Grün kommt später

Von Renato Diekmann

Statt Sprit sparender Fahrzeuge präsentieren die Autokonzerne auf der IAA immer mehr PS.

Krise? Welche Krise?

„Nur auf der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) in Frankfurt am Main finden die Besucher Antworten auf die Herausforderungen der Krise“, verspricht selbstbewusst Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der deutschen Automobilhersteller (VDA). Zwar gibt es lt. auto motor sport auf der Automesse vom 17. bis 27. September 2009 einige wenige grüne Tatsachen und viel ökologische Zukunftsmusik, aber von Krise, Umdenken und Zurückhaltung kann gar keine Rede sein. Vielmehr ist Kräftemessen und Megaluxus angesagt, so das Magazin.
Hier die Wagen zur Wirtschaftkrise:

Nur Fliegen ist schöner!

Bugatti Veyron Grand SportWenn 1001 PS dem Bugatti Veyron 16.4 den Marsch blasen und die Sportskanone auf Tempo 407 katapultieren, werden Ferrari- oder Mercedes McLaren SLR-Fahrer vermutlich blass vor Neid. In 2,7 Sekunden ist die Flunder auf Hundert; das können Formel 1-Boliden auch nicht besser. Bugatti Veyron SpecialEditionDer Bugatti Veyron 16.4 geht ab wie eine Rakete, ist kein Wagen für schwache Nerven und kleine Geldbeutel. Für 1,6 Millionen Euro gibt es im Edelprodukt aus dem VW-Konzern eine Superlative nach der anderen: acht Liter Hubraum, vier Turbolader, 16 Zylinder-Maschine, ein Spritverbrauch ab 25 l Super Plus und  – ganz klar – Materialien vom Allerallerfeinsten. Der Supersportwagen, den niemand wirklich braucht, sorgt selbst bei supercoolen Fahrern für feuchte Hände und steigenden Blutdruck – man gönnt sich ja sonst nichts. Dass die Kosten für die Mischbereifung (265-680 ZR 500 A vorn und 365-710 ZR 540 A hinten) einen Hartz IV-Empfänger 60 Monate / 5 Jahre lang ernähren könnten, darf den Besitzer eines Bugatti Veyron 16.4 ebenso wenig stören wie der extrem hohe Schadstoffausstoß von 574 g/km.

Rennwagen für die Straße

P 911 GT3 RSDamit PS-geilen Fahrern nicht langweilig wird, bringt Porsche den für den Rennsport entwickelten 911 GT3 nun als Sportwagen mit Straßenzulassung unters Volk. Mit mehr Hubraum (3,8 Liter), mehr Leistung (450 PS) und hochdrehendem Sechszylinder lehrt der neue Porsche 911 GT3 RS der Konkurrenz das Fürchten und fährt ihr mit 312 P  911 GT3 RSSachen auf und davon. Den  911 GT3 RS gibt’s nur mit manuellem Sechsgang-Schaltgetriebe, das auf kurze Wege, geringes Gewicht und hohen Wirkungsgrad optimiert ist. Seine Nähe zum Rennsport signalisiert der PS-Hammer durch seine auffällige Optik. Der riesige, ausfahrbare Heckspoiler aus Carbon und Aluminium ist jedenfalls nicht zu übersehen und drückt den besonders tief gelegten Pistenrenner mit extra fetten Bug-  und Heckteilen fest auf den Asphalt. So wird verhindert, dass er abhebt. Auf superbreiten Schlappen und mit einem Schadstoffausstoß, der 400 g pro Kilometer locker übersteigt, bahnt sich der Superporsche seinen Weg durch Stadt und Land. Ab Januar 2010 lässt sich der neue Porsche 911 GT3 RS in Deutschland erstehen – für 145.971 Euro inklusive Mehrwertsteuer.

Wenn schon, denn schon!

AstonMartin RapideUnter der gestreckten Motorhaube des Aston Martin Rapide arbeitet ein Zwölfzylinder-Triebwerk, das 480 PS leistet, eine Höchstgeschwindigkeit von 290 km/h hinlegt und einen CO2-Emissionswert von 389 g/km problemlos erreicht. So „preiswert“ wie den Porsche Panamera Turbo wird es den bei Magna Steyr in Graz gebauten Rapid nicht geben. Wer mit Aston Martin  gegen Maserati Quattroporte & Co. punkten will, muss für die begehrenswerte Bond-Marke aus dem Ford-Konzern noch mal kräftig draufpacken und landet bestimmt bei einer viertel Million Euro. Dafür genügt der elegante Viertürer aus England höchsten Luxus-Ansprüchen. Unter dem Panoramadach, das per Knopfdruck dezent abgedunkelt werden kann, besticht das Edel-Interieur im lichtdurchfluteten Innenraum mit feinem Rindsleder, wahlweise poliertem Eschen- oder Pappelholz, schmutzabweisender Haifischhaut und Seidenteppichen aus Kathmandu. Die Uhr tickt analog und kommt von Jaeger Le Coulture.

