Badische Lebensart

Hotel Kübler Allvitalis

Viel vor und viel dahinter

Von Renato Diekmann, Fotos: Tourismusverbände
Der Mann im blauen Overall ist kein Klempner, sondern Hotelier! Mit geschickten Händen und viel Phantasie treibt Siegfried Weber die Entwicklung seines elterlichen Betriebes voran. Hinter der gutbürgerlichen Fassade des „Hotel Kübler“ in der Bismarckstraße von Karlsruhe offenbart sich dem staunenden Publikum unerwartet die architektonische Traumlandschaft „Allvitalis“. Die Gäste wohnen mitten in der Stadt unter moosgrünen Dächern, in riesigen Köpfen, drehbaren Türmen und skurrilen Fabelwesen, die an die surrealistische Welt von Gaudi und Hundertwasser erinnern. Demnächst will der Technikfreak seinen Gästen sogar Service-Roboter zur Seite stellen, die Minibars überflüssig machen und frisch gezapftes Bier vom hauseigenen Brauhaus aufs Zimmer bringen.
In Karlsruhe paart sich badische Lebensart mit frischem Erfindungsgeist. In der Stadt der kurzen Wege, die sich um die Schlossresidenz zirkelartig auffächert, lässt sich gut arbeiten, leben, lernen und forschen. Man schätzt die gemütlichen Biergärten, Straßencafés und großzügigen Parkanlagen. Auf der grünen Wiese genießen Jugendliche unter südlicher Sonne Brie, Baguette und Bordeaux. Frankreich liegt auf der anderen Seite des Rheins und lässt schön grüßen! Schon vor der Bewerbung als  Europäische Kulturhauptstadt wehte in der Fächerstadt ein frischer Wind. Majolika InnenhofEine besondere Adresse für Freunde der Kultur und Kommunikation ist die Majolika-Manufaktur. Sie liegt idyllisch im Hardtwald und wurde 1901 auf Betreiben des Malers Hans Thoma als Großherzoglicher Betrieb gegründet. Ausstellung, Kasino und Werkstatt für die Herstellung von kunstvoll gefertigten Fliesen, Tellern, Vasen, Garten- und Baukeramik bilden heute eine ästhetische Verbindung von der Manufaktur zum Schlossturm und beherbergen anerkannte Künstler wie Karl Hubbach, Colani und Lüpertz. Auch der weit gespannte Bogen an Museen ist beachtlich und reicht von naturwissenschaftlichen Darstellungen zur Geschichte der Erde im Museum für Naturkunde bis zu Ausblicken in die Welt von morgen im Zentrum für Kunst und Medientechnologie, ZKM. Seit die Unternehmen 1&1, Denic und Web.de halb Europa erobert haben, gilt Karlsruhe als die deutsche Internet-Hauptstadt. Der Besuch der Staatlichen Kunsthalle, die Werke deutscher, französischer und niederländischer Meister zeigt, ist Höhepunkt jeder Museumsbesichtigung. Über 800 Gemälde und Skulpturen schmücken Hauptgebäude und Orangerie. Aufschlussreich sind die Bilder des flämischen Malers David Teniers, der im 19. Jahrhundert das ländliche Leben in all seinen Facetten auf Leinwand verewigt hat.
Durch die große Anzahl an Studenten ist Karlsruhe beileibe kein teures Pflaster. Es gibt preiswerten Wohnraum und vielfältige Lokale, die mit ihren Preisen jeder Mensa Konkurrenz machen. Unschlagbar günstig ist die „Kippe“, und im „ZKM“ oder „Café Bleu“ genügen schon acht Euro für ein schmackhaftes Essen. Wahrzeichen und beliebter Treffpunkt der Stadt ist die „Hoepfner Burg“, die über Pfingsten mit dem „Burgfest“ mehr als 30.000 Gäste anlockt. Die Traditionsbrauerei wurde 1898 erbaut, hat Restaurant, Hotel und einen Biergarten mit mehr als 1.000 Plätzen. Unter schattigen Bäumen und in nostalgischen Räumen mit Holzvertäfelung, Wandmalereien, Säulen und Bögen gibt es süffiges Bier zu herzhafter Kost. Bei Hopfen und Malz lässt sich trefflich streiten, ob Karlsruhe nun vielseitig oder einmalig ist.

