Die Republik der Schwarzen Mönche

Vier Freunde auf der Reise zum Berg Athos

Text: Josef Wilhelm Knoke; Bilder: Dr. Wolf Tekook

Wir sind vier Freunde, die eine Reise zur letzten Bastion für Männer in Europa machen wollen, zum Berg Athos. Die Einreisebestimmungen sind streng: Nur Männer dürfen nach Erhalt einer schriftlich zu beantragenden Genehmigung einreisen und dort für maximal 4 Tage – 3 Nächte in jeweils einem anderen Kloster –  verbleiben. Pro Tag werden nur 120 Einreisevisa erteilt, davon maximal 20 für Nicht-Orthodoxe!
Unsere eigentliche Reise beginnt in  Ouranopolis. Von dort aus fährt das Schiff nach Daphni, dem offiziellen Einreisehafen. Dort werden zunächst unsere Dokumente – nach Entrichtung von 30 € – gegen ein offizielles „Diamonitirion“ (Visadokument) getauscht. Dafür würden wir nun drei Nächte in festgelegten Klöstern übernachten dürfen inclusive Verpflegung.

Gedränge bei der Einschiffung. Neugierig betrachten wir die ersten schwarz gewandeten Mönche, die ebenfalls auf das Schiff warten. Ihre langen Bärte und hochgebundenen Haare unter einer Kopfbedeckung sehen beeindruckend aus. Aus ihren Kopfbedeckungen kann man auf die verschiedenen Klöster schließen. Meine dreiviertel lange Zip-off Hose findet keine Gnade vor den Augen des kontrollierenden Schiffsoffiziers: Ich muss erst eine lange Hose anziehen, bevor ich an Bord darf! Ein Schiff voller Männer legt ab; an der Kaimauer bleiben Gruppen winkender Frauen zurück, „Athoswitwen“, die nun vier Tage auf ihre Männer verzichten müssen!

Die Schiffsfahrt führt an der wunderschönen Küste entlang. Nach einiger Zeit tauchen die ersten Klöster auf. Jedes hat eine kleine Anlegestelle, die vom Schiff angelaufen wird, gerade so lang, dass Passagiere von Bord und andere einsteigen können. Aus den Schiffslautsprechern erschallen kirchliche Vokalgesänge. Die Art der Verehrung, die den Mönchen von Pilgern entgegengebracht wird, ist für uns mitunter befremdlich, wenn zum Beispiel alte Pilger jungen Mönchen untertänig mit Kniefall die Hand küssen. In Daphni angekommen geht es mit dem Bus weiter über geschotterte Serpentinen nach Karies, der „Hauptstadt“ der Mönchsrepublik. Nach kurzer Rast und Füllen der Wasserflaschen schultern wir die Rucksäcke.

Über alte Maultierpfade streben wir unserem ersten Übernachtungsziel zu, dem Kloster StavronikitaIm Gänsemarsch Über Den Athos in traumhafter Lage direkt am Meer, welches wir nach ca. 2 Stunden gegen 17:00 erreichen. Ein alter Mönch begrüßt uns gemessen höflich. Nach Vorlage des Diamonitirions erhalten wir als Willkommen ein Glas herrlich kalten Wassers und ein Stück süßen Loukumis, bevor uns unser Schlafraum gezeigt wird. Nach einer Andacht, gemeinsam mit den Mönchen, geht es in den Speisesaal. Der Abt kommt zuletzt. Auf sein Zeichen darf mit dem Essen begonnen werden, während ein Vorleser auf Griechisch Heiligengeschichten vorliest. Das Essen ist einfach, aber gut: vegetarisch gefüllte Paprika, Bauernsalat, Melone, Wasser und ein Becher Wein, alles aus dem Eigenanbau des Klosters. Außer uns gibt es noch 6 griechische Besucher, die an unserem Tisch sitzen. Als der Abt nach 15 Minuten an sein Glas klopft, ist für alle das Essen beendet. Es wird dunkel. Statt Elektrizität gibt es nur Öllampen. Um 8 Uhr liegen wir im Bett. Nachtruhe. Nachts um viertel vor drei werden die Mönche mit Gong und dem „Simandron“ (Stundenholz) zum Gebet geweckt. Wir drehen uns noch einmal um, bis gegen fünf Uhr ein heftiges Unwetter aufzieht. Ein Mönch stürmt ins Zimmer, ruft auf Griechisch: “Fenster zu“, und ist wieder weg. Es schüttet! Am nächsten Morgen erinnert nur noch die wilde See an das nächtliche Unwetter. Wir machen uns auf den Weg zum nächsten Kloster, Iviron. Dort soll an diesem Tag ein großes kirchliches Fest beginnen, mit über 1200 Pilgern.

