Im „Heider Marktfrieden“ lebt die alte Bauernrepublik Dithmarschen weiter

Von Günther Falbe

BauernhochzeitHistorienfeste sind beliebt. Das geschichtsträchtige Deutschland bietet für solche Veranstaltungen eine reiche Pfründe, und sie werden auch genutzt, nicht zuletzt, weil sie den Fremdenverkehr beleben. Manche beruhen auf jahrhundertealter Tradition, andere sind erst in den letzten Jahrzehnten – im Besinnen auf die durch Kriege und Notjahre bewahrten Werte, – entstanden und in kürzester Zeit zum festen Bestandteil des deutschen Festspielkalenders geworden. Dazu gehört der „Heider Marktfrieden“ , der nicht, wie Unwissende glauben könnten, in einer Heideregion stattfindet, sondern in der Stadt Heide in Schleswig-Holstein.  Die einst freie und unabhängige Bauernrepublik Dithmarschen bietet mit ihrer bis in das 13.Jahrhundert zurück reichenden Geschichte ein so weites Feld an spektakulären Vorgängen, daß es auf der Hand lag, diese in ein „Historial“ umzusetzen. Man tat es vor zehn Jahren, und weil dies wohldurchdacht und historisch fundiert geschah, mit ständig wachsenden Erfolg, der in diesen Julitagen im 10.“Heider Marktfrieden“ gipfelte.

Auf dem Heider Marktplatz herrscht nach dem Frieden wieder Friede, das heißt, auf diesem größten deutschen Marktplatz – früher war dies der riesige Marktplatz im ostpreußischen Treuburg – ist wieder der reale Alltag eingekehrt. Denn so friedlich ging es bei dem  Volksfest, das traditionell in der zweiten Juliwoche stattfand, nun auch wieder nicht zu, weil der Marktplatz sich in eine Freilichtbühne verwandelt hatte, und das Theaterstück „Sag dem König Gute Nacht“ viel spektakulärer verlief wie der Titel vermuten läßt. Denn da kämpfen die Dithmarschen mit Bauernschläue gegen die übermächtigen Dänen, deren „Schwarze Garde“ Schrecken verbreitet, bis sich die Warnung „Wahr di Garr, de Bur de kemt!“ erfüllt hat: Die gepanzerten Dänen versinken in den Fluten, in die sie die Dithmarscher auf ihren schweren Pferden getrieben haben, die Bauernrepublik ist gerettet, der „Heider Marktfrieden“ wird seinem Namen gerecht. So geschehen anno 1500 – in Szene gesetzt im Jahre 2008 nach dem Textbuch des Schriftstellers Heiner Egge, der seiner Heimatstadt Heide damit ein lebendes Denkmal setzt.
Heide
Und die Heider haben erkannt, was das für sie und ihre Stadt bedeutet, denn die gesamte Bürgerschaft macht mit. Zum Teil als Akteure auf der Bühne oder rund um den Marktplatz als sichtbare Nachfahren ihrer freiheitsliebenden Ahnen. Die Zeitmaschien spult zurück: Das gesamte, mitten in der Stadt gelegene Areal hat sich in lebendiges Mittelalter verwandelt, es herrscht ein lebhaftes, bunten Treiben wie vor 500 Jahren, als der „Heide Marktfrieden“ für diesen Handelsplatz eine fundamentale Bedeutung hatte: Er garantierte einheimischen wie auswärtigen Kaufleuten, daß sie – geschützt vor Gewalt und Gefahr – hier ihren Geschäften nachgehen konnten. Die Heider von heute zeigen, wie ihre Vorfahren lebten, bieten in ihren alten Trachten als Bäcker, Fischer und Fleischhändler ihre Waren an, beweisen ihr Können an Töpferscheibe und Amboss, demonstrieren als Besenbinder, Zinngießer, Lederer oder Klöpplerin die alten Handwerkstechniken. Noch „ echter“ wird das mittelalterliche Szenarium durch die grunzenden, blökenden, gackernden und schnatternden Akteure – ein buntes Markbild, zu dem die Gegenwart keinen Zutritt zu haben scheint. In das sich auch die Jüngsten begeistert einfügen, denn für sie gibt es eine eigene Kinderspielzeile, in der sie sich kreativ betätigen können,  Sand, Heu und Stroh sind für Tobespiele gut.

Aber da sind dann auch die großen Attraktionen wie das Ring- und Rolandreiten, mittelalterliche Wettkämpfe, die sich bis heute in Norddeutschland erhalten haben Ein ganz besonderer Höhepunkt ist die Dithmarscher Bauernhochzeit, die auch hier drei Tage lang dauert, von Werbung und  Polterabend an über Brautzug und Trauung bis zur fröhlichen „Hochtiefsfier“ Nicht als Schauspiel, es war auch in diesem Jahr eine echte Hochzeit, denn Anette Freund und Gregor Böttcher gaben sich in Dithmarscher Tracht das Jawort. In holsteiner Platt, das ist Bedingung. Die sie als echte Heider auch erfüllten.

Kein Wunder, daß wieder viele Besucher von nah und fern kamen und auch mitwirkten. So lag die Regie des Schauspiels  in den Händen der Hamburgerin Dagmar Kurr-Mensing, sie folgte damit ihrem Vater, dem Schauspieler, Regisseur und Journalisten Hans-Peter Kurr, der bisher die Spiele leitete. Tradition schient eben zu verpflichten! Die Vereinigung „Die Auswärtige Presse“ Hamburg, deren Mitglied der vielseitig agierende Hans-Peter Kurr ist,
war mit einem anderen Mitglied vertreten: Jana Rudwill, die für die Öffentlichkeitsarbeit der Hamburger Schauspielkompanie verantwortlich zeichnet, spielte den „Schwarzen Engel“, eine Symbolfigur des aufwendigen Stückes, in dem mehr als fünfzig Schauspieler mitwirkten, ergänzt durch die vielen anderen Akteure, die als Marktvolk, Soldaten, Sänger und Reiter das mittelalterliche Spektakulum mit buntem Leben füllten. Eigentlich schade, daß der „Heider Marktfrieden,“ dieses populärste Historienspiel zwischen Hamburg und Sylt, nur alle zwei Jahre stattfindet – also erst wieder 2010! Denn vor allem für die Urlauber an der Westküste Schleswig-Holsteins bietet dieses Historienspiel in Heide mehr als eine Abwechslung: es macht sie auch mit der Geschichte und lebendig gebliebener Tradition ihres Ferienlandes vertraut und führt zur zwanglosen, von Spiel und Spaß bestimmten Begegnung zwischen Bürgern und Besuchern.

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