Der Akt in der Kunst

 Rückenakt gebückt

Eröffnungsrede der Ausstellung „Moonlicht Bodys“ in der Rudolf Steiner Schule Altona  am 22.02.2010
Von Dr. László Kova
Hört man das Wort Akt, erscheinen in unserem Gehirn erotische Bilder, in unserer Psyche angenehme Schwingungen. Hatte der Schöpfer ähnliche Gefühle etwa vor 25.000 v. Chr., als er aus Kalkstein die nur 11 cm große Venus von Willendorf herausarbeitete? Dieses Fruchtbarkeitssymbol hat schwere Brüste, runden Bauch, ein überproportioniertes Gesäß und dicke Schenkel. Sogar ihre Schamlippen sind detailliert dargestellt. War er der erste Künstler in der Geschichte, der eine Aktdarstellung schaffte? Wurde er für seine künstlerische Arbeit von seinen steinzeitlichen Zeitgenossen bewundert oder musste er sich dafür schämen?

Der Akt erfreute sich nicht zu jeder Zeit und vor allem auch nicht an jedem Ort großer Popularität. In der Geschichte der Kunst ist der Akt eines der ältesten und vielfältigsten Genre. Erst die Griechen (von 1200 v. Chr. bzw. 800 v. Chr. bis ca. 600 n. Chr.) erhoben den Akt zum selbständigen Kunstgegenstand.

Vom Mittelalter bis ins 15. Jh. hinein war der Akt in unserem Abendland sogar eher verpönt. Ein nackter Körper bedeutete „Sünde, Schande, Elend, Unreinheit, Not oder Armut“.

Im Mittelalter (6. bis 15. Jh.) wurden Aktdarstellungen lediglich für religiöse Motive zugelassen und auch nur dann, wenn die Darstellungen die Nacktheit erforderte: z.B. Adam und Eva, der tote Christus. Ein weiteres und hervorragendes Beispiel ist „die Erschaffung des Adams“ von   Michelangelo Buonarotti (1474-1564) in der Sixtinischen Kapelle. Während dieser Zeit und danach wurden ursprüngliche Arbeiten häufig retuschiert, um die detaillierte Sicht des nackten Körpers zu verdecken. Dieses Vorgehen konnte bei den letzten Restaurierungen an den erwähnten Fresken gut nachvollzogen werden. Leonardo da Vinci (1452-1519) und Albrecht Dürer (1471-1528) erhoben Aktteilstudien (z.B. Hände) zu eigenständigen Kunstwerken.

 Akt

In Spanien und England verhinderte die „gegenreformatorische Geisteshaltung und puritanische Ausrichtung“ lange Zeit die Ausbreitung der Aktmalerei. Nur sehr wenige Maler, unter anderem Velasquez (1599-1660) und Francisco de Goya (1746-1828), widmeten sich dieser Kunst.

Mit der Renaissance und dem Humanismus (1400-1600) änderte sich die Einstellung der Menschen angesichts der Aktmalerei. Diese Zeit gilt als der eigentliche Beginn der europäischen Aktzeichnung. Die Aktzeichnung, die bis zu dieser Zeit nur als Mittel zur Vorbereitung gesehen wurde, wurde nun als ein fertiges, selbstständiges Kunstwerk betrachtet und gewann als Skizze, Entwurf, Studie oder auch als Kompositionszeichnung künstlerische Bedeutung.

Die künstlerische Erforschung von Perspektiven und Proportionen des menschlichen Körpers geht auf Leonardo da Vinci (1452-1519) zurück. Die erste Accademia wurde erst 1563 in Florenz gegründet. Danach folgten Rom 1577, Bologna 1583 und Paris 1648.

Bis Ende des 17. Jahrhunderts dienten als Modelle immer noch ausschließlich Männer. Sogar an der Pariser Akademie gab es bis 1759 keine weiblichen Modelle. Ausnahmen gab es nur in Form von angezogenen Frauen. Es lag vermutlich u.a. daran, dass im Klassizismus (von der Mitte des 18. bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts) die Antike mit ihren griechischen Skulpturen sehr bewundert waren, welche vorwiegend Männer darstellten.

Der Begriff Akt leitet sich von dem lateinischen agare = handeln und actus = Handlung ab. Er bezeichnete im ursprünglichen Sinne in der akademischen Malerei im 19. Jahrhundert die Positur des Modells von einer Bewegung in die nächste. Um die Körperlichkeit des Menschen hervorzuheben, wurden die Modelle dabei nackt gezeichnet und gemalt.

Während des gesamten Malvorgangs musste das „arme“ Modell sehr lange und still in der verlangten Position verharren, wobei häufig Stangen und Hängekonstruktionen zur Fixierung des Körpers benutzt wurden. Später entwickelte sich ein Croquis-Stil (Abriss), wobei das Modell die Positur nur eine halbe Stunde halten musste.

 Rückenakt hockend

Erst bei Auguste Rodin (1840-1917) durfte das Modell die Stellung selber wählen, also das Modell wurde Mitgestalter der Kunst. Nachfolgend wurde der Begriff Akt auf jede Form der künstlerischen Darstellung eines unbekleideten Körpers übertragen.

