Emina Kamber

Ein Porträt von Dr. Peter Schütt

Emina KamberEin begnadetes Multitalent aus Bosnien
Über Emina Kamber zu schreiben, ist alles andere als einfach. Ich weiß beim besten Willen nicht, wo ich anfangen soll. Nehme ich eines ihrer Bücher zur Hand, zumal eines von ihren poetischen Werken, dann bin ich geneigt, sie als Schriftstellerin über den grünen Klee zu loben. Schau ich mir dagegen ihre künstlerischen Arbeiten an, meine ich, ich müsste sie vor allem als Malerin und Textildesignerin präsentieren. Erfahre ich dagegen von einer neuen Aktion ihres humanitären Engagements, dann denke ich, ich müsste sie zuerst als Wohltäterin, als Friedensstifterin, als Brückenbauerin zwischen Deutschland und dem nächsten Orient, dem Balkan, herausstellen.

Emina Kamber ist in jeder Hinsicht eine Ausnahmeerscheinung, ein Leuchtturm, der anderen Menschen, die nach Orientierung suchen, den Weg weisen, Signale aussenden und Hoffnung geben kann. Sie ist auch mit ihren sechzig Lebensjahren immer noch ein Energiebündel, ein geistsprühendes Multitalent und ein Powerfrau, deren Ausstrahlung sich niemand entziehen kann, der mit ihr in Kontakt kommt. Sie ist rastlos wie eh und je, sie gönnt sich keine Ruhe, sie strebt von einem Projekt zum nächsten. Heute ist sie in Hamburg, und morgen schon ist sie wieder unterwegs in ihre bosnische Heimat, um dort vom Krieg traumatisierten Kindern Unterricht im Zeichnen und Malen und in textiler Gestaltung zu geben. Mindestens alle Vierteljahr reist Emina Kamber für mehrere Tage nach Kakanj und Visoko, um dort Schülerinnen und Schülern Mithilfe der Kunst Freude, Lebensmut und neues Selbstbewusstsein zu vermitteln. Die 2004 in der edition Nordwindpress im mecklenburgischen Grabow erschienene Dokumentation „Wenn die Granaten fallen, bleibt dein Herz stehen“ vermittelt einen anschaulichen Eindruck von dem aufopferungsvollen, aber lohnenden kunstpädagogischen Dauereinsatz der Künstlerin in ihrer vom Bürgerkrieg verheerten und verstörten Heimat.

