Ist Dreck gesund?

Von Renato Diekmann

Allergien im Zeitalter des Klimawandels war das Thema einer medizinischen Fachpresse-Konferenz Ende Oktober 2007 in der Hochgebirgsklinik Davos, die europaweit als Kompetenzzentrum gilt und bei der Behandlung von Allergien, Asthma bronchiale, Augen- und Hauterkrankungen viele Vorteile bringt. Die Experten, darunter die Chefärzte Menz, Mansfeld, Rothe und Steiner, waren sich einig, dass das Klima durch verschiedene Faktoren wie Erdbahnschwankungen und natürlich die Sonneeinstrahlung beeinflusst wird. Messergebnisse des Weltstrahlungszentrums in Davos haben ergeben, dass die Sonneneinstrahlung in den letzten 20 Jahren im Durchschnitt abgenommen hat, die Temperatur auf der Erde im gleichen Zeitraum aber dennoch stark anstieg. Dies, so der Physiker Dr. Julian Gröbner, lässt den Schluss zu: Nicht die Sonne, sondern der Mensch und die damit verbundene Umweltbelastung stecken hinter der derzeitigen Erderwärmung.

Erderwermung

In vielen industrialisierten Ländern wurde seit Anfang des 20. Jahrhunderts beobachtet, dass allergische Erkrankungen und Asthma bronchiale gerade bei Kindern rasch und deutlich zugenommen haben. Der leitende Allergologe und Pneumologe an der Universitäts-Kinderklinik Zürich, PD Dr. med. Roger Lauener, Dr Roger Lauenernennt als mögliche Erklärung für diesen konsistenten Anstieg die Veränderungen der Lebens- und Ernährungsgewohnheiten, erhöhte Expositionen gegenüber Umweltfaktoren wie Luftschadstoffen, Tabakrauch oder häuslichen Allergenen. Trotz der Vielzahl von unterschiedlich gut belegten Hypothesen ist es bisher nicht möglich, die Ursachen für die Zunahme von allergischen Krankheiten mit Sicherheit zu benennen. Es ist in Anbetracht dieses schnellen Anstiegs dieser Krankheiten aber naheliegend, dass neben der genetischen Veranlagung, die bei der Entstehung von Asthma und Allergien eine wichtige Rolle spielt, Umweltfaktoren eine entscheidende Bedeutung zu kommt.

Besondere Aufmerksamkeit gilt zurzeit auch der Hygiene-Hypothese, dass Kinder mit mehreren Geschwistern und Kinder, die früh in ihrem Leben Kinderbetreuungsstätten besucht haben, später ein niedrigeres Risiko zeigten, an Asthma bronchiale, Heuschnupfen und allergischer Sensibilisierung zu erkranken gegenüber Kindern, die in dieser Lebensphase weniger Kontakte zu anderen Kindern hatten. Drei unabhängige epidemiologische Studien aus der Schweiz, Österreich und Deutschland zeigten für Bauernkinder ein reduziertes Vorkommen von Asthma und Allergien gegenüber Kindern aus denselben ländlichen Gegenden. Studien aus anderen Teilen Europas, aus Kanada und Australien bestätigen diese Befunde, so der Referent Roger Lauener. Seiner Meinung nach ist es wichtig, in welchem Alter die Kinder der Bauernhofumgebung ausgesetzt sind. Kinder, die im ersten Lebensjahr bereits in einen Stall genommen wurden, waren am besten vor Asthma und Allergien geschützt. Den aktuellen Forschungsergebnissen zufolge ist dieser Schutz sogar noch besser, wenn die Mütter bereits während der Schwangerschaft im Stall gearbeitet haben. Diese Kinder zeigten ebenfalls Veränderungen in ihrem Immunsystem. Anscheinend wird das Immunsystem der Kinder bereits während der Schwangerschaft durch die Umwelt, in der ihre Mütter leben, geprägt.Kuh_mit_Kind

