Meißen – Wiege Sachsens, Geburtsort des „Weißen Goldes“

Von Uta Buhr

MEISSEN -Albrechtsburg   Foto: Uta Buhr„In diesem Jahr feiern wir eine der größten Erfindungen des 18. Jahrhunderts“, freut sich  Marleen Herr vom Tourismusverband Sächsisches Elbland. Anlässlich der ‚Geburt’ des europäischenPorzellans und der Gründung der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen vor 300 Jahren hat der Verband  ein umfangreiches Programm unter dem Titel „Weißes Gold erleben“ gestaltet, das Menschen aus aller Welt mit der Entstehung des Meissner Porzellans vertraut machen soll.

„Wir haben eine Art Tour d’Horizon durch die Geschichte des Porzellans in der gesamten Region erarbeitet. Dresden gehört ebenso dazu wie eine Reihe von Orten entlang der Sächsischen Weinstraße“, sagt Frau Herr und zeigt  eine Broschüre, die Auskunft über sämtliche Details gibt. Da ist zum Beispiel die Stadtrundfahrt im komfortablen City-Bus Meißen, die die Besucher zu den größten Sehenswürdigkeiten der Stadt führt bis hinauf zur Albrechtsburg. (Foto: Uta Buhr) Auch die Sächsische Dampfschiffahrt hat sich etwas einfallen lassen: Während einer romantischen Elbfahrt an Bord ihrer Raddampferflotte können die Gäste „heiße Lustgetränke“ aus echtem Meissner Porzellan verkosten.
Im Zentrum der 300-Jahr-Feier steht natürlich die Manufaktur in der Talstraße 9. Hier brummt es bereits am Morgen  wie in einem Bienenstock. Die nächste Führung durch das „Allerheiligste“ der Stadt beginnt in fünf Minuten. „Ein paar Informationen vorab“, meldet sich ein Reiseführer. „Bei uns wurde das europäische Porzellan von einem gewissen Johann Friedrich Böttger aus dem Vogtland erfunden. Die zur Herstellung nötige Porzellanerde fand er ganz in der Nähe. Zuerst kam bei den Versuchen das bräunliche so genannte Böttgersteinzeug heraus, bis schließlich die Herstellung des  feinen weißen Porzellans gelang, das dem chinesischen Original in nichts nachstand.“ Eigentlich hatte der Alchimist Böttger Gold für August den Starken schaffen sollen. Am Ende erwies sich das „weiße Gold“ für den Pracht liebenden Monarchen sogar als noch einträglicher als das geforderte gelbe  Edelmetall. Denn die vornehme Welt im Europa des 18. Jahrhunderts war schier verrückt nach Geschirr aus dem feinen, durchsichtigen Material. In den Schauwerkstätten stehen die Besucher dicht an dicht, um den Künstlern zunächst während der Ausformung der Dekors und später bei der Bemalung des Porzellans zuzusehen. Genau wie vor dreihundert Jahren ist hier alles reine Handarbeit, also „Manufaktur“ im wahrsten Sinne des Wortes. Nachdem Teller, Tassen, Schüsseln, Figurinen und andere Objekte perfekt geformt sind, gehen sie in den aufwendigen Brennprozess. „Porzellan wird bei bis zu 1 450 Grad Celsius gebrannt“, erklärt eine Mitarbeiterin der Manufaktur. „Dabei geht 16 % der Masse verloren. Auch nicht alle Produkte kommen perfekt aus dem Brennvorgang heraus. Deshalb nannte man die Öfen früher auch scherzhaft Glückstöpfe.“ Beim Anblick der kostbaren Stücke verdreht manche Besucherin verzückt die Augen. „Es ist schwer zu sagen, was mir besser gefällt“, flüstert eine ihrer Freundin zu, „die modernen minimalistischen Formen oder die wunderbaren barocken Dekors.“ Atemberaubend ist die die Jubiläums-Ausstellung. Unter dem Titel „All nations are welcome“ präsentiert die Manufaktur einen Querschnitt durch 300 Jahre Meissner Porzellangeschichte. Zahlreiche Vitrinen sind mit den herausragendsten Exponaten der Manufaktur bestückt. Sie spiegeln den Einfluss der verschiedenen Kulturen und Weltreligionen auf die Preziosen wider. Während in der einen Vitrine die Welt des alten Chinas mit filigranen Ming-Drachen dargestellt ist, birgt die nächste ein Porträt der Madame de Pompadour mit ihrem aus feinstem Porzellan gefertigten  Lieblingshündchen Mimi auf dem Schoß. Der den Vereinigten Staaten von Amerika geweihte Glasschrein enthält einen Weißkopfseeadler, das Wappentier der Nation. Er erhebt sich stolz vor der Silhouette gemalter Wolkenkratzer.
