Tour die Ruhr!

Es gibt viel zu entdecken auf der Route der Industriekultur

Von Uta Buhr

Die „Route der Industriekultur“ verläuft auf einer Hauptstrecke von ca. 400 km durch das gesamte Ruhrgebiet.  Sie führt zu den touristisch attraktivsten Standorten – den sogenannten „Ankerpunkten.“ Diese sind mit einem weithin sichtbaren gelben Signalobjekt ausgestattet. Rund 1500 Schilder an Autobahnen, in Städten und Orten weisen Besuchern den Weg zu den Höhepunkten der Industriekultur im Revier.

Außerdem ist diese Route Teil der ERIH (European Route of Industrial Heritage), ein Netzwerk der wichtigsten Standorte des industriellen Erbes Europas. Wo stand die die größte Dampfmaschine des Alten Kontinents, wo die erste Fabrik? Antworten und weitere Infos unter www.erih.net ————

Schichtwechsel. Fünf Froschmänner entsteigen dem dunklen Schlund: „Inspiziert mal das Schiffswrack auf dem Grund “, rufen sie der nachfolgenden Gruppe zu, die, angetan mit Sauerstoffflasche und Maske, Lapa Duisburg bei Nachtgerade in die Tiefe taucht. Diese Szene spielt sich nicht etwa an einem unergründlichen See ab, sondern im gewaltigen, mit Wasser gefüllten Gasometer des Landschaftsparks Duisburg-Nord. Hobbytaucher sind begeistert. Nur einen Steinwurf entfernt bereiten sich Mitglieder des Deutschen Alpenvereins im Hochofen 5 mit Haken und Seil auf die nächste Besteigung des Matterhorns vor. Ein tolles  Training, finden die jungen Leute. Und dazu noch dieser Blick aus 70 Metern Höhe über Kühltürme und Schornsteine bis zur Peripherie des Parks, wo Kühe und Schafe weiden! „Der Pott brodelt gewaltig“, freut sich Nicole Fischer vom Ruhrgebiet Tourismus.Duisburg_Lapano3 Wo achtzig  Jahre lang rund um die Uhr die                                                    Feuer glühten und das Eisen floss, wurde ab 1985 ein Freizeitpark angelegt, der inzwischen weit über die Landesgrenzen bekannt ist. Aber nicht nur das ehemalige Hüttenwerk Duisburg-Meiderich hat sich gemausert, sondern auch der Innenhafen der Stadt, in den sich einst Tatortkommissar Horst Schimanski gelegentlich verirrte. Duisburg_Lapano2Vor Jahren noch ein düsteres,                                                                    schmutziges Viertel, hat sich das hässliche Entlein in einen schönen Schwan verwandelt. Schmucke Gebäude säumen eine schicke  Flaniermeile. Und das ehemals trübe Gewässer hat inzwischen fast Trinkwasserqualität erlangt. „An heißen Tagen baden die Anrainer darin – auch wenn’s nicht erlaubt ist“, schmunzelt ein gebürtiger Duisburger. Vom „Schmuddelkommissar“ Schimmi will er nichts wissen: „Nee, irgendwie war mit dem das Image von Duisburg als Dreckschleuder verbunden.“ Das ist vorbei. „Duisburg goes Foster“, sagt der Mann stolz. Der berühmte britische Architekt Lord Norman Foster, der auch die Glaskuppel des Berliner Reichtags entwarf, ist gerade dabei, das Stadtzentrum  neu zu gestalten.

Oberhausen_Gasomter1Es hat manchen Kampf gekostet, die alten Industrieanlagen vor dem „Plattmachen“ zu retten . Professor Karl Ganser, Geschäftsführer der IBA (Int. Bauausstellung Emscherpark 1989-99)  ist der Erhalt  des gewaltigen Gasometers der ehemaligen Gutehoffnungshütte in Oberhausen ebenso zu verdanken wie die Entrümpelung des Areals, das verächtlich der „Hinterhof des Ruhrgebietes“ genannt wurde. Oberhausen_Gasometer2 „Lasst uns aus der größten Blechdose Europas die größte Ausstellungshalle Europas machen“, lautete sein Credo. Inneren  des 120 Meter hohen Kolosses finden   unter einem gigantischen Sternenhimmel heute Kunstausstellungen und Super-Events statt. Ein gläserner Fahrstuhl schwebt lautlos auf die Aussichtsplattform auf 117 Meter.  Zu unseren Füßen liegt ein Gewirr von Kanälen und Gewässern, darunter auch der Lauf der Emscher. „Früher war dieser Fluss eine Kloake“, erzählt Nicole Fischer.  Wenn ihre „Omma“ von einem Menschen gar nichts hielt, pflegte sie zu sagen: „Den haben sie aus der Emscher gefischt.“ Im Zuge der Sanierungsmaßnahmen ist auch dieser Fluss viel sauberer geworden.

