Literaturreise der Hamburger Autorenvereinigung

Arno Surminski am Goethe-Institut in Krakau
Von Dr. László Kova
Eine literarische Reise (vom 6. bis zum 10.10.2008) führte 26 Hamburger Autorinnen und Autoren nach Schlesien, wo sie an zwei Abenden am Goethe-Institut Krakau aus ihren Werken lasen. Bei den Abendlesungen vor geladenen Gästen präsentierten sich Arno Surminski, Anna Bardi, László Kova, Regula Venske, Rüdiger Stüwe, Ellen Balsewitsch-Oldach und Dieter Becker. Die Lesungen in Deutsch waren für die Schüler des Goethe-Instituts eine Art improvisierte Sprachprüfung, für die anderen standen ein Simultandolmetscher ins Polnische und schriftliche Übersetzungen zur Verfügung. Das Krakauer Publikum dankte den Autoren aus der Elbmetropole mit lang anhaltendem Beifall.
Arno Surminsi beim Fotografienren a.d. Marktplatz Krakau_2296
Arno Surminski beim Fotografieren auf dem historischen, mit Prachtbauten umgebenen Marktplatz ´Rynek Glowny´, wo die meist abgelichteten Sehenswürdigkeiten die imposanten Marienkirche und die malerischen Tuchhallen und die Adalbertkirche sind.

Die Literaturreise bewies wieder einmal, wie wichtig es ist, Geist, Kultur, Natur und Landschaft mit Literatur zu verbinden. Das war den Fragestellungen der Literaten, den Wortbeiträgen des Zuhörers und in den Gesprächen nach den Lesungen zu entnehmen. Bei der Völkerverständigung öffnet die Literatur eine „vierte“ Dimension, öffnet neue Blickwinkel, macht die Vergangenheit lebendig, hilft bei der Verarbeitung der nicht immer ruhmreichen Geschichte. Die Begegnungen mit ganz „normalen“ Bürgern, Literaten, Verlegern und Journalisten bringen neue Erfahrungen und können wichtige Quellen für Schreibanlässe sein. Auch Goethe versenkte seinen Blick nicht nur in Bücher, sondern bereicherte seinen Erfahrungsschatz durch zahlreiche Reisen.

Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Hamburger Autorenvereinigung bereiteten sich auf die Literaturreise nach Krakau systematisch vor: Sie stellten ihre Lesestücke so zusammen, dass die unter dem Schutt der Geschichte schlummernden kulturhistorischen und politischen Themen nicht verschwiegen blieben.

U.a. beschreibt die Erzählung „Schwimmen ums Leben“ von László Kova die unglaubliche Geschichte eines ungarischen Flüchtlings, der im Herbst 1978 aus der Deutschen Demokratischen Republik über die eiskalte Ostsee nach Deutschland flüchtete. Er schwamm nach zwei Nächten und zwei Tagen schon völlig orientierungslos umher, als ihn in letzter Sekunden ein Decksoffizier der „Peter Pan“ rettete. Dem Dichter Rüdiger Stüwe lauschte das Publikum aufmerksam, als er seine philosophischen Überlegungen zu dem historisch belasteten Begriff „Heimat“ vorlas. Ebenso großes Interesse weckte seine Poesie über den polnischen Kuckuck, der lange der einzige war, der über die Neiße unbehindert „die Seite wechseln“ durfte.
Mitglieder der HA auf d. Marktplatz in Krakau 2298
Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Hamburger Autorenvereinigung lauschen der sachkundigen Fremdenführerin auf dem malerischen Marktplatz ´Rynek Glowny´ vor dem imposanten Adalbertkirche.

Der in Ostpreußen geborene Arno Surminski ist auch in Polen bereits ein bekannter Autor. Viele seiner Bücher und Erzählungen sind ins Polnische übersetzt. Er stellte seine 2008 erschienene Novelle „Die Vogelwelt von Auschwitz“, die ihm vor einigen Tagen den begehrten „Hannelore-Greve-Literaturpreis“ eingebracht hat, vor. In diesem Buch beschreibt der vielfach ausgezeichnete Autor die Begegnung zweier Männer in der Hölle von Auschwitz. Der eine ist Hans Grote, ein abkommandierter KZ-Wachmann, der andere Marek, ein unschuldiger Lagerhäftling. Grote ist Ornithologe, dem Marek als ehemaliger Kunststudent hilft, indem er bei den vogelkundlichen Untersuchungen Skizzen anfertigt. Diese Fähigkeit rettet Marek das Leben. Menschlich kommen sie sich nicht näher. Zwischen Ihnen steht zu viel: Macht, Ohnmacht, Schuld, Sühne… Marek riecht den Gestank der Krematorien, hört die Wiegelieder der Frauen auf dem Weg in die Gaskammern. Sowohl Grote als auch Marek stehen am Ende ihrem Schicksal allein gegenüber.

Die Autorinnen und Autoren der Hansestadt Hamburg hatten die Möglichkeit, sich in Krakau und Umgebung umzusehen. Die Besichtigung der Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau gehörte auch zum reichhaltigen Programm. Um die ehemalige jüdische Kultur in Krakau kennen zu lernen, machten sie im Stadtviertel Kazimierz einen Erkundungsspaziergang. Sie weilten auf dem historischen, mit Prachtbauten umgebenen Marktplatz ´Rynek Glowny´ und in der imposanten Marienkirche sowie flanierten auf der Ulica Florianska. Sie bewunderten die Schätze des Nationalmuseums und sprachen mit Studenten der Kunstakademie. Durch einen Spaziergang im ´Wawel´ machten sie sich mit der mittelalterlichen polnischen Gesichte vertraut. In der Villa Decius wohnten sie den Lesungen der Stipendiaten des ´Homes-Urbani-Festivals´ bei, wo junge Schriftsteller aus Polen, Deutschland, der Ukraine und der Tschechischer Republik ihre neuesten Werke vortrugen.

Schreibe einen Kommentar