Auch auf der Albrechtsburg hoch über der Elbe wimmelt es von Besuchern. Erste Sonnenstrahlen stehlen sich durch die Wolkendecke und tauchen den Strom in gleißendes Licht. Ein Mann im bunten Harlekinskostüm, das spitze Federhütchen keck auf dem Kopf, eine Maultrommel am Mund, erregt Aufsehen. „What a funny little man“, wundert sich eine Engländerin. „Hofnarr Joseph Frölich“ nimmt an den Jubiläumsfeierlichkeiten als besonderer Reiseführer teil, der “immer fröhlich und nie traurig” seine Gäste durch Meißen begleitet und neben viel Wissenswertem auch manches Anekdötchen zum Besten gibt. Im Augenblick folgt ihm eine Gruppe aus Hamburg, die von der Albrechtsburg und der Dauerausstellung „Schaff’ Gold, Böttger“ begeistert ist. Joseph Frölich, im bürgerlichen Leben Matthias-Christian Schanzenbach, hat ihnen all jene Tiegel, Blasebalge und seltsamen Werkzeuge erklärt, mit denen man Anno dazumal Gold herzustellen hoffte. „Wie Sie alle wissen, kam am Ende das Porzellan dabei heraus“, erklärt Hofnarr Frölich in unverkennbarem Sächsisch. Im Angesicht der hoch aufragenden Burg und der Türme des gotischen Domes im Hintergrund wird er ganz feierlich: „Sie stehen mitten in der Wiege Sachsens. Meißen ist über tausend Jahre alt – also älter als Dresden. Aber eine Rivalität zwischen den beiden Städten gibt es nicht. Die Dresdner nehmen es manchen Amerikanern auch nicht übel, dass sie ihre schöne Stadt für einen Vorort Meißens halten. Jaja, das macht die Faszination des Porzellans.“ Und dann führt er seine Gäste in die Geschichte Meißens ein, die im Jahre 1144 begann. Da nämlich befahl Markgraf Konrad die Errichtung der Albrechtsburg auf dem schroffen Felsen über dem Strom zur Bewachung der Elbfurt. Wer über das holperige Pflaster der alten Gassen wandert, fühlt sich in ein anderes Zeitalter versetzt. Die schlichte Eleganz der Hallenkirche und des Kapitelsaals im Dom verfehlt selten ihre Wirkung auf in- und ausländische Touristen. „Eine Ausnahme war Dichterfürst Goethe. Der fand dieses Gotteshaus von außen keineswegs anziehend“, sagt Joseph Frölich. „Wahrscheinlich hat der Herr Poet die zauberhaften Stifterfiguren von Kaiser Otto I. und seiner Gattin Adelheid an der Fassade übersehen.“
Inzwischen ist es Mittag geworden. Ein azurblauer Himmel wölbt sich über der Stadt und lockt die Menschen auf Straßen und Plätze. Unter den eilig aufgespannten Sonnenschirmen der Cafés ist kein Stuhl mehr frei. Kellnerinnen eilen von Tisch zu Tisch. Eierschecken – eine typisch sächsische Leckerei aus Quark mit Eier-Butter-Zucker-Kruste – werden genussvoll verzehrt. Babylonisches Stimmengewirr überall. Eine japanische Reiseleiterin schwenkt ein rot-weißes Fähnchen und führt ihre Schäfchen den oberen Promenadenweg entlang, der einzigartige Ausblicke auf die Dächer Meißens und die reizvolle Flusslandschaft gewährt. „Hier braucht keiner eine Motivglocke“, lästern zwei Teenager beim Anblick der unentwegt klickenden Kameras. Joseph Frölich lotst seine Gruppe geschickt durch den Touristenstrom zur Konditorei Zieger auf den Roten Stufen 5. Hier gibt es die berühmten „Meissner Fummel.“ Zwischen verführerisch duftendem Gebäck und feinen Pralinen fallen große, äußerst fragile Teigblasen ins Auge. Postkuriere , die einst den kostbaren Meißner Wein und später auch Porzellan transportierten, bewiesen ihre Sorgfalt dadurch, dass die Fummel unversehrt ihr Ziel erreichten. Begleitet von einem starken Kaffee, ist dieses seltsame Gebäck durchaus genießbar. „Erhebet euch“, fordert der Cicerone seine sechsköpfige Gruppe wenig später auf. „Jetzt geht es in die Unterstadt.