Ein faszinierender Theaterabend

Von Hans- Peter Kurr

Wer vor Jahren in der Hamburgischen Staatsoper „Bob“ Wilson’s entschleunigte Inszenierung des Wagnerschen „Parsifal“ erlebte oder -. etwas später – ebenfalls in Hamburg  – Tom Wait’s Fassung des klassischen „Freischütz“ unter dem Titel „The Black Rider“, konnte sich lediglich entscheiden zwischen begeisterter Zustimmung und vollständiger Ablehnung.-
Jetzt ist im Thalia-Theater – sozusagen als programmatischer Start in die „Aera Joachim Lux“ –  wieder eine Produktion des Teams Tom Waits, Kathleen Brennan, Robert Wilson zu erleben : In Jette Steckels poetischer Inszenierung und unter der musikalischen Leitung des Multi-Talents Gerd Bessler (, der hier ausserdem nicht weniger als sieben Instrumente spielt!) „Woyzeck“ nach Georg Büchners – inzwischen – Klassiker.Georg Büchner
Die bange Frage, ob dieses „Konstrukt“ aufgehen könne, beantwortete sich sofort nach Öffnen des Hauptvorhanges: In einem genialisch erfundenen Bühnenbild des Florian Lösche, einem multipel einsetzbaren Riesennetz in Bühnengrösse, auf dessen gewaltiger Fläche körperlich wohltrainierte Schauspieler-Sänger in allen denkbaren Dimensionen ihre Rollen entfalten können, spielt sich diese Fassung in einer begeisternden Abfolge von Song und Textur zweistündig pausenlos (im Wortsinn!) herunter!

DER „VATER“ DIESER PRODUKTION am Thalia-Theater: Georg Büchner

Alle Darsteller in bester Verfassung: Marie (Maja Schöne). Woyzeck (Felix Knopp), die virtuos zeigen, was eine Regie mit ungewöhnlich tiefer szenischer Phantasie gemeinsam mit hochbegabten  Schauspielern erreichen kann. Köstlich tiefsinnige Studien zeigen Philipp Hochmair als Hauptmann,Tilo Werner als Doctor, Jörg Pohl als Freund Andres, Gabriele Maria Schmeide als Margreth, die in der berühmten – hier als dramatrugische Klammer am Stückbeginn und an dessen Ende zu hörenden – Erzählung der Grossmutter aus Büchners hessischem „umgestürzten Hafe“ – zu Recht – einen ins Norddeutsche umgemünzten  „umgestürzten Pisspott“ macht, Julian Greis vorzüglich nuancierenden Idiot Karl und, hinreissend, der schwergewichtige Josef Ostendorf als niemals zu befriedigender Tambourmajor.-

Fazit: Ein exemplairischer, phantasiereicher Theaterabend auf höchstem Niveau, dem der einzelne Buhrufer am Ende der B-Premiere mit seiner unqualifizierten Äusserung „Karneval in Hamburg“  gewiss nicht gerecht wurde.

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