Barocke (Ver)Führung
In der Barockresidenz Rastatt empfangen Kammerdiener Johann Hofer und Monsieur Francois ihre Gäste mit Champagner. Die in feine Kleider gewandeten „Kulturreferenten“ Thomas Angelou und Uwe Reich tragen Perücke und geben Einblick in das Alltagsleben der Schlossbewohner aus der Zeit des 18. Jahrhunderts.Barockschlos Rastatt Kammerdiener Bei klassischer Musik geht es die breiten Stufen zur Belétage empor, wo der gefeierte Held der Türkenkriege, „Türkenlouis“ Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden, mit seiner Gemahlin Sibylla Augusta in prunkvollen Gemächern lebte. Das Zeitalter des Barock war geprägt von der Persönlichkeit des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Wer als Adliger auf sich hielt, erschuf sein eigenes kleines Versailles. Unter der Macht der absolutistischen Fürsten galten Staat, Kunst und Kultur als Einheit, wurden die Werke von Malern, Architekten und Komponisten zielgerichtet als Ausdrucksmittel politischer Propaganda, Größe und Reichtum eingesetzt. Anschaulich plaudern die Diener aus dem Nähkästchen. Mit französischem Akzent klatschen sie über die Unpässlichkeiten der illustren Hofgesellschaft, parlieren genüsslich über Mode und die Rolle der Frau, verraten hinter vorgehaltenem Seidenfächer Pikantes über Körperpflege und Hygiene, denn anno 1714 gab es weder Dusche noch WC. Der kulinarische Genuss war besonders sinnlich geprägt und ein Fest für Auge und Gaumen. Aus der bloßen Nahrungsaufnahme wurde ein raffiniert inszeniertes Tafelzeremoniell. Der Anblick der fürstlich gedeckten Tafel im Festsaal steigerte den Appetit. Unvorstellbare Mengen von Suppen, Fleisch, Fisch, Zwischengerichten, Mehl- und Süßspeisen füllten die Bäuche der verwöhnten Gesellschaft, die sich von früh bis spät unterhalten ließ.

Genuss zwischen Weinbergen
Wer wissen will, wie köstlich Bärlauch- und Rahmsüppchen von Frühlingskräutern mit Spargelspitzen, rosig gebratene Entenbrust mit Gemüseklößchen und Vanilleeisparfait an Apfel-Calvados schmecken, besucht am besten die Kochschule des preisgekrönten Küchenpatrons Ludwig Bechter im „Gasthof Lamm“ im Bühler Stadtteil Kappelwindeck, wo am Herd des Meisters der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind. An den sonnenverwöhnten Hängen des Tals reifen die Trauben für Riesling und Affentaler Spätburgunder. Dieser tiefrote, glutvolle Wein wurde hier schon im 12. Jahrhundert durch das Zisterzienserinnenkloster Lichtental angebaut. Die Rebe ist mit der Kultur der Menschheit eng verbunden. Schon Cleopatra badete im Wein. Bei den Sumerern fand man Traubenkerne für Öl zur Pflege der Haut. Und Pan, der griechische Schutzgott der Hirten, war dem köstlichen Rebensaft ebenfalls zugetan. Praktischer veranlagt waren die Römer, die den Wein für ihre Legionäre zur Desinfizierung sowie als Schlaf- und Beruhigungsmittel einsetzten und ihn sogar nach Deutschland brachten. Auch Hildegard von Bingen nutzte die Rebe medizinisch. Diesen kleinen Exkurs erfährt der Gast ganz nebenbei während seines Besuchs im „Therapie- und Wellnesshaus“ in Bühl-Eisental, wo der Arzt Dr. Hundt mit seinem Team eine moderne Vino-Therapie praktiziert, die diesen Namen wirklich verdient.