Über einen Wanderpfad parallel zur Küstenlinie, der wunderschöne Aussicht bietet, geht es dorthin. An der Weggabelung mit einer Straße irritiert uns der Wegweiser, der in eine ganz andere Richtung weist, als unser Bauchgefühl es sagt. Da kommt plötzlich wie vom Himmel gesandt ein dicker Geländewagen mit verdunkelten Scheiben angefahren, den wir durch Winken stoppen. Drinnen sitzen vier langbärtige Mönche. Sie bestätigen unser Bauchgefühl hinsichtlich der Richtung. Gleichsam als Entschuldigung, dass sie komfortabel fahren und wir schwerbepackt und schwitzend laufen, sagt ein Mönch, offenbar ein hoher Würdenträger: „Es ist nicht mehr weit“, und der Wagen rauscht davon. Tatsächlich, nach 500 Metern und der nächsten Wegbiegung sehen wir das Kloster liegen. Nach der Anmeldeprozedur mit Wasser und Loukumi, die wegen des großen Andrangs der vielen Ankömmlinge etwas hektischer verläuft, gehen wir auf unser Zimmer, das wir heute mit anderen Leuten teilen müssen. Wir haben Glück, überhaupt ein Zimmer zu bekommen. Die meisten Pilger müssen auf mitgebrachten Isomatten schlafen, die überall auf den Gängen und auch draußen im Innenhof und im Vorhof ausgerollt werden.

Das große Fest, zu dem die Pilger strömen, und zu dem es für Orthodoxe erleichterte Einreisebestimmungen gibt, dauert von abends bis morgens gegen neun Uhr. Es wird eingeleitet durch eine Prozession mit dem Muttergottesbild, das um die Kirche herumgeht. Vor Beginn der Hauptfeier muss aber noch die Schar der Pilger verköstigt werden, eine logistische Großleistung, da der Speisesaal natürlich keine 1200 Gäste fasst. Es wird also in mehreren Schichten gegessen, zunächst die angereisten Äbte und Mönche, dann die übrigen. Dabei stellt sich heraus, Ikonenprozession Im Kloster Ivirondass es ein Auswahlkriterium gibt: „ Rechtgläubige zuerst“. Wir entscheiden daher einfach, auf unserem Zimmerbalkon eine Pfadfindermahlzeit einzunehmen.

Die nächtliche Feier besteht aus permanentem Wechselgesang der Mönche, die im Katholikón, dem innersten heiligen Raum, um die wundertätige Ikone „Panaghia Portaitissa“ umherziehen, während die Pilger in den Vorräumen andächtig verharren. Dabei herrscht ständiges Kommen und Gehen, nicht jeder bleibt die ganze Nacht.

Frühmorgens um sieben Uhr geht es per Taxi auf die andere Seite der Insel, zurück nach Daphni, und von dort mit dem Fährschiff zu unserem nächsten Ziel, dem Kloster Simonos Petras. Der Fahrer wartet schon; für die kurze Fahrt von etwa 25 Minuten über Stein und Schotterpisten Kloster Simonos Petrasberechnet er 70 Euro! Nach einem Kaffee und griechischem Gebäck im Hafen von Daphni geht es mit dem Fährschiff weiter, entlang der Küste. Von der Schiffsanlegestelle an unserem Zielort können wir das Kloster sehen. Es liegt hoch oben in den Bergen und ähnelt von Lage und Aussehen dem tibetanischen Potala.