Als Emina Kamber vor mehr als vier Jahrzehnten im zarten Alter von 19 Jahren als Gastarbeiterin aus Exjugoslawien nach Deutschland kam, stand sie zwar mit leeren Taschen, aber nicht mit leeren Händen da. Kunst und Handwerk lagen ihr gleichsam im Blut. Ihre große Familie, in der die Frauen immer eine bedeutende Rolle gespielt haben, war seit Generationen mit der Herstellung, der künstlerischen Bearbeitung und dem Verkauf von Textilien beschäftigt. Ihr Großvater eröffnete 1930 die erste Werkstatt in Bosnien, in der Mädchen und Frauen an Singer-Nähmaschinen aus Deutschland wertvolle Kleider, Vorhänge, Kissen, Decken und Kopftücher herstellten. Das kleine Herzogtum Bosnien-Herzegowina, in dem jahrhundertelang Muslime, katholische und orthodoxe Christen und Juden friedlich zusammengelebt haben, war ein fruchtbares Biotop für kunsthandwerkliche Talente. Bosnische Tücher waren überall gefragt, sowohl im Osmanischen Reich wie in Europa. Eine Ausstellung historischer bosnischer Textilien, die vor einigen Jahren in Visoko stattgefunden hat und an der auch die Vorfahren von Emina Kamber mit zahlreichen Arbeiten beteiligt war, hat zum ersten Mal den kulturellen Reichtum sichtbar gemacht, über den vor allem die muslimisch geprägten Regionen in Bosnien verfügen. Die Wiederentdeckung dieses Erbes ist ein wichtiges Element in dem Prozess der Selbstbesinnung und der Selbstfindung, der den Bosniern nach dem Ende des Bürgerkrieges helfen soll, ihre kulturelle und religiöse Identität wiederzugewinnen.
Emina Kambers Weg in Deutschland begann mit harter Arbeit. Sie hat in einer Kellerwohnung in Hamburg-Altona gewohnt, hat einen bosnischen Landsmann geheiratet und hat drei wohlgeratenen Kindern das Leben geschenkt. Mit Unterstützung ihrer ganzen Familie eröffnete sie in Siebzigerjahren ein bosnischen Spezialitätenrestaurant, das bald zu einem beliebten Treffpunkt für die rasch wachsende Hamburger Multikultiszene und für Künstler und Schriftsteller wurde. Schon früh hat Emina begonnen, selber zu schreiben. Sie veröffentlichte Gedichte, erhielt dafür mehrere Literaturpreise, und begann schließlich, eigene Lieder zu texten, zu komponieren und zu singen. Eine CD mit bosnischen Liebesliedern von ihr ist bis heute im Handel. Inzwischen legendär ist der internationale Literaturclub „La Bohemina“, den Emina Kamber in den Achtzigerjahren gründete. Zahlreiche ausländische Autoren nicht nur aus Bosnien und Kroatien, sondern auch aus der Türkei, dem Iran, aus Afrika und Lateinamerika waren bei ihr zu Gast. Im Vorstand des bundesdeutschen gewerkschaftlichen Schriftstellerverbandes war Emina Kamber zuständig für die Beziehungen zu ausländischen Kollegen, ein Amt, das für sie maßgeschneidert war.
All diesen durchaus erfolgreichen kulturellen Aktivitäten setzte der Ausbruch des Bürgerkrieges im zerfallenden Jugoslawien ein jähes Ende. Das Restaurant der Familie Kamber wurde zum Anlaufpunkt für Flüchtlinge aus ihrer Heimat. Ihr Mann starb unter der Last der Fürsorge für die heimatvertriebenen Landsleute mit 53 Jahren an einem Herzinfarkt. Emina stand mit ihren heranwachsenden Kindern allein da und stürzte sich mit all ihrer Kraft in die Arbeit für die Opfer des Krieges. Ihr „Hamburger Kriegstagebuch“ vermittelt einen anschaulichen Einblick in die vielfältigen Aktivitäten, die Emina Kamber während und nach den Kriegsjahren unternommen hat, um ihren Landsleuten zu helfen, nicht nur ihren muslimischen Glaubensgeschwistern, sondern allen Notleidenden. Die Künstlerin sammelte unermüdlich Spenden, sie organisierte mehrere Lastwagenkonvois von Hamburg nach Sarajewo und setzte sich sogar selbst mit ans Steuer, um vor Ort die Verteilung der Spenden zu organisieren. Dieses Band der Solidarität hat bis heute Bestand. Allerdings geht es nicht mehr um materielle Hilfsgüter, sondern um eine Art künstlerischer Wiederaufbauhilfe, die Emina Kamber mit Unterstützung der Hamburger Siemers-Stiftung in den Schulen ihres Heimatlandes regelmäßig leistet.
Der Krieg ist vorüber, und Emina Kamber, die Unermüdliche, findet wieder mehr Zeit für ihre poetischen und künstlerischen Werke. Von ihren literarischen Arbeiten der letzten Jahren möchte ich vor allem zwei Bücher hervorheben, das wunderschöne, in der Kulturakademie im türkischen Ferienort Bodrum entstandene Erzählgedicht „Begegnung an der Ägäis“, das in einer bibliophilen Ausgabe kürzlich im Verlag „Das bosnische Wort“ in Wuppertal und Tuzla herausgekommen ist, und die deutsch-bosnische Anthologie „…und Bosnien nicht zu vergessen“, die Emina Kamber in diesem Jahr zusammen mit Uwe Friesel ebenfalls im Verlag „Das bosnische Wort“ herausgegeben hat. Emina Kamber steht mit gutem Grund im Mittelpunkt dieses Buches. Sie war die Initiatorin von zwei Workshops, an denen deutsche und bosnische Autoren vor zwei Jahren in Dubrovnik teilgenommen haben. Die wichtigsten Texte der Anthologie gehen auf die Arbeit in diesen Autorenwerkstätten zurück, darunter eindrucksvolle Reportagen aus Bosnien und seinen Nachbarländern von Reimer Eilers, Uwe Friesel, Simo Esic und Emina Kamber selbst.
Doch die Allseitsbegabte hat nicht nur geschrieben und internationale Autorentreffen organisiert. Sie hat auch mit neuem Schwung und neuer Farbigkeit ihr malerisches und bildkünstlerisches Werk fortgesetzt. Ihre Textilbilder sind so bunt, farbenfreudig und vielgestaltig wie nie zuvor. Sie leuchten geradezu magisch, scheinen zu oszillieren und fluoreszieren, sie verbinden orientalische Lust am Ornamentalen mit der Freude des Westens an der Darstellung menschlicher Körper. Sie sind eine Augenweide für jeden Betrachter, sie machen Sinn und sprechen zugleich alle Sinne an. Emina Kamber ist eine beherzte Frau. Was sie schreibt, was sie malt und alles, was sie anpackt, das tut sie mit vollem Einsatz. Alles kommt bei ihr vom Herzen, sie gibt aus vollem Herzen. Sie lässt ihr Herz zu uns sprechen, in Gedichten und Geschichten, in Bildern und nicht zuletzt in guten Taten und Werken.

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