Einige weltberühmte Künstler der Kunstgeschichte auf diesem Gebiet dürfen nicht unerwähnt bleiben. Als Maler: Michelangelo Buonarotti, Albrecht Dürer, Francisco de Goya, Pierre-Auguste Renoir, Pablo Picasso, Henri Matisse, Egon Schiele und Gustav Klimt. Als Bildhauer: Aguste Rodin. Als Fotograph: der deutsche Helmut Newton.

Stellen wir uns demnächst die Frage, wie man die Aktkunst in der Gegenwart betrachtet?

Das Aktzeichnen und das Aktmalen sind seit Leonardo da Vinci und Michelangelo das wichtigste Training eines werdenden Künstlers für die Perspektiv- und Proportionslehre. Der Akt ist eine selbständige Kunstart. Dennoch wird sie in den Kunsthochschulen von Zeit zu Zeit vernachlässigt, als nicht Wichtiges betrachtet. Ich bin der Meinung, dass sogar die abstrakte Kunst nicht glaubhaft ist, wenn der Kunstschaffende im akademischen Sinne nicht zeichnen und malen kann. Die Abbildung des menschlichen Körpers ermöglicht dem Kunstschaffenden die innere Welt des Individuums auszudrücken: Emotionen, Gefühle, Träume, Ängste und Hoffnungen. Deshalb bleibt die Auseinandersetzung mit dem Akt eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration.

Der Akt verliert bis heute und in Zukunft nie an Brisanz und Aktualität und übt sowohl auf die Künstler als auch auf die Bildbetrachter eine große Anziehungskraft aus. Immer wieder gelingt es Kunstschaffenden den menschlichen Körper in einer neuen Sichtweise darzustellen und zwar zur Freude der Kunstliebhaber, Galerie- und Museumsbesucher. Zu diesem Personenkreis gehören auch Sie, liebe Gäste.

Unter der Betrachtung dieser geschichtlichen Aspekte wünsche ich Ihnen viel Spaß in unserer Ausstellung.

 Stehender Rückenakt

Und etwas über uns (MontagsAktGruppe): Unsere Arbeitsweise entspricht mehr oder weniger einem zeitgemäßen Croquis-Stil. Das weibliche oder männliche Modell hält eine Pose von 2 Min. bis 5 Min., selten bis 10 Min. lang. Unser Ziel ist das schnelle Erfassen des Wesentlichen und dabei die maximale Qualität zu gewähren. Die Zeichnungen müssen das Dynamische, das Schwungvolle, das Spritzige, das Spontane darstellen. Wir verstehen dabei Freihandzeichnungen ohne irgendwelche Hilfsmittel wie Lineale, Kreisel oder Schablone. Das Endergebnis kann monochrom (einfarbig) oder in mehreren Farben erscheinen. Das Zeichnen erfolgt mit Kohle, Kreide, Stiften oder Farbstiften. Flächen werden mit Aquarell oder Acryl erzeugt. Die von den einzelnen Künstlerinnen und Künstler verwendeten Techniken verraten unsere Ausstellungsobjekte auf den ersten Blick. Wenn Sie diesbezüglich Fragen haben, stehen wir Ihnen gern zur Verfügung.

Jetzt möchte ich Ihnen die Ausstellenden vorstellen: Anja von Hofen , Margard Heyden, Burkhard Heyden, Peter Mitchell, Anne-Katrin Piepenbrink, Heike Prange, Tanja Soler Zang, D’oroWarras, Donald Wienand und meine Person.

Was blieb mir noch übrig? Liebe Gäste! Sie dürfen sich keinesfalls schämen, wenn ein Bild Ihr Herz ergriffen hat. Sie dürfen bei Ihren heimlichen Absichten keine Hemmungen haben, wenn Sie auf ein Bild gierig geworden sind. Nehmen Sie das ausgewählte Bild einfach nach Hause mit. Ja, nehmen Sie es mit! Natürlich, nach der Bezahlung!!! Auch der Künstler wird sich darüber freuen.

Die Ausstellung ist damit eröffnet.

(Die Ausstellung ist zu besuchen in der Rudolf Steiner Schule Altona, Bleickenallee 1, 22763 Hamburg-Altona  von Mo. bis Fr. von 10:00 bis 17:00 Uhr bis zum 15.03.2010.)

Ein Gedanke zu „Der Akt in der Kunst“

  1. Lieber László,
    wenn ich Deine wunderbaren Bilder betrachte und sehe, was in unseren Reihen alles so an Kunst das Licht der Welt erblickt, denke ich, dass wir das in der Zukunft mehr nutzen sollten! Ich denke besonders daran, dass wir ja im nächsten Jahr 60 Jahre bestehen. Da könnte ich mir sehr gut begleitend eine Kunstausstellung denken, die von unseren „Doppeltbegabten“ bestritten wird. Ich werde das ins Gespräch bringen!
    Liebe Grüße an Witka und Dich,
    Johanna ( Renate Wöhlke)

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