Schmerz lass nach

Es gibt zwar keinen Rechtsanspruch auf Schmerzfreiheit, aber einen auf Schmerztherapie.

Von Renato Diekmann; Fotos: BPI Service, Grafik: Cruikshank/Wikipedia

Schmerzfrei leben

Eine aktuelle, europaweit durchgeführte Untersuchung zeigt, dass sich Patienten offensichtlich damit abfinden, ein Leben mit Schmerzen zu führen, denn 95% der Schmerzpatienten klagen immer noch über Schmerzen. In Deutschland leiden etwa 20 Millionen Menschen an chronischen oder immer wiederkehrenden Schmerzen, davon 6 bis 8 Millionen an chronischen Rückenschmerzen, der häufigsten chronischen Schmerzart. Besonders dramatisch ist die Situation in Krankenhäusern und Altenheimen, wo fast jeder zweite Patient über starke Schmerzen klagt. Schmerz beeinflusst den Betroffenen in vielfältiger Weise. Physisch trifft es ihn mit Kraftlosigkeit, Schlafdefizit, Erbrechen, Appetitlosigkeit und Verstopfung. Psychisch leidet er unter Angst, Depressionen, Wahrnehmungs- und Aufmerksamkeitsstörungen. Er verliert zudem häufig jede Motivation, hegt Schuldgefühle gegen sich selbst und zieht sich schließlich aus seinem sozialen Umfeld total zurück. Schmerz darf uns nicht egal sein und muss interdisziplinär behandelt werden. Dabei interessiert den Patienten nicht, wie sein Schmerz behandelt, sondern dass sein Schmerz behandelt wird. Leider belegen die rund 20.000 Briefe, Telefonanrufe und E-Mails, die pro Jahr nur bei der Deutschen Schmerzliga eingehen, dass viele Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen große Probleme haben, dieses Recht durchzusetzen.

Anspruch auf Schmerztherapie

Klaus Kutzer„Unterlassene oder nicht ausreichende Schmerztherapie verletzt gemäß Artikel 2 GG die Würde des Menschen und sein Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit. Auch deswegen müssen von Rechts wegen die heute anerkannten Verfahren zur Schmerzbekämpfung ausgeschöpft werden“, betonte Klaus Kutzer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof a. D. auf einer Pressekonferenz zum Thema Innovative Therapie von Rückenschmerzen, zu der AWD.pharma Mitte März anlässlich des Schmerz- und Palliativkongresses in Frankfurt/Main eingeladen hatte. „Die Verletzung des Rechts auf Schmerztherapie ist nicht nur haftungs- und versicherungsrechtlich, sondern auch strafrechtlich von Bedeutung. Denn der Körperverletzung mache sich schuldig, wer durch Verletzung seiner Handlungspflicht zur Aufrechterhaltung erheblicher Schmerzen beitragt“, so Kutzer weiter. „Der Schmerztherapeut darf unter bestimmten Voraussetzungen zur Linderung schwerer Schmerzen auch Behandlungsmethoden anwenden, die noch nicht zum Standard der Schmerztherapie gehören.“ Der Bundesgerichtshof räumt einer wirksamen Schmerzbekämpfung sogar einen so hohen Rang ein, dass Leidenslinderung auch bei Gefahr der Lebensverkürzung (also die indirekte Sterbehilfe unter ausdrücklicher Einwilligung des Patienten oder seiner Familienangehörigen bzw. des gesetzlichen Vertreters) zulässig ist. Allein der Todeswunsch des Patienten ist nicht ausschlaggebend für eine Terminale Sedierung, denn dieser könnte aufgrund einer schweren Depression geäußert worden sein und bedarf dann besonderer Behandlung!

Dr. med. Gerhard Müller-SchwefeLeid und Kosten durch Bewegungsmangel

Siebzig Prozent der Bundesbürger sind jedes Jahr von Rückschmerzen, der häufigsten Schmerzform in der Bevölkerung, geplagt. Nur selten verbergen sich dahinter schwerwiegende Erkrankungen wie Bandscheibenschäden oder bösartige Tumoren. In den meisten Fällen gehen wiederkehrende Rückenschmerzen auf muskuläre Verspannungen zurück, die mit Bewegungsmangel, einseitiger Belastung oder ungesunder Körperhaltung in Verbindung stehen. Der moderne Mensch bewegt sich zu wenig oder falsch, klagt Dr. med. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie e.V. Seinen Worten zufolge sorgen Rückenschmerzen nicht nur für großes persönliches Leid, sie sind auch die teuerste Volkskrankheit in Deutschland. Fast 26 Prozent aller Krankheitstage gehen auf Rückenschmerzen zurück und kosten die Krankenkassen jährlich bis zu 25 Milliarden Euro.

Multimodale Behandlung

Die Behandlung der Patienten, die unter Rückenschmerzen leiden, muss multimodal erfolgen und zusätzlich zur medikamentösen Therapie auch Physiotherapie, Bewegungstherapie und Psychotherapie umfassen. Im Vordergrund der Therapie steht allerdings die Wiederherstellung der Bewegungsfähigkeit durch ausreichende Schmerzlinderung und Spannungsreduktion. „Da Entzündungen in den seltensten Fällen eine Rolle spielen, sind entzündungshemmende Schmerzmittel (NSAR, Coxibe) hier in aller Regel wenig erfolgreich“, erklärte Müller-Schwefe in seinem Referat. „Für die funktionale Veränderung der Muskulatur und daraus resultierenden Schmerzchronifizierung haben sich aus therapeutischer Sicht Substanzen bewährt, die sowohl Muskel entspannend und analgetisch (schmerzlindernd) wirken, als auch die Chronifizierung nachhaltig verhindern, wie etwa der Wirkstoff Flupirtin“. Das Wirkprinzip von Flupirtin unterscheidet sich von dem anderer Schmerzmedikamente deutlich. Es ist sowohl bei akuten als auch bei chronischen Rückenschmerzen einsetzbar, wobei verschiedene Studien seine Effektivität belegen konnten. So zeigte sich auch bei langfristiger Behandlung von Patienten mit chronischen Schmerzen eine hohe Wirksamkeit bei gleichzeitig guter Verträglichkeit. Häufigste Nebenwirkungen von Flupirtin – insbesondere zu Beginn einer Behandlung – sind Müdigkeit und Schwindel. Aus diesem Grund wird die Erstanwendung abends vor dem Schlafengehen empfohlen. Flupirtin kommt in folgenden Medikamenten zur Anwendung: Katadolon S long,  Trancolong und Trancopal Dolo.

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