Burg Windeck

Im Bühlertal sind viele Gastgeber gleichzeitig Winzer oder Obstbauern. Saftige Erdbeeren, köstliche Kirschen, aromatische Zwetschgen, knackige Äpfel, Trauben, Kastanien und Nüsse – vom frühen Sommer bis weit in den Herbst ist hier Erntezeit. Wer diese liebliche Landschaft zu Fuß erkundet und ihre Höhen erreicht, gewinnt einen herrlichen Blick weit über das Rheintal bis ins benachbarte Elsass und zu den Vogesen. Ebenso faszinierend ist die Fernsicht von Burg Windeck, die mehrmals belagert aber nie eingenommen wurde. Rund um die Ruine ist ein kleines Idyll entstanden. Jedes der im Landhausstil eingerichteten Hotelzimmer hat sein eigenes Ambiente und einen atemberaubenden Ausblick. Er wird nur übertroffen von den spektakulären Sonnenuntergängen, die der Gast im Sommer unter schattenspendenden Platanen von der Burghof-Terrasse beobachten kann, während er mit Lust speist und die Köstlichkeiten vom hauseigenen Weinberg genießt.
Alles, was das Herz begehrt, ist hier möglich und schnell erreicht. Die klassische Bäderlandschaft der ehrwürdigen Kurstadt Baden-Baden, die Breisgau-Metropole und Universitätsstadt Freiburg, das romantische Glottertal, die malerischen Weinorte am Fuße des Kaiserstuhls mit seinen Sonnenterrassen

Staufen 1

und das Markgräflerland mit der historischen Stadt Staufen, in der Faust den Tod fand, Mephisto noch heute mit Anekdoten unterhält, und wo jedermann seinen eigenen Wein in einem persönlichen Barrique-Fass lagern, allzeit verkosten und in selbst gewählten Flaschen mit selbst entworfenem Etikett abfüllen lassen kann.

Wildnis am Rhein
Wer glaubt da schon, dass es in Baden noch eine Steigerung gibt: den idealen Zufluchtsort für seltene Pflanzen und Tiere. Eine wilde, ursprüngliche, verwunschene Landschaft, der man auf Anhieb verfällt. Die Rheinauen im Taubergießen stehen unter Naturschutz und überraschen mit Schwänen, Kormoranen, Blesshühnern, Haubentauchern, Graureihern und Eisvögeln.Taubergießen An den Ufern der Auenwälder leben Nutria und Molch, Eidechse und Ringelnatter, Erdkröte und Wasserfrosch, gedeihen Schwarzpappel, Grauerle und Silberweide, die nasse Füße lieben wie die Weißstörche im kniehohen Schilf. Entlang der stillen Wasserarme wurzeln Stileiche, Flatterulme, Silberesche und Wildapfel. Seltene Sträucher und Lianen bilden einen dichten vielschichtigen Wald mit verschlungenen Wegen und stillen klaren Seen – im Herbst in geheimnisvolle Nebel gehüllt, im Winter mit Eis bedeckt und von Raureif gepudert. Wenn die Sonne höher steigt und der Frühling erwacht, jubilieren unzählige Singvögel mit dem schwarz-gelb gefiederten Pirol um die Wette, und der Ruf des Kuckucks ist allgegenwärtig. Das zarte frische Grün des intakten Naturparadieses wird dann farbenfroh bereichert durch die bunte, intensive Blütenpracht der Orchideen, Schwertlilien, Sumpfdotterblumen und Teichrosen. Ein wunderbarer Flecken Erde, so zauberhaft, so prall und schön wie Gott ihn schuf.

Infos:
www.taubergiessentour.de
www.staufen.de
www.burg-windeck.de
www.buehl.de
www.ludwig-bechters-lamm.de
www.kunstagentur-beletage.de
www.karlsruhe.de

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