Delphi

Von Hans Peter Kurr

Seit fast 6 000 Jahren erzählen die Menschen einander die Geschichte vom Göttervater Zeus, der eines Tages zwei Adler aufsteigen liess, den einen im Osten , den anderen im Westen der mediterranen Welt…..mit einem Stein im Schnabel!
An der Stelle, an der sie einander trafen, sollten sie diesen fallen lassen, Tempel des Apollo in Delphium dadurch das Zentrum des Schulungsplaneten Erde zu bezeichnen oder, wie tradiert wird, den „Omphalos“, den Nabel der Welt. Ungelöst allerdings ist bis heute die Frage, die in der antiken Welt niemals gestellt wurde, nämlich: Welcher der zwei Adler trug den Stein im Schnabel? Die Griechen, die an der Essenz der Geschichte interessiert waren, benötigten aufgrund ihrer Spiritualität keine Antwort auf diese “ wissenschaftliche“ Fragestellung, die nur in unserem „materiell orientierten Zeitalter“ entstehen konnte……
Und obwohl der moderene Mensch im antiken Sinn ungläubig ist, reist er zuhauf an den Ort des Geschehens,: Ins griechische Delphi, wo einst, in mykenischer Zeit, die Erdgöttin Gaia, wohlbewacht von ihrem Drachen Python, erste Orakelsprüche erteilte. Ihre Nachfolgern, die nach eben jenem Drachen benannte Pythia, Zentralfigur des später an diesem Ort errichteten Heiligtum für den Lichtgott Apollon , die sich regelmässig, sobald ein „Suchender“ sich an das Orakel wandte, Opfergaben entrichtet und die Reinigung von Körper und Geist vorgenommen hatte, durch die aus einem Erdspalt aufsteigenden Dämpfe in einen tranceähnlichen meditativen Zustand versetzte, um den Ratschlag des Gottes zu verkünden, jenes Gottes, der allgemein als Sonnengott tradiert wird, obwohl auch dieser olympische „Bösewicht“ nicht ohne menschenbedrohende Taten sein ewiges Leben verbrachte. War doch er es, der den trojanischen Seher Laokoon mit dessen Söhnen nach Beendigung des zehnjährigen homerischen Krieges an den Strand lockte und sie alle von seinen Python-Schlangen ermorden liess, weil jener, weit weniger als Kassandra bekannte, Seher vor dem Pferd der Griechen gewarnt hatte, mit dessen Hilfe sich Odysseus mit Mannen in die Stadt hineinmanövrierte und damit deren Untergang heraufbeschwor.Modell des Heiligtums im Archäologischen Museum von Delphi
Die bis heute bekannteste Geschichte, die sich um die Weissagungen der Seherin Pythia rankt, ist jene von „Oedipus“, dem „Schwellfuß“, die uns der Dichter Sophokles überliefert hat : Oedipus nämlich werde als König von Theben seinen Vater erschlagen , seine eigene Mutter heiraten und mit ihr Kinder (Antigone, Ismene) zeugen. Die Rachegöttinen der griechischen Antike, die Eurynnien, mussten sich erst, unter dem Einfluss der königlichen Göttin Athene, Beraterin des Zeus, aus dessen Haupt sie geboren ward, zu den Eumeniden, also den milden Schwestern, läutern, ehe ein Mensch, der den oben erwähnten Fluch trug, im Hain von Kolonos erlöst werden konnte.
Noch heute bevölkern täglich tausende von Touristen diesen Heiligen Ort und besichtigen im benachbarten Museum die Nachbildung jenes „Omphalos“, der hierorts zu Boden fiel. Manch einer von ihnen mag  über die Grösse des Steins staunen, den niemals ein Adler im Schnabel getragen haben konnte. Aber, wie bereits erwähnt: Dieses Problem interessierte die spirituellen Griechen der mediterranen Frühzeit nicht!

Fotos: Wikipedia

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