Oberhausen ist eine Stadt der Kämpfer. Als der 1846 erbauten Arbeitersiedlung Eisenheim die Abrissbirne drohte, gingen Professor Roland Günter und seine Frau Janne buchstäblich auf die Barrikaden. Sitzblockaden in den Straßen wurden organisiert. Das Resultat dieser Bürgerinitiative: 38 Backsteinhäuser mit kleinen Gärten und Ställen, in denen die Kumpel früher ihre Ziegen und Kaninchen hielten, sind inzwischen originalgetreu restauriert. Heute präsentiert sich Eisenheim als höchst vitales Freilichtmuseum. Auf kleiner Fläche leben Jung und Alt harmonisch nebeneinander. Anrührend ist die Sammlung zierlicher Taubenhäuser auf dem Dorfanger. Sie wurden von den Kumpeln in ihrer knappen Freizeit selbst gebaut. Tipp: Die Internetseite www.pennen-im-pott.de informiert über Gästezimmer bei Familien in alten Bergarbeitersiedlungen.Essen_Zeche_Zollverein

Wie wurde Bundeskanzler Willy Brandt doch belächelt, als er den Bürgern des Reviers in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts „blauen Himmel über der Ruhr“ versprach. Wer sich  zwischen Ruhr und Lippe auf Spurensuche  begibt, sieht diese kühne Vision bestätigt. Heute gehören Kohlebergbau und Schwerindustrie weitgehend der Vergangenheit an. Entlang der „Route der Industriekultur“ liegen inmitten einer lebendigen Kulturlandschaft erstklassig restaurierte Industriedenkmäler.  Die „Zeche Zollverein“ in Essen, deren gewaltiges rostfarbenes Fördergerüst dem Besucher schon aus der Ferne entgegenleuchtet, wurde ins UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen.Essen_Kokerei_Zollverein_Illumination „Auf Zollverein sind viele    Kulturinstitute untergebracht“, erklärt Dirk, ein bekennender „Ruhrie“, während er uns durch die ehemaligen Werkshallen führt. Viele pfiffige Ideen machen die ehedem größte Industrieanlage des Ruhrgebietes inzwischen zu einem Freizeitpark erster Güte Unter anderem wurde ein Schwimmbassin, ausgeschlagen mit Wellblech, installiert. Essen_Kokerei Zollverein_Eisbahn Eine der besten Ideen ist zweifellos die Schlittschuhbahn, auf der während  der Wintermonate die Anrainer ihre Eislaufkünste erproben. Und dass Essen 2010 Europäische Kulturhauptstadt wird, findet er spitze! „Offiziell Metropole Ruhr, weil praktisch das ganze Revier dazugehört.“ Eine Region mit 6 Millionen Menschen!  „ Dat is doch wat schön!“ Dirk ist in Witten aufgewachsen und hat dort eine Lehre als Maschinenschlosser absolviert. In seiner Heimatstadt soll der Ruhrbergbau übrigens seinen Anfang genommen haben. Ein Wanderweg im Muttental erinnert an die Anfangsphase der Kohleförderung. Um die Stätte der ersten Funde des „schwarzen Goldes“ streitet sich der ganze Pott. Aber Dirk ist ganz sicher, dass die Legende vom jungen Schweinehirten sich nirgendwo anders als „mitten in Witten“  abgespielt haben kann: „Dem Jungen war kalt, und so entfachte er ein Feuerchen mit den glänzenden schwarzen Steinen, die er gefunden hatte. Die brannten lichterloh und wärmten viel besser als Holz.“ So also wurde die Ruhrkohle geboren.

