Bismarcks »objektivster Gegner«

Vor 200 Jahren kam Friedrich Ferdinand Graf von Beust zur Welt, Regierungschef sowohl Sachsens als auch Österreichs
Von Manuel Ruoff
Otto von Bismarck bezeichnete Friedrich Ferdinand von Beust als seinen „objektivsten und liebenswürdigsten Gegner“, und der Sachse wiederum betrachtete sich als Pendant zum Preußen. Angesichts ihrer gegensätzlichen politischen Ziele konnte es vielleicht auch gar nicht anders sein.Friedrich_Ferdinand_von_Beust_1860
Spätestens das Preußen des Ministerpräsidenten Bismarck strebte eine vergleichsweise unitarische kleindeutsche Lösung an, das heißt einen deutschen Bundesstaat unter Ausschluß des traditionell mächtigeren Österreichs und unter Leitung der dadurch einzigen Großmacht des Landes, Preußen. Das Sachsen des Regierungschefs Beust strebte die sogenannte Trias-Lösung an, das heißt einen vergleichsweise föderalistischen Staatenbund unter Einschluß Österreichs, in dem sich die beiden deutschen Großmächte die Waage halten und dem sogenannten dritten oder reinen Deutschland, sprich den deutschen Mittel- und Kleinstaaten, die Rolle einer dritten Kraft zukommt. Diese Trias-Lösung wurde seitens Sachsens durchaus nicht selbstlos präferiert, glaubte man doch, als neben Bayern mächtigster der Mittelstaaten für die Führung des dritten Deutschlands prädestiniert zu sein. Eine föderalistische Lösung der deutschen Frage strebte die Regierung des Königreichs Sachsens an, da man weder in einem von Österreich noch in einem von Preußen beherrschten deutschen Zentralstaat aufgehen wollte. Österreich schließlich war als Vielvölkerstaat jeder Form von unitarischem Nationalstaat abhold. Der traditionell mächtigste deutsche Staat strebte eine föderalistische, großdeutsche Lösung der nationalen Frage mit ihm als Führungsmacht eines deutschen Staatenbundes an. Zum Leidwesen Dresdens sah also weder die von Berlin noch die von Wien verfolgte Lösung eine Gleichberechtigung der Mittel- und Kleinstaaten als dritte Kraft vor. Allerdings ließ das österreichische Lösungsmodell der deutschen Frage mit seinem föderalistischen Charakter den Mittel- und Kleinstaaten mehr Eigenständigkeit als das preußische mit seinem unitarischen – und so entschied sich das Sachsen Beusts, vor die Wahl gestellt zwischen Pest und Cholera, letztlich für Österreich und gegen Preußen.
Vor 200 Jahren, am 13. Januar 1809, kam Friedrich Ferdinand Freiherr von Beust in Sachsens Hauptstadt zur Welt. Sein Vater war Oberhofsgerichtsrat, und er wuchs auf einem Rittergut bei Borna auf. Dem Besuch der Kreuzschule in der Landeshauptstadt folgte ein Jurastudium in Göttingen und Leipzig. Er war also wie geschaffen für eine Karriere im höheren Staatsdienst. Der Freiherr entschied sich für die Diplomatenlaufbahn. Nach Stationen als Legationssekretär in Berlin und Paris, als Geschäftsträger in München sowie als Gesandter in Berlin übernahm er 1849 im sogenannten Beamtenministerium Gustav Friedrich Helds die Leitung des Außenministeriums seines Heimatlandes. Vier Jahre vor Bismarck in Preußen, also 1858, wurde Beust in Sachsen Regie­rungs­chef.
1863 trat Chri­stian IX. sowohl in Dänemark als auch in Schleswig-Holstein die Nachfolge Fried­rich VII. an und unterschrieb eine Verfassung für Dänemark einschließlich Schleswig, die Schleswig-Holstein verfassungsrechtlich teilte. Im Deutschen Bund herrschte daraufhin Konsens über ein militärisches Vorgehen gegen Christian. Strittig war allerdings die Begründung. Beust forderte mit den deutschen Mittel- und Kleinstaaten eine Bundesokkupation, da der Dänenkönig Christian gemäß dem schleswig-holsteinischen Erbfolgerecht gar nicht der legitime Nachfolger Friedrichs VII. in Schleswig-Holstein war, sondern der Deutsche Friedrich VIII. Christian August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg. Das von Bismarck geführte Preußen forderte hingegen eine Bundesexekution, da es sich als Signatarmacht an das Londoner Protokoll der Großmächte von 1852 gebunden fühlte, demzufolge Christian der legitime Nachfolger Friedrichs VII. nicht nur in Dänemark, sondern auch in Schleswig-Holstein war, sich aber mit der verfassungsrechtlich unterschiedlichen Behandlung Schleswigs und Holsteins durch die Novemberverfassung ins Unrecht gesetzt hatte. Da Österreich auch das Londoner Protokoll der Großmächte von 1852 unterzeichnet hatte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in dieser Frage auf Bismarcks Seite zu schlagen und damit Beust eine Niederlage zu bereiten.
