Joachim Blieses 50. Bühnenjubiläum

Notizen zur Hauptmann-Premiere im Ohnsorg-Theater
Von Hans- Peter Kurr
Grosse Literatur im Hamburger Ohnsorg-Theater. Und das „op Platt“. Seit vielen Jahren beweist der Intendant des (Noch-) Hauses an der Grossen Bleichen, Christian Seeler, den Mut zu diesem Risiko. Und offensichtlich gibt der Erfolg ihm Recht:
Mochte mancher Besucher die „Faust“-Interpretation mit Joachim Bliese und Uwe Friedrichsen vor einiger Zeit als Höhepunkt dieser Bemühung angesehen haben, jertzt durfte er erleben, dass Gerhart Hauptmanns wichtigstes Generationen-Drama „Vor Sonnenuntergang“ sich würdig an Faustens Seite stellen lässt, zumal in der plattdeutschen Übersetzung des sensiblen Regisseurs Frank Grupe, der , als Oberspielleiter des Hauses, auch feinfühlig inszenierte. Und das mit einem Ensemble von Typen und Charakteren, das man in dieser hochkarätigen Zusammensetzung selbst in Hamburg mit der Lupe suchen muss.
Das Familiendrama um die Liebe zwischen dem alternden Kommerzienrat Clausen (In einer glänzenden Studie: Jochachim Bliese) und der weitaus jüngeren Inken Peters (Intelligente Lösung einer schauspielerisch nicht eben sehr dankbaren Aufgabe: Sonja Stein) wird initiiert, intrigant durchgeführt, begutachtet, kommentiert und beinahe rechtzeitig verhindert durch akkurat charakterisierende Ohnsorg-Darsteller wie die wunderbar-stille Ursula Hinrichs (Mutter Peters), den mitfühlend analysierenden Wilfried Dziallas (Herausragend als Sanitätsrat Steynitz!) und alle die anderen zwölf hier nicht genannten, aber rühmlich und gekonnt ihre Inidividualität bewahrenden Schauspieler in Grupes Konzept ( und innerhalb des phanatsievollen , auf dieser „Nudelbrett“-Bühne wundersame Tiefe erzeugenden Szenenbildes von Felicier Lavaulx-Vrecourt).-
Noch einmal sei’s gesagt: An der Spitze dieses bewunderswerten Ensembles Joachim Bliese als Clausen. Wer „Vor Sonnenuntergang“ in einem langen Berufsleben so häufig gesehen hat wie der Chronist, weiss, welch‘ unnachahmlich-exemplarische Züge  Bliese dieser gebrochenen Figur bis zum Tode verleiht. Die Mittel dieses Menschendarstellers, der mit jener Hauptmann-Premiere am Ohnsorg-Theater sein 50. Bühnenjubiläum feierte, scheinen  unerschöpfbar. Gratulation und achtungsvolle Verbeugung!

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