Bevor wir zur Villa Hügel, der ehemaligen Residenz der Familie Krupp, aufbrechen, fahren wir mit dem Riesenrad (hier Sonnenrad genannt) durch die ehemalige Kokerei der Zeche und laben uns im „ Kokerei Café“ an deftiger Hausmannskost. „Au’sm Suppenpott von’ne Kaltmamsell“ schmeckt und gibt Kraft für weitere Exkursionen. Alfred Krupp, der ungekrönte König von der Ruhr, gründete im späten 19. Jahrhundert den größten Konzern seiner Zeit. Die palastartige, im klassizistischen Stil erbaute Villa inmitten einer weitläufigen Parklandschaft, entstand nach seinen eigenen Entwürfen. Im Jahre 1954 wurde die Villa Hügel in eine Stiftung umgewandelt. Eine ständige Ausstellung in den opulent ausgestatteten Sälen informiert über die Geschichte der Familie Krupp in Wort und Bild. Außerdem lädt „Villa Hügel“ regelmäßig zu hochkarätigen Ausstellungen ein.

Kinder auf ZollernAuf der Essener Margarethenhöhe treffen wir Kirsten Lehnert von der ERIH Deutschland, der Route des europäischen Industrieerbes. „Diese Arbeitersiedlung wurde nach ihrer Stifterin Margarethe Krupp benannt“, erklärt sie. Ein Vorzeigeobjekt aus der Gründerzeit: Innerhalb einer Gartenstadtkonzeption wurden vom Architekten Metzendorf romantische, teilweise klassizistische Fassaden mit modernem Komfort im Inneren verbunden. Diese Stadt in der Stadt mit Straßennamen wie „Trautes Heim“ atmet heile Welt. „Die Menschen, die für den Konzern Schwerstarbeit leisteten, sollten sich zu Hause wohl fühlen“, sagt Kirsten Lehnert. „Und da viele Frauen im Werk mitarbeiteten, gab es schon damals eine Rundumbetreuung für den Nachwuchs.“ Sie  empfiehlt uns eine Erkundungsfahrt auf dem Rad: „Lassen Sie das Auto einfach stehen. Mit dem Drahtesel kommen Sie in alle Ecken und finden viel Verstecktes – zum Beispiel die liebevoll angelegten kleinen Gärten hinter den Häusern.“ Eine gute Idee, zumal die Radfahrwege im Revier gut ausgebaut  und genaue Fahrradkarten überall zu haben sind (Broschüre „Route der Industriekultur per Rad“). „Die Regionalbahn ist ebenfalls ein hervorragendes Transportmittel. Mit ihr erreichen Sie die dicht nebeneinander liegenden Städte der Region in kurzer Zeit. Hier geht praktisch ein Ort in den anderen über. Manchmal merken Sie gar nicht, dass Sie bereits in einer anderen Stadt sind“, lacht Kirsten Lehnert, die vor allem  für die ERIH-Ankerpunkte Zeche Zollverein, Zeche Zollern, Landschaftspark und den Gasometer  zuständig ist.

Essen, Duisburg und Oberhausen liegen hinter uns. Nächste Station ist Bochum. An ihre große Zeit als Kohle- und Stahlmetropole erinnert das sehr informative Deutsche Bergbaumuseum neben dem 68 Meter hohen Förderturm. Sehenswert sind neben dem Wasserschloss Kemnade ein paar schöne alte Kirchen und nicht zuletzt das Planetarium. Die junge Frau, mit der wir im Stadtgarten ins Gespräch kommen, lächelt verzückt: „Als ich einst von Hannover zum Studium nach Bochum kam, war das eine richtige Campus-Uni. Und die Stadt war – gelinde gesagt – gewöhnungsbedürftig. Aber es hat sich hier soviel zum Positiven verändert. Die Stadt ist ein Hort der Kultur und des Entertainment. Denken Sie nur an unsere Musicals. Leute aus ganz Europa kommen hierher.“ Und nun beginnt sie vom Pott zu schwärmen –  von  Herne mit seiner Künstlerzeche „Unser Fritz“, dem auf Schloss Strünkede untergebrachten Emschertalmuseum und der Anfang des 20. Jahrhunderts erbauten Zechensiedlung Teutoburgia. „Wer heute noch sagt, das Revier ist dreckig, hat keine Ahnung. Hier qualmt kein Schlot mehr. Der Pott kocht über – aber vor lauter Lebensfreude und innovativer Ideen!“ Stimmt genau.                Unsere  „Tour die Ruhr“ führt uns weiter nach  Gelsenkirchen, die Wahlheimat des unvergessenen Jürgen von Manger, der uns so trefflich mit der Mentalität der Ruhr-Kumpel vertraut machte. „Na, das Wichtigste von Gelsenkirchen  habt ihr wohl vergessen“, kontert der Mann im „Brauhaus“ gegenüber dem Bahnhof. Klar doch, Schalke 04! „Kürzlich hatten wir zwei Japaner hier, die kannten sich mit der Geschichte des Vereins besser aus als wir. Kommt ihr Samstag mit auf Schalke? Da ist der Bär los!“ Leider haben wir keine Zeit, denn unser Besichtigungsprogramm ist prall: Da ist der Revierpark Nienhausen, ein attraktives Freizeitzentrum, und – als Kontrast – das mittelalterliche Schloss Berge. Auch die ZOOM-Erlebniswelt, früher einmal der Ruhr-Zoo, hat seinen Reiz. Heute steht noch die „Zeche Zollern“ in Dortmund auf unserem Programm.

