Mehr Lebensqualität für nierenkranke Patienten mit Blutarmut

Von Renato Diekmann

Weltweit leiden mehr als 500 Millionen Menschen an einer chronischen Nierenerkrankung unterschiedlichen Grades. Allein in Deutschland gibt es über 60.000 dialysepflichtige Patienten. Deren Zahl nimmt in den westlichen Ländern augrund zunehmenden Alters und veränderter Lebensgewohnheiten jährlich um 5 Prozent zu.

Schaubild

Bei einer chronischen Nierenerkrankung liegt in ca. 90 Prozent der Fälle auch eine Blutarmut (Anämie) vor. Durch den Funktionsverlust der Niere entsteht ein Erythropoetin-Mangel, wodurch zu wenig neue rote Blutkörperchen (Erythrozyten) gebildet werden und ein Sauerstoffmangel entsteht. Durch die Unterversorgung mit Sauerstoff sinkt die Lebensqualität und Leistungsfähigkeit der Patienten. Kardiovaskuläre Erkrankungen können die Folge sein, da das Herz versucht den Sauerstoffmangel durch erhöhte Pumpleistung auszugleichen. Bisher erhalten Dialysepatienten mehrmals wöchentlich Medikamente gegen ihre Anämie.

Eine wesentliche Erleichterung für Betroffene bietet seit September 2007 ein neues Medikament der Firma Roche Pharma AG. Es ist der erste Vertreter einer neuen Klasse: Ein lang wirkender, chemisch synthetisierter Erythropoese-stimulierender Wirkstoff, der die Rezeptoren für die Bildung roter Blutkörperchen kontinuierlich aktiviert: MIRCERA (Continuous Erythropoietin Receptor Activator) wird nur einmal pro Monat verabreicht.

Dr. Michael JarschWie eingangs erwähnt, wird die Produktion von roten Blutkörperchen im menschlichen Organismus durch den Wachstumsfaktor Erythropoietin (EPO) gesteuert. Da Erythropoietin in der Niere produziert wird, ist bei einer Nierenschädigung bzw. einer chronischen Nierenerkrankung nicht genügend Erythropoietin vorhanden, um den Bedarf an roten Blutkörperchen für die Sauerstoffversorgung der Zellen zu gewährleisten. Daher war es ein erheblicher Fortschritt in der Medizin, als in der Mitte der 80iger Jahre die biotechnologische Herstellung von Erythropoietin gelang und Ende der 80er Jahre rekombinantes Erythropoietin zu ersten Mal bei nierenkranken Patienten an der Dialyse eingesetzt werden konnte, um die Blutarmut bzw. die Anämie dieser Patienten zu behandeln, erklärte Dr. Michael Jarsch von Pharma Research Penzberg Roche Diagnostics GmbH.

Prof. Danilo FliserProfessor Danilo Fliser, Nephrologe und Oberarzt an der Medizinischen Hochschule Hannover, wies in seinem Referat darauf hin, dass die Anämie als Begleiterscheinung einer chronischen Nierenerkrankung bereits im 19. Jahrhundert beschrieben wurde. Anders als früher angenommen manifestiert sie sich bereits in sehr frühen Stadien der chronischen Niereninsuffizienz. Die Hauptsache ist eine zu niedrige Produktion von endogenem Erythropoietin (EPO) in den geschädigten Nieren. Die Anämie beeinflusst nicht nur die allgemeine Lebensqualität nierenkranker Patienten, so Fliser weiter, sie gilt auch als wichtiger kardiovaskulärer Risikofaktor. Die optimale und auch kosteneffektive Behandlung der renalen Anämie ist deshalb zentraler Bestandteil bei der Versorgung chronisch Nierenkranker und wird durch leitliniengerechte Therapiestrategien unterstützt. Ergebnisse großer internationaler Studien belegen allerdings, dass trotz Therapie mit rekombinantem humanen EPO bei vielen niereninsuffizienten Patienten die in den Leitlinien angegebenen Hämoglobinwerte nicht erreicht werden, bzw. dass es zu starken Schwankungen des Hämoglobinwertes kommt. Letzteres ist deshalb problematisch, da zu hohe Hämoglobinwerte Nebenwirkungen bzw. kardiovaskuläre Komplikationen verursachen können, wie dies neueste Studienergebnisse der CREATE und CHOIR Studie zeigten. Eine komplette Normalisierung des Hämoglobinwertes wird bei nierenkranken anämischen Patienten deshalb nicht mehr angestrebt. MIRCERA, so Professor Fliser in seiner Zusammenfassung, ist ein neuartiges Molekül, das aufgrund seiner pharmakologischen Eigenschaften eine sehr lange Wirkdauer besitzt und deshalb eine behutsame aber stetige Anämiekorrektur ermöglicht.
Als Therapeutikum wird biotechnologisch hergestelltes Erythropoietin (EPO) vorwiegend bei der Behandlung der Blutarmut von Dialysepatienten eingesetzt, bei denen die Blutbildung infolge eines Nierenversagens oder nach aggressiven Chemotherapiezyklen gestört ist. Daneben erwarb sich EPO durch zahlreiche Dopingskandale insbesondere im Radsport den zweifelhaften Ruf als „Radfahrerdroge“, schreibt Wikipedia.
Nach Aussage von Dr. Michael Jarsch eignet sich MIRCERA aufgrund der neuartigen Wirkweise ausgesprochen schlecht zum missbräuchlichen Einsatz, denn der Wirkstoff führt zu einer Korrektur des Hämoglobinspiegels. Dabei wird die Erythropoises – die Bildung roter Blutkörperchen im Körper – kontinuierlich aktiviert. Das neue Medikament bindet (assoziiert) langsamer und trennt sich (dissoziiert) etwas schneller von dem EPO-Rezeptor als zum Beispiel Epoetin beta.

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