Nichtsdestotrotz verortete Beust im nun ausbrechenden Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 einen Glanzpunkt seines Lebens. Nachdem die Deutschen eine Schlacht nach der anderen gegen die Dänen gewonnen hatten, setzten die Briten eine Friedenskonferenz in ihrer Hauptstadt durch, um eine Niederlage des kleinen Dänemarks zu vermeiden. Da Bismarck nicht als Friedensfeind dastehen und damit den Engländern einen Vorwand zur militärischen Intervention liefern wollte, stimmte er zähneknirschend zu. Neben den beiden deutschen Großmächten sollte auch der Deutsche Bund vertreten sein, und als Leiter von dessen Delegation wurde Beust bestimmt. Der Mann, von dem der Vorschlag hierzu stammte, Bismarck, begründete seine Wahl gegenüber dem Vorgeschlagenen wie folgt: „Sie sollen in London die Rolle des enfant terrible übernehmen.“ Österreichs Außenminister Johann Bernhard von Rechberg stimmte zu, da der sächsisch Regierungschef ihm geschmeidiger, eitler und verführbarer als dessen bayerisches Pendant erschien und deshalb in seinen Augen vorzuziehen war. Die Friedenskonferenz nahm das von Bismarck erstrebte Ende, sie scheiterte und die Deutschen konnten ihre Siegesserie fortsetzen bis zur Niederlage Dänemarks. Nichtsdestotrotz hängte Beust seine Konferenzvollmacht hinter Glas gerahmt in sein Arbeitszimmer. Einmal wenigstens hatte er, der ihm die deutsche Frage ein Herzensanliegen war, als Vertreter des dritten, reinen Deutschlands den Deutschen Bund repräsentiert.
Nach dem Sieg über Dänemark gerieten die beiden deutschen Großmächte in Streit über die Beute Schleswig-Holstein. Während Österreich ein eigenständiges Schleswig-Holstein unter Fried­rich VIII. Christian August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg als Herzog wünschte, strebte Preußens Ministerpräsident eine Einverleibung der beiden Herzogtümer an. Da Beust eine Stärkung des dritten, reinen Deutschlands durch einen zusätzlichen Mittelstaat Schleswig-Holstein einer Vergrößerung Preußens vorzog, schlug er sich auf Österreichs Seite. Aus diesem Grunde, aber auch wegen der zu Beginn dieses Artikels angeführten übergeordneten deutschlandpolitischen Gesichtspunkte setzte Beust durch, daß Sachsen sich 1866 im Deutschen Krieg wie die meisten anderen deutschen Mittel- und Kleinstaaten auf die Seite Österreichs schlug. Preußen siegte, und Bismarck setzte Beusts Entlassung als Sachsens Regierungschef durch.
Österreichs Kaiser Franz Joseph I., der sich den Sachsen in Freundschaft und Dankbarkeit verbunden fühlte, bot dem geschaßten sächsischen Regierungschef nun den entsprechenden Posten in seinem Reich an, erhob ihn später gar in den Grafenstand. Beust nahm an. In seine Amtszeit fällt der sogenannte Ausgleich mit den Ungarn, der aus Österreich Österreich-Ungarn machte. Beusts Außenpolitik als Regierungschef der Donaumonarchie war nicht frei von antipreußischen Re­vanchegelüsten. Den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 nutzte Beust jedoch nicht zu einer Revanche. Die Ungarn waren über den Sieg Preußens 1866 gar nicht unglücklich, hatte er ihnen doch den Ausgleich gebracht. Und antifranzösische Reflexe gab es auch bei den Deutschen in Österreich. Nichtsdestotrotz wirkte Beusts Ausscheiden aus dem Amt auf die österreichisch-preußischen Beziehungen im Jahre 1871 entspannend. Sinnigerweise erfolgte Beusts Entlassung im Jahre der Gründung des Deutschen Reiches, ohne daß deshalb ein Zusammenhang bestanden hätte. Beust kehrte in die Diplomatie – nun nicht mehr Sachsens, sondern Österreich-Ungarns – zurück, erst als Botschafter in London, dann in Paris. 1882 zog er sich ins Privatleben zurück. Am 24. Oktober 1886 verstarb er auf Schloß Altenberg in Niederösterreich. Sein Nachfolger in der Führung der k.u.k. Außenpolitik war da bereits schon seit eineinhalb Jahrzehnten Gyula Andrássy. Dieser ungarische Graf sah in Preußen weniger einen Rivalen Österreichs um die Vorherrschaft in Deutschland als vielmehr einen Verbündeten Ungarns im Machtkampf mit Rußland um den Balkan. Damit war die Voraussetzung für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen dem von Bismarck geführten Deutschen Reich und der anderen mitteleuropäischen Groß­macht geschaffen

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