Schmuck vor Augen

Von Johanna Renate Wöhlke

Wieder einmal wird gefeiert, festlich gefeiert. Man sitzt sich gegenüber und redet. Auch ich rede, allerdings mit einem leichten Handicap, denn ich habe einen Blumenstrauß vor der Nase. Ich habe ihn nicht nur vor der Nase, ich habe ihn auch vor den Augen. Ehrlich gesagt, ich habe ihn vor dem ganzen Gesicht. Er sieht wunderschön aus, dieser Blumenstrauß. Er macht, dass ich ganz neue, unerwartet erforderliche gymnastische Übungen vollführe. Sie sind in etwa vergleichbar dem Anblick, den auf der Zuschauertribüne des Stadions während eines Tennismatches die Köpfe der Zuschauer bieten: Rechts – links, rechts – links. Aber hier werden keine Bälle gespielt, hier wirft man sich rhetorische Bälle in Form von Worten zu. Aber auch hier möchte ich nicht nur die Worte hören, sondern auch in die Gesichter derjenigen schauen, die sie formulieren. Meine Kopfbewegung erschöpft sich allerdings nicht nur zwischen rechts und links, sie bereichert die Bewegungsabläufe auch noch zwischen senken und heben… Nach einer kleinen Weil wage ich die Verzweiflungstat und bitte die Gastgeberin, doch bitte diesen Blumenstrauß zu entfernen. Ich sage ihr nicht, dass ich am Ende dieses wunderbaren Abends befürchte, mit Genickmuskelkater nach Hause zu gehen. Diesen Ansatz verwerfe ich. Ich gebe zu erkennen, wie gerne ich doch bei der Unterhaltung mein Gegenüber auch anschauen würde. Schließlich sei es doch mit den Worten so: Sie sind nur ein Teil der Konversation, der andere Teil seien Mimik und Gestik, die man auch nicht übersehen solle. Alle sind für meinen Vorschlag und bekennen, ähnliche Probleme gehabt zu haben. Eine Dame erklärt dann noch aus „leidvoller“ Erfahrung heraus. „Ich mag schöne, große Blumensträuße. Aber um ehrlich zu sein: Auf einem Tisch habe ich doch lieber Bodendecker!“ Wer es bis jetzt noch nicht gewusst hat, weiß es jetzt: Bodendecker auf dem Tisch befördern eine – muskeltechnisch gesehen – stressfreie Kommunikation…

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