt dieses Monodram Claus Peymann zu dessen Abschied als Direktor der Wiener „Burg“ und Neubeginn am „Berliner Ensemble“.Der, bevor sie beide “ auswandern“ in die neue-alte deutsche Hauptstadt, bietet es einem seiner wichtigsten Protagonisten, Gert Voss, an, der es – begeistert,so hört man –
lernt und spielt.-
Nun endlich zeigt es in Hamburg ein Mann, der zwar auch zuweilen der Welt überdrüssig ist (Zumal dann, wenn wirtschaftliche Zwänge ihn veranlassen,sein Theater „Imago“ zu schliessen!), der sich aber immer wieder aufrappelt, dem Theaterleben seinen tiefen Sinn abzutrotzen, den Harry Buckwitz einmal formulierte:“ Kommt ins Theater, denn hier könnt Ihr etwas lernen,was Ihr anderenorts nicht erfahren werdet!“. Die Rede ist von Peter May, der auf der neuen „Kleinen Bühne“ des „Hamburger Sprechwerks“, trotz eines Unfalls mit Knochenbruchfolge, auf denjenigen „drei Beinen“ steht, die bereits Sophokles als Rätsel der Sphinx in seiner Tragödie „Oedipus“ apostrophiert hat und dieses Monodrama dergestalt präsentiert, dass einen der Schreck schüttelt (Notabene: im positiven Sinn), so eindringlich und erschütternd ist dessen selbstironische Darstellung dieses in seiner Persönlichkeitsstruktur zerstörten Mannes. Als Regisseurin führt ihn die sensible Lydia Spiekermann. Dies ist, obwohl der Zuschauer es kaum je bemerkt, eine schwere Aufgabe, weil es sich dabei nie um ein blosses Arrangement handelt, sondern um die optische Verdeutlichung innerer Vorgänge und Entwicklungen der dargestellten Figur.-
Insgesamt ein bemerkenswerter Theaterabend, der viel Publikumszulauf verdient hätte, Aber, wie sich das in Hamburg leider häufig findet: In der zweiten Vorstellung sassen zwanzig Zuschauer, die dafür umso ausdauernder einem klug differenzierenden Darsteller und seiner feinfühligen Regisseurin applaudierten.

Fotos: Dramaturgie des Sprechwerks

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