Stadt im Seewind – Marseille

Von Uta Buhr

Yachthafen„Eigentlich wollte ich Ihnen Marseille bei strahlendem Sonnenschein vorstellen. Ich muss mich für das schlechte Wetter entschuldigen.“ Mélina Como schaut etwas betroffen drein. Ein bleigrauer Himmel hängt über der Hafenstadt im Golfe de Lion. Nieselregen setzt ein und schafft ein Chaos auf der Canebière, einer lärmenden Verkehrsader, die sich mit „Reeperbahn“ frei übersetzen ließe. Hier wurden früher wie in Marseilles Partnerstadt Hamburg Taue für die Schifffahrt „geschlagen.“

Gegen Mittag klart der Himmel auf. Eine sanfte Brise weht vom Meer herüber. Die Stadt verwandelt sich – wie von einem Zauberstab berührt – von einem Yachthafen mit Blick in eine StraßenschluchtAugenblick zum anderen. Die Straßencafés füllen sich mit Menschen. Teller klappern, Gläser klirren. Ein verführerischer Duft aus gegrilltem Fisch, exotischen Gewürzen  und Knoblauch liegt in der Luft. Die Segelyachten im Vieux Port lichten ihre Anker und nehmen Kurs aufs offene Meer. Dies sei Marseilles wahres Gesicht, betont Mélina, der Regen von vorhin nur so etwas wie ein „meteorologischer Betriebsunfall“ gewesen.“
Mit der alten Fähre, die bereits Marcel Pagnol benutzte, schippern wir Barockes Rathausgemütlich durch den Mastenwald des „Alten Hafens.“ Am nördlichen Ufer erhebt sich das barocke Rathaus. Sehr nüchtern gegenüber dieser Pracht nehmen sich die Zweckbauten zur Rechten und zur Linken aus. „Kriegsschäden“, sagen die Einheimischen lakonisch. Marseille wurde während des Zweiten Weltkrieges arg zerbombt. „Aber werfen Sie einmal einen Blick hinter die Place Villeneuve-Bargenon!“ Klassizistischer Palais de JusticeHier prunkt die meisterhaft restaurierte Fassade vom Stadtpalais aus dem 17. Jahrhundert. Gerade schneidet eine Jolle die Fähre. Der Mann an Bord grinst und weist mit dem Finger auf den Hügel am südlichen Ufer. Auf dem Gipfel erhebt sich die Kathedrale Notre-Dame de la Garde, das Wahrzeichen Marseilles. Die vergoldete Mutter Gottes mit dem Jesuskind auf dem Arm misst fast 13 Meter. Nachts in gleißendes Licht Kathedrale Notre-Dame de la Gardegetaucht, ist diesem im neobyzantinischen Zuckerbäckerstil erbauten Monument ein gewisser Reiz nicht abzusprechen. Unzähligen verirrten Touristen dient die güldene Jungfrau zudem als Wegweiser.
Mélina Como, „naturalisierte“ Marseilleise und Mitarbeiterin der Tourismuszentrale, sieht ihre Aufgabe darin, Gästen ihre Stadt als ebenso interessante wie liebenswürdige Metropole nahe zu bringen. „Manche kommen her und Fischer im Vieux Portbehaupten, Marseille sei doch so etwas wie das französische Chicago – kriminell und dreckig. Das ist eine sehr einseitige Betrachtungsweise.“ Jeder, der Marseille mit offenen Augen und Sinnen durchstreift, wird ihr Recht geben.
Insgesamt 16 Arrondissements (Stadtteile) zählt Marseille. Einige davon sind intakte Fischerdörfer mit schmucken Häuschen und farbenfroh lackierten Booten, die direkt vor der Haustür dümpeln. Ein Erlebnis ist der La Canebière. Das Foto mit dem Fisch spricht für sich - dennoch  "Mediterrane Fischauswahl."Fischmarkt im Vieux Port am frühen Morgen. Hier preisen Fischer ihren frischen Fang lauthals an: Seebarsch, Peterfisch, Seeteufel, Rochen, Dorade, Rotbarben uned anderes Meeresgetier. Hausfrauen prüfen die Qualität, feilschen und lassen sich mit ihren Einkäufen an den Tischen am Quai des Belges zu einem „petit café“ nieder.
Heute haben wir uns das Quartier de la Pleine vorgenommen. Über die Canebière kommend, betreten wir ein farbenfrohes, multikulturelles Viertel. Mittelpunkt ist der Marché de Noailles mit seinen Obst-, Gemüse- und Fleischständen.Garten des Hotels "Le Ryad" In den kleinen Gassen ringsherum laden winzige Boutiquen zum Stöbern ein, verströmen Gewürzstände sämtliche Wohlgerüche des Orients. Verschleierte Frauen huschen über die Straßen, und in einigen Cafés hocken Männer bei einem Glas Tee oder einer Wasserpfeife. Andere sind in ein Brettspiel vertieft. Diese Gegend, ursprünglich fast ausschließlich von Einwanderern aus Nordafrika bewohnt, entwickelt sich zunehmend zum In-Viertel. IMG_0354
Am Abend öffnen unzählige Restaurants ihre Pforten. Die Wahl fällt schwer zwischen ukrainischer, pakistanischer, vietnamesischer, mexikanischer und libanesischer Küche. Versteckt in der der Rue Sénac de Meilhan 16 befindet sich das „Le Ryad“, ein zauberhaftes Hotel im marokkanischen Stil. Die Zimmer sind hell und freundlich, die Badezimmer dezent auf Tausendundeinenacht getrimmt. Vor den Fenstern öffnet sich ein verwunschener Garten mit Blumenrabatten, Palmen und steinernen Brunnen (www.leryad.fr)
Obligatorisch ist der Verzehr einer Bouillabaisse. Welcher Koch die beste macht,Château d'If ist sehr schwer zu beurteilen. Keinen Fehler begeht, wer die berühmte Fischsuppe im „Miramar“ am Quai du Port 12 bestellt. Der Kellner serviert sie kochend heiß und empfiehlt auch gleich den passenden Wein dazu. Bon appétit!
Und noch ein Vorschlag zur Güte: Nach den vielen Besichtigungen und Schlemmereien empfiehlt sich ein Besuch der Bastide des Bains in der Rue Sainte 19 (www.bastide-des-bains.com) Ein paar Stunden in diesem stimmungsvollen Hamam  mitten in der pittoresken Altstadt, umgeben von Grünpflanzen und sprudelnden Brunnen, sind Entspannung pur.

Auskunft:
Atout France – Französisches Fremdenverkehrsamt
Zeppelinallee 37
60325 Frankfurt am Main
Tel. 0900/157 00 25 ( 49 Cent pro Minute)
www.franceguide.com

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