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Vor uns liegt  ein mit den verspielten Formen des Historismus überzuckerte schlossähnliche Anlage, das Glanzstück der größten Bergbaugesellschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts. So demonstrierten die Industriellen im „Tal der Könige“ einst  ihre Macht. Damit die Arbeiter nie vergaßen, wem sie Lohn und Brot verdankten, mussten sie jedes Mal das Knie beim Empfang ihres Salärs beugen. So niedrig waren die  Kassenschalter in der Lohnhalle angelegt. Eine Führung durch die verschiedenen Werkshallen zeigt, unter welch harten Bedingungen die Menschen seinerzeit „malochen“ mussten. Durch die hohen Bogenfenster sieht man in die „Weiß- und Schwarzklaue“ hinein. Hier kleideten sich die Kumpel um, legten ihre Kluft in Drahtkörbe und zogen sie an die Decke. Heute schlüpfen ganze Schulklassen in die Rollen der Bergleute. Für Spiele ist im Untertage-Raum und auf dem weitläufigen Gelände reichlich Platz. Das Angebot für Erwachsene beinhaltet u.a. Filmabende, Konzerte und Vorträge. Das Beste aber ist der „Pferdestall“  neben dem Förderturm. Hier wird an blanken Tischen einheimisches Bier und „Kumpel Antons Lieblingspfanne“ serviert – ein saftiges Schweinesteak. Denn eines ist sicher: Zechenbesuche sind echte Schwerstarbeit.

Anreise: Sie lassen am besten Ihr Auto zu Hause und fahren bequem mit der Bahn: mit dem IC bis Essen und weiter durch das gesamte Ruhrgebiet mit der Regionalbahn. Alternativ: Anreise per Bahn bis Essen,  weiter auf dem Fahrrad

Unterkunft: Essen: „Welcome Hotel“**** EZ ab  Euro 85, DZ Euro 115,Tel. 0201-1779-0                             Duisburg: „Steigenberger – Duisburger Hof“ **** , EZ ab Euro 119/DZ 139, Tel. 0203-3007-0, Gelsenkirchen: „Intercity Hotel“ ***, EZ ab Euro 63, DZ 85 – Tel. 0209/9255-0 (Dieses DB-Hotel spendiert Ihnen Freifahrten während Ihres Aufenthaltes innerhalb des angegliederten Verkehrsnetzes)Veranstaltungen 2008: Oberhausen: 1. – 6. Mai – Kurzfilmtage – www.kurzfilmtage.de, „Extraschicht“ – Nacht der Industriekultur (findet an vielen Industriedenkmalen statt) 21. Juni –          www.extraschicht.de , Duisburg: Traumzeitfestival vom 4. – 6. Juli – www.traumzeitfestival.de, „Ruhrtriennale“ im August – www.ruhrtriennale.deHerne: Cranger Kirmes, das größte Volksfest in NRW vom 1. – 10. August – www.cranger.kirmes.de Tipps: Entdeckerpass im RVR-Onlineshop bestellen /Entdeckerpass in pdf-Version runterladen. Die RuhrTopCard gilt ein Jahr und kostet Euro 42 für Erw. , Kinder  Euro 29 (beinhaltet 78 Attraktionen, teils frei, teils 50% Ermäßigung)

Auskunft:  Ruhrgebiet Tourismus GmbH & Co. KG., Gutenbergstraße 47, 45128 Essen,                          Service Hotline: 01805/18 16 20  , www.ruhrgebiettouristik.de

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