Für einen langen, steilen Aufstieg werden wir mit einer traumhaften Aussicht belohnt. Wir grüßen den ersten Mönch im Kloster, der uns begegnet, mit einem ehrerbietigen „Efloite“. Statt unseren Gruß zu erwidern, schleudert er uns nur mit strengem Blick ein „No photos!“ entgegen. Zugegebenermaßen sind wir etwas enttäuscht ob dieser Unfreundlichkeit. Wir entdecken im oberen Klosterhof eine Wasserstelle, um unsere Feldflaschen aufzufüllen. Ein Mönch kommt aus einer Seitentür und scheucht uns hinweg. Er deutet nach unten, in den Klostervorhof; dort gebe es eine Möglichkeit, Wasser aufzufüllen. Es ist der Gastpater, denn er begleitet uns und führt uns zu dem Empfangsraum für Pilger. Wir müssen unsere Diamonitiria vorlegen und uns eintragen. Nach einigen Minuten kommt er zurück mit dem traditionellen Wasser und Loukumi; diesmal gibt es sogar einen Ouzo dazu. Er wechselt höflich einige Worte mit uns auf Griechisch bevor wir uns verabschieden, denn wir wollen weiter. Schade, dass wir neben der erbrachten traditionellen Gastfreundschaft nicht auch noch eine Spur Herzlichkeit kennenlernen!Fresko Im Kloster Dionysiou

Die erfahren wir aber reichlich im nächsten Kloster, Dionisiou. Nach anstrengendem Marsch bergauf und bergab, mit Station bei einem weiteren Kloster, Grigoriou, kommen wir ziemlich fertig gegen 18 Uhr dort an. Die Mönche haben gerade das Abendessen beendet. Pech für uns. Aber nein, ein alter Mönch sieht uns und erkennt unseren Zustand. Heftig gestikulierend bedeutet er uns: Keine Formalitäten, Rucksäcke ablegen, und erst einmal in den Speisesaal, Kräfte tanken! Welch eine Wonne: kühles Wasser, ein Krug Wein, Brot, Salat und ein Stück Fisch. Man macht für uns eine Ausnahme von der Regel, dass es nach Beendigung des Essens durch den Abt nichts mehr gibt. Der Speisesaal ist ein künstlerisches Kleinod, reich bemalt bis in jeden Winkel. Dionisiou ist bekannt für die großen Ikonenmalereien im Gang vor dem Speisesaal, bei denen offensichtlich biblische Motive von Holbein ins byzantinische umgesetzt wurden.

In diesem Kloster gibt es sogar einen Aufenthaltsraum  für die Pilger mit eigener kleiner Kaffeeküche, Kaffee, und freundliche Mönche! Abends noch ein kleiner Plausch mit anderen Pilgern und mit Mönchen auf dem Klostervorplatz, bevor sich das Tor um 20 Uhr zur Nachtruhe schließt. Am nächsten Morgen geht es mit dem Fährschiff zurück über Daphni nach Ouranopolis. Auf dem Schiff fallen uns etliche Mönche unterschiedlichen Alters auf, die mit Schnelligkeit und enormem Geschick kleine schwarze Armbänder flechten und sie für 2 Euro den Passagieren anbieten. Wir lernen Georgios kennen, den geschäftstüchtigen Manager eines freundlichen Mönches, der Ikonen malt, und uns diese auch gerne verkaufen will. Wir beschließen unsere Reise in Ouranopolis mit einem lukullischen Mahl für insgesamt 28 Euro für 4 Personen!

Mit dem Bus geht es zurück nach Thessaloniki. Dabei werden wir ein letztes Mal mit orthodoxem Hochmut konfrontiert: Auf der Frontscheibe des Busses steht groß auf Griechisch: Orthodoxie oder Tod!  Thessaloniki: Die Welt hat uns wieder. Unsere Erfahrung: Auf die Dauer wäre eine Welt ganz ohne Frauen doch in Gefahr, etwas der Verwahrlosung anheim zu fallen!

Ein Gedanke zu „Die Republik der Schwarzen Mönche“

  1. Vielleicht noch eine Ergänzung aus aktueller Sicht:
    Als wir seinerzeit über den Athos wanderten, waren wir verwundert, wie aufwändig – mit EU- Mitteln, wie uns erzählt wurde, alle Klöster renoviert wurden. Dies widersprach eklatant früheren Reiseberichten, die von ärmlichen, verfallenen Klöstern zu sprachen.
    Vielleicht kündigte sich dort auch schon das „Leben über die Verhältnisse“ an, wie es jüngst in Griechenland zum Staatsbankrott geführt hat?

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