Wer hat, der hat!

Maybach 62 SNur Mut, verehrte Damen und Herren! Nehmen Sie im 6,17 m langen Maybach 62 S auf den komfortablen Einzelsitzen, die sich elektronisch in eine höchst bequeme Lage bringen lassen, gern Platz! Spätestens beim Probesitzen stellt sich Maybach 62 Sheraus, dass man in Deutschlands längster Nobelsänfte mit exzellentem Geräusch- und Federungskomfort nicht sitzt, sondern residiert, ja, geradezu schwebt. Die schwäbische Edelkarosse aus dem Hause Daimler hat alles an Bord, was gut und teuer ist. Zu „Cuvée Belle Epoque“, Tausend Euro die Flasche, Beluga-Kaviar, Dolby-Surround-, TV-DVD-Entertainmentsystem und weiteren technischen Annehmlichkeiten wird der Ausflug ins Grüne gewiss nicht langweilig, wobei pro Kilometer mit einem Schadstoff-Ausstoß von mindestens 390 g pro Kilometer zu rechnen ist. Während der Fahrt muss niemand auf überflüssige Power verzichten. Der Maybach 62 S zum Schnäppchenpreis von 522.838 Euro bekommt noch mehr Hubraum und noch mehr Leistung. Man muss ja schließlich mithalten! Reichten bislang 550 PS für den Kickdown aus, sorgen jetzt 612 PS für einen Extra-Schub. Im Maybach 62 Zeppelin sind es sogar 640 PS.

Understatement auf britisch

BentleyKlassisch geht es im Bentley Continental GT Speed zu. Ob Cabrio oder Coupé – der Bentley repräsentiert britisches Understatement und ist das Sinnbild von Eleganz, Sportlichkeit und Luxus, Stil und Charakter. Das gilt freilich auch für die Limousine Flying Spur, die als die schnellste der Welt gelobt wird. Der Wagen für gewisse Stunden zeigt zwar Muskeln, ist aber kein Protz für die Rennstrecke, sondern ein schneller, komfortabler GBentleyran Turismo für Individualisten mit Geld, das die meisten brauchen. Unter der langgestreckten Motorhaube stecken Kraft und Geschmeidigkeit im Überfluss. Der aus dem VW-Konzern stammende über sechs Liter große W12-Twinturbo-Motor mit 630 PS kommt direkt zur Sache, sprintet auf allen Vieren mühelos in 3,7 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 und erreicht – wenn’s denn sein muss – souverän eine Spitze von Tempo 329 km/h. Dass der über 230.000 Euro teure Wagen von den Superreichen vermutlich locker aus der Portokasse bezahlt werden kann und höchsten Qualitätsansprüchen gerecht wird, ist so selbstverständlich wie Image und Status, den der GT Speed den Damen und Herren, die ihn besitzen, „verleiht“. Viel Speed bedeutet aber auch viel Durst (ab 21 Liter Super Plus aufwärts) und hohen Schadstoffausstoß (396 g/km).
Der soll bis zum Jahre 2012 bei allen neuen Bentley’s um bis zu 20 Prozent reduziert werden, etwa durch die Verbrennung von Bioethanol oder Diesel und die Einführung einer Start-Stopp-Automatik. Mit dem neuen 2330 Kilo schweren Continental SS „soll das eigene (Umwelt)-Gewissen beruhigt werden,“ schreibt Jürgen Zöllter in der „Welt am Sonntag“, „denn einen reduzierten Verbrauch kann es auch in der Verschwendung geben“. Wie wahr!

Kraftpakete aus Bayern

Audi A5 SportbackBescheidener treten Audi A5 Sportback und BMW 5er GT auf. Zwei bayerische Sportler mit Fließheck, elegant wie ein Coupé, komfortable wie eine Limousine, praktisch wie ein Kombi – das jedenfalls verspricht die Werbung für beide Markenmodelle. Um mit dem Konkurrenten aus Audi A5 SportbackMünchen mitzuhalten, wird es im A5 Sportback neben den aktuellen TDI- und TFSI-Motoren aus Ingolstadt eine sportliche S-Variante mit Kompressor-V6 und fahrdynamischen Quattro-Antrieb geben.  Der zurzeit eingesetzte V6 bringt es heute schon auf 265 PS. Mit S tronic und quattro-Antrieb gekoppelt, beschleunigt er den A5 Sportback in 6,6 Sekunden auf Tempo 100 und weiter zur Höchstgeschwindigkeit von abgeregelten 250 km/h. Sein Verbrauch bewegt sich um die 16 Liter, der CO2-Wert liegt bei 213 g/km.

