Lessing als Maßstabgeber

Höhepunkte im Programm des Hamburger Thalia-Theaters

Von Hans- Peter Kurr

Wenn Lessings Denkweise dergestalt nachempfunden werden sollte, dass für das von Direktor Schröder geleitete Deutsche Nationaltheater des 18.und beginnenden 19. Jahrhunderts das Beste gerade gut genug sei, dann lässt es einen verstehen, woher die neue Leitung des Thalia-Theaters unserer Zeit unter „Direktor“ Lux die Motivation bezieht, in das Programm seiner Lessing-Tage einige der besten deutschsprachigen Schauspielproduktionen, die gegenwärtig verfügbar sind,als Gastspiele aufzunehmen.

Zweifelsfrei zählt dazu eine Uraufführung des Wiener Akademie-Theaters unter dem Titel „Der goldene Drache“ des Autors Roland Schimmelpfennig, der seine eigene Arbeit inszeniert hat und das – verblüffenderweise – auch kann (Welcher Stückeschreiber besitzt schon diese Fähigkeit?)! Ebenso gewiss hätte er dieses originelle Werk mit dem möglichen Untertitel „Die Ameise als Zuhälter der Grille“, eine zeitgemässe Adaption der antiken Aesop-Fabel, nicht so bewundernswert auf die Bühne bringen können ohne die darstellerische Kraft und szenische Phantasie eines Schauspiel-Ensembles, das – in seiner, nachgerade, Spielwut – seinesgleichen sucht:

Barbara Petritsch, Christiane vonPoelnitz, Johann Adam Oest, Philipp Hauß und Falk Rockstroh sind sämtlich leidenschaftlich durchpulst von dieser Spielwut,allein schon deshalb, weil ihnen der Autor/Regisseur Rollen angeboten hat, die „gegen den Strich gebürstet“ sind, will sagen: Männer spielen Frauen, Frauen also Männer, Alt spielt jung und umgekehrt, schwach stark, laut leise, dünn dick, Komik verschlingt Tragik, Tragisches wird veralbert. In der schauspielerisch virtuos dargebotenen Technik, die nicht einen Augenblick Identifikation zulässt, ist dies die konsequente Fortsetzung der brecht’schen Verfremdung auf höchstem Niveau.-

Die Geschichte, von Aesop erfunden, von Jean de la Fontaine nachgedichtet, von Schimmelpfenning noch einmal deutlich sozialkritisch verschärft, von der Grille, die den gesamten Sommer nur gezirpt und für den harten Winter – im Gegensatz zu der fleissigen Ameise – nicht vorgesorgt hat, jetzt aber, in der Kälte, zu schmarotzen beginnt, wird dergestalt verändert, dass die Ameise sich nunmehr zum Zuhälter der schönen Grille aufwirft und deren Körper verkauft, bis sie von einem Freier im Vollsuff ermordet wird.

Der bekannte Wiener Kritiker Ulrich Weinzierl fasst das Ganze folgendermassen zusammen: „Über sexuelle und ökonomische Ausbeutung zu schwadronieren, fällt niemandem schwer. Sie mit leichter Hand, der das Fantastische, Surreale selbstverständlich ist, zu zeigen, erfordert Meisterschaft.Im „goldenen Drachen“ steckt eine unaufdringliche Parabel: Die Welt der Globalisierung hat hier in einer Nußschale (sprich: In einer asiatischen Garküche) Platz. Und doch: Der Menschheit ganzer Jammer fasst uns an“. – Dem ist nichs hinzuzufügen!

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