In der großen europäischen PARSIFAL Studie mit über 14.000 Kindern zwischen 5 und 13 Jahren aus fünf europäischen Ländern wurde belegt, dass 30 Prozent weniger Schulkinder an Asthma und über 40 Prozent weniger an Heuschnupfen erkranken, wenn sie vor dem ersten Geburtstag Milch direkt vom Bauernhof tranken. Eine mögliche Erklärung dieses Schutzeffektes der Bauernmilch ist die bekannte hohe Belastung von Rohmilch mit Mikroorganismen. Gegen diese Hypothese spricht allerdings, dass es in den Analysen keinen Unterschied machte, ob die Bauernmilch abgekocht konsumiert wurde oder nicht. Zudem zeigten andere Produkte, die direkt über einen Bauernhof eingekauft oder selber produziert werden (zum Beispiel Gemüse, Früchte, Yoghurt) keinen Schutzeffekt. Diskutiert und untersucht werden jetzt auch andere Milchkomponenten wie der Gehalt an Omega-3-Fettsäuren oder Verfahrenstechniken wie das Homogenisieren der Milch.

Sollen wir nun allen Familien empfehlen, auf einen Bauernhof umzuziehen? Eine Kuh halten, oder doch wenigstens den Säuglingen Kuhmilch direkt aus dem Stall zu trinken geben?

baby_mit_kuhPD Dr. Roger Lauener betonte, dass wir noch nicht soweit sind, weil wir zurzeit noch viel zu wenig verstehen, welche Faktoren auf einem Bauernhof Schutz vor Allergien vermitteln. Denn „Dreck“ enthält nicht nur vor Allergien schützende Substanzen und gesundheitsfördernde Mikroben, sondern auch potenziell gefährliche Infektionserreger. Die Kinder früh im Leben vor bestimmten Faktoren wie z. B. Milben zu schützen, hat durchaus auch positive Effekte. Kuhmilch ist nicht auf den Verdauungsapparat des menschlichen Säuglings ausgerichtet und in roher Form nicht nur ungeeignet, sondern auch gefährlich für die Säuglingsernährung, so der Experte von der Universitäts-Kinderklinik Zürich. Deshalb zielen die aktuellen Forschungsergebnisse darauf ab, genauer zu verstehen, welche Bestandteile in der Umwelt den Schutz vor Allergien vermitteln und in welchem Alter wir sie den Kindern geben.

Vor dem Hintergrund der drastisch gestiegenen Patientenzahlen bei Asthma und Allergien genießt die Therapie im Hochgebirge einen hohen Stellenwert. Besonders hervorgetan hat sich hier die Deutsche Hochgebirgsklinik Davos, wo Erwachsene, Kinder und Jugendliche mit Atemwegserkrankungen sowie allergischen Haut- und Augenerkrankungen eine kompetente und umfassende Betreuung erfahren. Die 1.600 m über den Meeresspiegel gelegene Klinik bietet eine ideale und für keine andere vergleichbare Fachklinik zutreffende Allergen-, Keim- und Schadstoffarmut. Auch die nicht unerheblichen Therapiekosten werden von deutschen Kranken- und Rentenversicherungsträgern übernommen.

Schon Thomas Mann (Der Zauberberg) kurierte sein Asthma in Davos. Geografische wie meteorologische Gegebenheiten machen den Schweizer Hochgebirgsort so interessant für eine wirkungsvolle Therapie:

  1. Davos ist absolut frei von Hausstaubmilben.
  2. Bedingt durch hohe Berge rings um den Ort, gibt es nur geringe Mengen an Pollen mit extrem kurzer Flugdauer.
  3. Niedrige Luftschadstoffbelastung, trockene Luft, viel Sonne und relativ gleichbleibende Temperaturen im Winter wie im Sommer unterstützen die Therapie.
Radfahrer
Was dem berühmten Schriftsteller gut tat, ist auch gut für an Asthma und Allergien erkrankte Väter, Mütter und Kinder. Denn nach der Behandlung kann auch unter den heimatlichen klimatischen Bedingungen der Patienten eine über Monate und Jahre anhaltende Stabilisierung allergischer Atemwegs- und Hauterkrankungen erzielt werden – selbstverständlich unterstützt durch eine sachgerechte moderne medikamentöse Therapie.

Infos: www.asthma-hilfe.de

www.hochgebirgsklinik.ch

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