Budapest – Badeort und Genussmetropole

Von Uta Buhr
Leise rieselt der Schnee und krönt die dunklen Haarschöpfe der beiden Männer im Außenbecken des Széchenyi-Bades mit weißen Häubchen. Das Duo steht bis  zu den Schultern in den warmen Fluten und widmet sich unbeirrt seinem Schachspiel. Die schwarzweißen Bretter scheinen über dem Wasser zu schweben. „Budapescht – des is koa Stoadt, des is a Philosophie“, lacht der gebürtige Wiener Max Lieber, der das königliche Spiel mit großem Interesse verfolgt. Er kommt regelmäßig nach Budapest und probiert bei jedem Besuch einen anderen Badetempel aus. Das Széchenyi mit seiner in Habsburger Ocker gehaltenen Barockfassade und den prächtigen Wandgemälden in den Fluren gefällt ihm am besten. Auch das Wasser hat nahezu magische Kräfte, erzählt er. Mit der Wirkung des Thermalwassers wird die Gebärfreudigkeit der Nilpferddamen im benachbarten Zoo erklärt. Denn die empfindlichen Riesen muffeln in der Gefangenschaft überall vor sich hin und verweigern jeglichen Nachwuchs. Nur hier in Budapest werfen sie „wie die Kaninchen“ und beliefern seit geraumer Zeit sämtliche Tiergärten der Welt mit ihren Jungen.

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Budapest ist an und auf dem Wasser gebaut. Während die Donau grau und träge durch die Zweimillionenstadt fließt, blubbert, zischt und brodelt es in ihren Eingeweiden. 123 warme Heilquellen sprudeln aus dem Boden. In „Bad Budapest“, so heißt es, habe jeder Einheimische neben seinem Stammcafé auch noch sein Stammbad! Bei der verzweifelten Suche nach Öl stießen die Geologen auf immer neue Thermalquellen und fanden statt des schwarzen weißes Gold. Die beiden gestandenen Damen aus dem Stadtteil Óbuda aalen sich neben uns in den heilenden Wassern des  Gellért-Bades. „Dieses köstliche Naß  ist viel appetitlicher als stinkendes Erdöl“, finden sie. „Und die Anlage ist doch auch hübsch.“ Welche Untertreibung! In diesem reich mit Säulen und Mosaiken ausgestatteten, von Jugendstilelementen überbordenden palastartigen Gebäude,
den  unterschiedlich temperierten Becken und der üppig begrünten Galerie wird das Baden  zur Kulthandlung erhoben. „Das  hier anziehen“, befiehlt die weiß gekleidete Badewärterin streng und wedelt mit einem winzigen Lendenschurz. Diese antiquierten Moralvorstellungen stammen offenbar noch aus der k&k-Epoche. Es versteht sich, dass Männlein und Weiblein strikt voneinander getrennt sind. Im Rudasbad auf der  Budaer Seite  geht es hingegen  viel lockerer zu. Dieses von einer riesigen Kuppel überdachte Relikt aus der Türkenzeit am Fuße des Gellértberges lädt an Wochenenden zu trendigen Badepartys bei Musik und kühlen Drinks ein. Die in geheimnisvolles Halbdunkel getauchte Rotunde hallt wider vom Klirren der Gläser und dem fröhlichen Lachen der Badegäste.

Neben seinen Heilbädern hat Ungarns Hauptstadt noch eine Reihe weiterer Genußtempel zu bieten. Im Café Gerbeaud am Vörösmaty tér scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Umgeben von unzähligen Spiegeln und glänzendem Mahagoni genießt der „echte“ Budapester allmorgendlich seine Mélange oder einen kleinen Braunen. Über hundert Kuchenspezialitäten werden in diesem Mitte des 19. Jahrhunderts gegründeten Kaffeehaus angeboten – darunter Schokoladenschnittchen mit den Porträts Kaiser Franz Josephs I. und seiner „Sisi.“ Die süßeste Sünde Budapests, die Dobostorte, aber schmeckt am besten in den prachtvoll restaurierten Räumen des Café Lukács am Andrássy Boulevard. Höchste Zeit, sagen die Budapester, dass dieses Kaffeehaus wieder eröffnet wurde. Auch hier wieder viel Blattgold  und Marmortischchen – eine Augenweide. Es treibt uns hinauf ins Burgviertel hoch über der Donau. Denn dort wartet das wohl originellste Café der Stadt mit einer Reihe unwiderstehlicher Kalorienbomben aus Schokolade, Karamell und Nußfüllungen auf.  „Baden macht hungrig“, sagt die resolute Bedienung im Café Ruszwurm, einem winzigen, im Biedermeierstil eingerichteten Kleinod. Die Milchschaumhaube auf unserem Kaffee ist mit einer Prise Zimt gewürzt, die köstliche Quarktasche ofenwarm. Wer nicht im Café Central war, war nie in Budapest, behaupten die Magyaren. Hier in der Károly Mihály im 9. Bezirk wurde Literaturgeschichte geschrieben. Wir schreiten über den leise knarrenden Fußboden und betrachten die sepiafarbenen Fotos an den Wänden. Neben dem Bühnenautor Franz Molnár hängt das Porträt von Sandor Márais, der in seinen Romanen das Leben im Budapest der Vorkriegsjahre so meisterhaft festgehalten hat.
Den größten Genuß soll man sich bekanntlich bis zum Schluß aufheben. Der Sonntagsbrunch im „Corinthia Grand Hotel Royal“ am Erzsébet Boulevard ist ein Erlebnis der besonderen Art. Das Haus erhielt 2004 den Preis für die schönste Hotelarchitektur Europas. In einem eleganten, verglasten Lichthof tafeln wir erlesen und lauschen dem virtuos geigenden Primás und seiner Kapelle. Nach dem Dessert führt uns eine freundliche Angestellte durch den „schönsten Ballsaal der Welt“ – einen Traum aus Marmor und Gold. Ein ebenso atemberaubender wie unvergesslicher Anblick!

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