Misteltherapie bei Krebs

Von Renato Diekmann

Die Behandlung mit Mistelextrakten ist ein fester Bestandteil der Kebstherapie. Mistelpräparate werden seit über 85 Jahren in der Krebsmedizin eingesetzt – sowohl adjuvant (unterstützend) als auch palliativ (lindernd), meist in Kombination mit konventionellen Therapieformen wie Operation, Bestrahlung, Chemo- und/oder Hormontherapie. Mistelextrakte sind nicht rezeptpflichtig und dienen in erster Linie zur Verminderung der durch Chemo- oder Strahlentherapie induzierten Nebenwirkungen.
So litten Patienten nach der Gabe von subkutan injizierten Mistelextrakten weniger häufig an krankheits- und therapiebedingten Symptomen wie Übelkeit oder Erbrechen, Appetitlosigkeit, Depression, Fatique oder Müdigkeit, Reizbarkeit oder Abgespanntheit, Schlafstörungen, Muskositis (Schleimhautentzündung) oder Hautreaktionen.

Nach der Hamburger Diplom Biologin und Medizinjournalistin Annette Bopp „gehören Mistelpräparate zu den meistverordneten Medikamenten in der Krebsmedizin. Sie stärken die körpereigenen Abwehrkräfte und verbessern die Lebensqualität, möglicherweise wirken sie auch lebensverlängernd. Aber vieles bei der Misteltherapie ist auch noch umstritten – immer wieder raten Krebsärzte von der Anwendung ab; hartnäckig hält sich die Behauptung, die Mistel könne sogar das Krebswachstum begünstigen.“
Demzufolge wird die Wirksamkeit und Sicherheit von Mistelextrakten immer wieder angezweifelt, insbesondere weil Kritiker die Studienmethoden komplementärmedizinischer Therapien, die häufig vom Design randomisierter kontrollierter Studien abweichen, nicht akzeptieren. Im Mittelpunkt einer Pressekonferenz, die von der Weleda AG im Rahmen des 28. Deutschen Krebskongressen in Berlin ausgerichtet wurde, standen nun die Ergebnisse von zwei neuen retrospektiven Kohortenstudien mit dem Medikament Iscador®, die beim kolorektalen Karzinom (Darmkrebs) sowie beim Pankreaskarzinom (Bauchspeicheldrüsenkrebs) geführt wurden.
Dass Mistelextrakte das Krebswachstum begünstigt, konnte Privatdozent Dr. Dr. med. Walter Eckart Friedel nicht bestätigen. Der Direktor und Chefarzt der Inneren Klink/Onkologie des Klinikums Bad Bocklet stellte bei seiner Kohortenstudie mit insgesamt 804 Probanden fest, dass 429 dieser Patienten mit nichtmetastierendem kolorektalen Karzinom (Darmkrebs) bei Gabe von Mistelextrakten signifikant weniger Nebenwirkungen hatten. Aus den aktuellen Studienergebnissen zog Friedel die Schlussfolgerung, dass die Misteltherapie eine Verbesserung der Lebensqualität und eine Verlängerung der tumorfreien Überlebenszeit bewirkt.
Diese Aussage bestätigte sein Kollege Dr. med. Harald Matthes, Ärztlicher Leiter des Gemeinschaftskrankenhauses Havelhöhe in Berlin. Seine aktuellen Studienergebnisse belegen, dass durch eine supportive Misteltherapie bei 201 Patienten mit Pankreaskarzinom aller Schweregrade durch Chemotherapie bedingte Nebenwirkungen deutlich reduziert sowie die Hospitalisationszeit erheblich verkürzt werden können und eine Lebensverlängerung bei gleichzeitig verbesserte Lebensqualität bewirkt werden kann. Laut Matthes zeigte sich zudem, dass die Therapie gut verträglich und unbedenklich ist.
Professor Dr. med. Stefan N. Willich vom Charité Centrum 1 für Human- und Gesundheitswissenschaften der Charité Universitätsmedizin Berlin, antwortete auf die hypothetisch gestellte Frage, ob er meiner (an Krebs erkrankten) Mutter bedenkenlos subkutan zu injizierendes Mistelextrakt verordnen würde, diplomatisch: „Die Gabe von Mistelextrakten schädige zwar nicht, stärke bekanntlich das Immunsystem und wirke möglicherweise lebensverlängernd, aber eindeutig bewiesen sei dies noch nicht“, so seine Schlussfolgerung.

Anmerkung:
In Deutschland sind insgesamt 7 verschiedene Mistelpräparate aus Extrakten der weißbeerigen Mistel (Viscum album L.) im Handel. ABNOBA® viscum, Helixor®, Iscador® und Iscucin® gehören zu den Anthroposophischen Arzneimitteln, Cefalektin®, Eurixor® und Lektinol® werden zu den Phytotherapeutika gezählt. Das im Text erwähnte Iscador ist ein fermentierter wässriger Auszug der Mistel. Einige Iscador-Serien enthalten zusätzlich noch Metallsalze in homöopathischer Verdünnung. Eine Misteltherapie mit Iscador versteht sich nicht als Alternative zur konventionellen Medizin, sondern als ihre logische und konsequente Ergänzung, schreibt die Weleda AG in ihrer Informationsbroschüre „Richtlinien für die individuelle Behandlung mit Iscador in der Krebstherapie“. Die Misteltherapie mit Iscador kostet ca. 500 Euro pro Jahr/Patient. Quelle: Weleda AG,

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