Kleine Leute ganz groß

Von Renato Diekmann

Wie fühlt man sich als kleinwüchsiger Mensch, wenn Türklinken, Lichtschalter, Treppen, Fenstergriffe, Waschbecken, Herdplatten, Fußgängerampeln, Geldautomaten, Telefonzellen, öffentliche Verkehrsmittel und dergleichen oft ohne Hilfen unerreichbar bzw. nicht benutzbar sind? Sicher nicht als gleichberechtigte Partner in der Gesellschaft.
Die Körpergröße ist in unserer Gesellschaft nach wie vor ein wichtiges Kriterium bei der Einschätzung eines Menschen und hat demzufolge auch entscheidenden Einfluss auf die berufliche Karriere und den persönlichen Erfolg. Kleinwüchsige wollen und können gleichberechtigte Partner in der Gesellschaft sein – vorausgesetzt die Gesellschaft verabschiedet sich von ihren Vorurteilen und öffnet sich gegenüber Menschen, die ihren bisherigen Normen nicht entsprechen.

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„Kleinwuchs ist eine angeborene, nur in Teilen therapierbare Erkrankung“, erklärt Dr. Dirk Schnabel, Leiter des Interdisziplinären Sozialpädiatrischen Zentrums am Otto-Heubner-Centrum für Kinder- und Jugendmedizin an der Carité in Berlin. „Um so wichtiger ist es, den Betroffenen so früh wie möglich einen eigenverantwortlichen Umgang mit ihrem Körper zu ermöglichen. Nur so haben sie die Chance, sich ebenso selbstbewusst wie optimal betreut in die Gesellschaft zu integrieren“, betont der Pädiater und Endokrinologe.
Gut 100.000 Bundesbürger sind von Kleinwuchs betroffen. Sie werden zwischen 70 cm Kleinw. Kinderund 150 cm groß. Verbunden mit dem Kleinwuchs sind meist gesundheitliche Probleme, gesellschaftliche Ausgrenzung und Schwierigkeiten bei der Arbeitsplatzsuche. Aufklärung ist deshalb die wichtigste Maßnahme. Kleinwuchs ist auch heute noch eine wenig beachtete Behinderung, über die viele Ärzte, Therapeuten, Psychologen, Lehrer, Ausbilder und in der Folge auch die Eltern kleinwüchsiger Kinder ungenügend informiert sind. Darüber hinaus versterben trotz medizinischen Fortschritts nach wie vor viele Kinder mit einer Wachstumsstörung vor oder nach der Geburt oder überleben die ersten Lebensjahre nicht. Hier mangelt es noch immer an Forschung, werden weiterhin unnötige bzw. längst überholte Operationen und Behandlungen durchgeführt.

Damit alle Möglichkeiten für die positive Entwicklung kleinwüchsiger Menschen in unserer Gesellschaft rechtzeitig und optimal genutzt sowie fehlerhafte Diagnosen und Therapien mit dramatische Nachteilen für die Betroffenen und das Gesundheitssystem weitestgehend ausgeschlossen werden, vertritt der Bundesverband Kleinwüchsiger Menschen und ihre Familien e.V. (BKMF) die Interessen der Menschen mit Wachstumsstörungen in Deutschland. Im Mittelpunkt des BKMF unter der Leitung von Hilke Eden stehen die Information, Beratung und Förderung, die Stärkung der Familien, die Sicherung einer bestmöglichen medizinischen und therapeutischen Versorgung, die Integration in Kindergarten, Schule und Beruf, die berufsorientierte Beratung, die Unterstützung bei behördlichen Fragestellungen, die Forschung im Bereich seltener Skeletterkrankungen sowie die Hilfsmittelberatung, Mitgliederbetreuung und Öffentlichkeitsarbeit.

Einen großen Schritt nach vorn ermöglicht die Einrichtung des Deutschen Zentrum für Wachstumsfragen (DZW) in Bremen, das von der „Stiftung RTL – Wir helfen Kindern e.V.“ mit knapp 1,2 Millionen Euro finanziell unterstützt wird. Der RTL-Spendenmarathon ist eine im Fernsehen einmalige Benefiz-Sendung, die mit Moderator Wolfram Kons rund um die Uhr Spenden sammelt. Jedes Jahr werden etwa sechs ausgewählte Kinderhilfsprojekte gefördert, wobei prominente Persönlichkeiten die Patenschaften übernehmen. Kons & Köhler
Die Patenschaft für das Deutsche Zentrum für Wachstumsfragen hat die Gattin des Bundespräsidenten, Frau Eva-Luise Köhler, übernommen. Das Zentrum wird die Arbeit des BKMF sinnvoll ergänzen und im Rahmen eines interdisziplinären Teams Kompetenzen aus verschiedenen Fachrichtungen der Medizin, Therapie, Psychologie und Pädagogik bündeln. Es wird wegweisend sein und wesentlich dazu beitragen, betroffenen Kindern und Jugendlichen, trotz Wachstumsrückstand, einen guten Start ins Leben sichern. Im Zentrum werden nicht nur die Patienten medizinisch beraten. Es sollen auch Beratungen während der Schwangerschaft angeboten und Jugendseminare abgehalten sowie Schulungen von Eltern, Angehörigen und Mitarbeitern durchgeführt werden. Darüber hinaus sollen hier Kliniken, niedergelassene Ärzte, Therapeuten und Hebammen zum Thema Kleinwuchs informiert und weitergebildet werden. Hilfe im Alltag werden zwei behinderten-gerechte Wohnungen bieten, in denen kleinwüchsige Menschen über einige Wochen probe wohnen können. Mit dem Deutschen Zentrum für Wachstumsfragen schafft das BKMF die notwendigen Voraussetzungen, um die Lebenssituation kleinwüchsiger Menschen und deren Familien nachhaltig zu verbessern.

Infos, Rat & Hilfe: www.bkmf.de

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