“ Die Route führt an einer Reihe alt-ehrwürdiger Bauwerke vorbei. Da ist das strahlend weiß verputzte spätgotische Rathaus an der Nordseite des Marktplatzes, der Heinrichsbrunnen mit der Skulptur Heinrichs I. sowie die gotische Frauenkirche, an deren Turm ein Glockenspiel aus Meissner Porzellan angebracht ist. Die siebenunddreißig Glocken lassen sechs Mal am Tag ihren silberhellen Klang ertönen. Um 6.30 Uhr begrüßen sie den Tag und verabschieden ihn abends um halb neun. Eine weitere „Stätte des Meissner Porzellans“ ist die Nikolaikirche am Neumarkt 29. Sie ist das älteste Gotteshaus der Stadt und ging bereits1220 bereits in die Annalen ein. Heute beherbergt sie eine Reihe überlebensgroßer Porzellanfiguren, die die  Mütter der  2000 im Ersten Weltkrieg gefallenen Meißner Soldaten darstellen.
„Die ganze Stadt ist von Kopf bis Fuß auf Porzellan eingestellt“, scherzt einer aus der Gruppe. „Woher stammt denn eigentlich der Rohstoff für seine Herstellung?“ Die Antwort ist ganz einfach: In Seilitz , dem kleinsten Bergwerk Europas, das nur einen Steinwurf von Meißen entfernt liegt, wird das Kaolin (Porzellanerde) schon seit Generationen gefördert. Und der Vorrat ist noch lange nicht erschöpft. „ Die Manufaktur Meissen ist die einzige ihrer Art, die ihre Materialien auch heute noch dank eines eigenen Bergwerks und ihre Farben im eigenen Haus herstellt“, sagt Dr. Christian Kurtzke, Vorsitzender der Geschäftsführung der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen. Er ist hoch erfreut, dass sein  Unternehmen die unbestrittene Nummer Zwei unter den deutschen Luxusmarken weltweit ist. Gleich hinter Porsche. Nur dass die Marke mit den berühmten gekreuzten blauen Schwertern viel älter ist! Vom „Mythos“ Meissen will Dr. Kurtzke allerdings nichts wissen: „Mythos ist etwas Unwirkliches. Wohingegen Meissner Porzellan etwas sehr Reales ist.“ Magie ist für ihn der einzig richtige Begriff. Und magisch angezogen waren die Menschen vom „weißen Gold“, als es im 18. Jahrhundert seinen Siegeszug durch ganz Europa antrat. Endlich konnte man auf die teuren Importe aus Ostasien verzichten. Adelshäuser und reiche Bürger schmückten ihre Paläste mit dem kostbaren „Porcellain“. Die Manufaktur prägte von Stund’ an entscheidend die Tischkultur unseres Kontinents. Mit dem Mythos, die Manufaktur bediene in erster Linie auch heute noch den Bereich Tisch und Tafel, räumt Dr. Kurtzke  auf. Tischdekor macht inzwischen sogar den geringsten Teil des Umsatzes aus. Die Manufaktur steht ganz im Zeichen feiner Lebensart und Wohnkultur: Wandverkleidungen, Fliesen, Leuchter und Möbel gehören ins Programm. Ganze Häuser stattet das Unternehmen aus. Diese Luxussparte, zu der neuerdings auch eine exklusive Schmuckkollektion gehört, erfreut sich inzwischen größter Beliebtheit in den Ländern Südostasiens. Wie man hört, plant das legendäre Hotel Adlon on Berlin eine Suite „ganz in Meissen.“ Übrigens – Präsident Barack Obama erhielt aus der Hand des sächsischen Ministerpräsidenten Tillich unlängst ein Paar exklusive Manschettenknopfe der Manufaktur Meissen.
„Sogar die schrecklichen DDR-Zeiten haben an der Magie des Meissner Porzellans nicht kratzen können“, verkünden alteingesessene Bürger stolz. Bei einem guten Tropfen von den heimischen Elbhängen im urigen Weinrestaurant Vincent Richter plaudert ein Stammgast zu vorgerückter Stunde ein wenig aus dem Nähkästchen:  „Am 23. Januar 1710 verfügte die Hofkanzlei des sächsischen Kurfürsten Friedrich August I. – besser bekannt als August der Starke – in einem „allerhöchsten Dekret“ die Gründung der Meissner Manufaktur. Darin hieß es, die Fertigung der dem ‚Ost-Indianischen Porcellain an Durchsichtigkeit, als anderen erforderten Eigenschafften gleichkommenden Gefässe könne und möge fabriciret werden.’ Erstaunlicherweise ist die alte Dame Manufaktur immer noch so frisch wie vor dreihundert Jahren!“