BMW-5er GTDer BMW Fünfer GT siedelt sich standesgemäß eine Klasse höher an und will eher eine Alternative zu Mercedes R-Klasse und Porsche Panamera sein.BMW-5er GT Angetrieben wird das wuchtige Mehrzweckfahrzeug mit der zweigeteilten Heckklappe von aufgeladenen Sechs- und Achtzylinder-Benzinern mit einer Triebwerkleistung von 306 bzw. 407 PS. Das reicht bei beiden Motoren für einen 100 km/h-Spurt um die 6  Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit, die auf 250 km/h beschränkt ist. Umweltfreundlicher ist die 245 PS starke Dieselvariante mit einem Schadstoffausstoß von 173 g/km.

Raubtier auf dem Sprung

Jaguar-XJAuffällig gezeichnet, edel ausgestattet und stark motorisiert setzt Jaguar mit dem brandneuen XJ gegen Maserati Quattroporte, Mercedes CLS und den neuen Audi A7 Sportback zum Sprung an. Die Front orientiert sich weitgehend an den erfolgreichen Neueinsteiger Jaguar XF, das Heck ist gewöhnungsbedürftig und zeigt Rückleuchten, die sich sichelförmig über die hinteren Karosserieflanken wölben und rot-weiße, vertikale Streifen bilden (der Jaguar-XJLancia Thesis lässt grüßen!). Innen herrscht die feine englische Art. Fünf Insassen haben unter dem serienmäßigen Panoramadach genügend Platz. Sie sind umgeben von poliertem Edelholz und sitzen auf hochwertigem Leder, das die verstellbaren Komfortsitze, die Instrumententafel, die oberen Türpartien, die Mittelkonsole und die Armablagen umspannt. Im Top-Modell Supersports ist sogar der Dachhimmel in Leder ausgeschlagen. Ein großflächiger Touchscreen-Monitor versorgt den Fahrer mit allen wichtigen Informationen. Das sechsstufige Automatikgetriebe wird über einen versenkbaren Drehknopf in der Mittelkonsole bedient. Neu im Cockpit sind die markanten Lufteinlässe der vollautomatischen Klimaautomatik und die schmucken virtuellen Instrumente, die während der Fahrt in farblich abgestimmten Animationen detailliert Auskunft geben über Geschwindigkeit, Drehzahl, Tankinhalt, Öldruck und Temperaturen. Während Karosserie und Interieur mit der Tradition brechen, setzt Jaguar beim Antrieb auf bewährte Motoren. Im Einstiegsmodell treiben 275 PS das 3.0 Liter große V6-Diesel-Aggregat an, darüber rangieren V8-Benziner mit fünf Litern Hubraum, die als Sauger 385 und mit Kompressor wahlweise 470 oder 510 PS leisten.

Pistenrambos

Ford_Focus_RS_HeckansichtDass PS-Protze auch in der Kompaktklasse immer höher im Kurs stehen, zeigen exemplarisch Audi S3 mit 265 PS (ab 38.900 €),  BMW 135i Coupé mit 306 PS (ab 38.950 €), VW Golf R32 mit 250 PS (ab 36.250 €) und der Ford Focus RS für schlappe 33.900 Euro. Ford_Focus_RS_Frontansicht305 PS unter der Haube jubeln die Kölner Krawallbüchse in 5,9 Sekunden auf Tempo 100 hoch. Kaum ein Auto lässt die Insassen derart intensiv an seinem Leben teilhaben. Mit dem Pisten-Rambo kann der Fahrer zeigen, wo der Hammer hängt. Die bärenstarke Power schreit regelrecht nach Bleifuss und will getreten werden. Der 2,5 Liter-Fünfzylinder-Turbo garantiert freien Auslauf, der erst bei 263 km/h endet, verbraucht bei Full Speed gut 16 Liter und ballert durch armdicke Endrohre reichlich Schadstoffe in die Umwelt – 225 g pro Kilometer.
Da geht der Golf GTI mit 210 PS erheblich dezenter und umweltfreundlicher zu Werke. Der Leit-Golf aus Wolfsburg protzt nicht mit wuchtigem Dachkantenspoiler und brachialer Optik, schafft locker 240 km/h, verbraucht 9 Liter bei flotter Fahrweise, bläst 170 g/km Schadstoff in die Luft und kostet nach Listenpreis 7.250 Euro weniger als der Bolide aus Köln.

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