Krötenwanderung

Geschichten vom Niederrhein

Von Dr. Wolf Tekook

Jedes Jahr werden, sobald der Frost den Boden verlassen hat, die Umweltschützer aktiv.

Schilder und Sperrbaken werden vom städtischen Bauhof abgeholt und an allen Straßen, die in das nahegelegene Feuchtgebiet führen, postiert. Tagsüber fristen die behördlich autorisierten Sperrutensilien ein wenig beachtetes Schattendasein am Straßenrand. Doch sobald es dämmert, schwärmen sie aus, die Umweltschützer: Die Fahrwege werden mit rot- weißen Schranken verbarrikadiert, Verbotsschilder verbieten die Einfahrt für Fahrzeuge aller Art und drohen dem Zuwiderhandelnden amtliche Bußgelder an. Eine stilisierte Amphibie in schwarz auf weißem Grund und der Zusatzbeschriftung „Krötenwanderung“ erklärt, warum ein großes Gebiet am Rande einer niederrheinischen Großstadt jede Nacht vom Verkehr abgeschnitten wird.

Die leise quakenden und unbeholfen laufenden Kröten haben ihre Winterquartiere verlassen und machen sich auf den Weg zu den Laichplätzen. Natürlich belassen es die Tierliebhaber nicht bei der Absperrung der Verkehrswege; hingebungsvoll verzichten sie auf Tagesschau und Abendkrimi, um womöglich zivilisationsverängstigte Kroten auf der einen Straßenseite einzusammeln, in Eimern auf die andere Straßenseite zu transportieren und sie dort wieder freizulassen auf ihrem Weg zu den Idyllen der Krötenerotik. Verirrt sich ein Spaziergänger in dieses Gebiet, so sieht er die Wegraine fast taghell erleuchtet von den Stirnscheinwerfern der Krötenbewahrer.

Nach einigen Wochen ist der Spuk dann wieder vorbei; Autofahrer und Radler brauchen keine kilometerweiten Umwege mehr zu machen, und langsam werden bei stärker werdender Sonnenkraft aus dem anfangs gallertigen Laich Kaulquappen und dann kleine possierliche Krötchen.

Nur eins ist dem aufmerksamen Beobachter nicht klar: Wenn in jedem Frühjahr ein solche immenser Aufwand zum Schutz der Kriechlebewesen betrieben wird, warum bleiben die Verbotsschilder im Spätsommer und Herbst ungenutzt im Bauhof stehen? Irgendwie müssen die possierlichen Quaker doch auch den Weg zurück in ihre Winterquartiere finden. Nachdenken legt nahe, dass sie die Marschrichtung vom Jahresbeginn um 180° drehen. Dann müssen sie aber den Weg über den Asphalt ohne menschlichen Schutz zurücklegen.

Oder kennen die Kröten nur eine Wanderrichtung, umwandern im Verlaufe eines Jahres einmal die Erdkugel, um sich im nächsten Jahre wieder zum Eimertransport am selben Straßenrand einzufinden?
Um Aufklärung wird gebeten!

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