Unterkunft: Welcome Parkhotel Meißen**** , Hafenstraße 27 – 31, 01662 Meißen,
Telefon : 03521/722 – 50, www.welcome-hotel-meissen.de

Ausstellung zum 300. Jubiläum: Unter dem Mottol „ All nations are welcome“ präsentiert die Manufaktur ab dem 23. Januar 2010 bis zum Jahresende eine Superschau, die die Verbindungen zu anderen Ländern und Kontinenten aufzeigt. Diese „multikulturelle“ Darstellung bezieht auch die verschiedenen Weltreligionen mit ein

Ausflugsziel: „Weingut Schloss Proschwitz.“ Der Sitz der Adelsfamilie derer zu Lippe liegt idyllisch eingebettet in den Proschwitzer Weinberg. Im historischen Weinkeller finden regelmäßig Weinproben statt. Das Anwesen bietet einen herrlichen Ausblick auf die Weinreben bis hin zur Meißner Albrechtsburg

Unbedingt besuchen: Die Dauerausstellung „Schaff Gold Böttger“ auf Schloss Albrechtsburg, Domplatz 1. Hier wird die Erfindung des „weißen Goldes“ mit tollen Licht- und Toneffekten zelebriert
Der „Fürstenzug“ an der Außenwand des Stallhofes in Dresden wurde aus 24 000 Porzellanfliesen der Meissner Manufaktur gefertigt. Er stellt die Genealogie des Wettiner Adelsgeschlechtes dar und überstand den Feuersturm des 13. Februar 1945 völlig unbeschadet

Sehr empfehlenswert: Hofnarr Joseph Frölich begleitet Sie durch Meißen. Zu buchen unter der Telefonnummer: 03521/403 07 20, Mobil: 0173/855 06 92,  E-Mail: hofrat-froelich@gmx.de , www.hofnarr-froelich.de

Auskunft: Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen GmbH, Talstraße 9, 01662 Meißen, Telefon: 03521/46 80 – www.meisssen.com

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