Wenn die Ostsee zur Nordsee wird

Auf Rügen treiben auch in diesem Jahr die Vitalienbrüder ihr Unwesen

Von Günther Falbe, Fotos: Renato Diekmann
Es störtebekert wieder auf Rügen. Mit einem Staraufgebot an Darstellern haben die 13. Störtebeker Festspiele auf der Ralswieker Naturbühne am Jasmunder Bodden begonnen. Der sich aber geographisch diesmal weit nach Westen verschoben hat, denn aus der Ostsee wurde die Nordsee, und sogar den Tower hat man nach Rügen verlagert. Das diesjährige Stück trägt nämlich den Titel „Piraten vor Britannien“ – etwas zu nüchtern für das Open-Air-Spektakel, das der altbewährte Regisseur Holger Mahlich da in Szene gesetzt hat. Denn es geht diesmal nicht nur um Piraterie und Freibeuterei sondern um einen Störtebeker greift anKönigssturz, der sogar historisch bewiesen ist. Allerdings dürften Störtebeker und seine Likedeeler da keine entscheidende Rolle mitgespielt haben wie in diesem Stück, das Historie und Fiktion auf wundersame Weise verquickt. Die Zuschauer in dem 8.802 Plätze fassenden Freilicht-Theater sind begeistert. Nicht nur von dem glänzenden Spiel der über 300 Akteure, sondern auch von den Stunts, der Pyrotechnik, den Spezialeffekten und nicht zuletzt von der traumhaft schönen Naturkulisse.
Schuld an allem ist der Deutsche Ritterorden. Dessen Schiffe tauchen nämlich im Morgengrauen des 21. März 1398 vor Gotland auf, wo sich Störtebeker und Goedeke Michels mit ihren Vitalienbrüdern verschanzt haben. Nach nur zehntägiger Belagerungszeit läßt Konrad von Jungingen im Widerspruch zur militärischen Stärke seines Heeres die Piraten ziehen gegen das Versprechen, den Ostseeraum zu verlassen. Mit dem Leben noch einmal davongekommen, brauchen sie einen neuen Unterschlupf. Sie finden ihn im friesischen Brookmerland, wo der mächtige Häuptling Keno tom Brooke die Piraten freudig aufnimmt, denn sie bringen auch einen Goldschatz mit, den Goedeke bei der Kaperung eines englischen Kurierschiffes erbeutet hat. Und nun beginnt ein rasant abrollendes Spektakel, in dem die Hanse eine Rolle spielt, die dem immer klammen englischen König Richard II. eine stattliche Summe bietet, wenn er den Piraten angeblich Hilfe mit Kaperbriefen, Schutz und Hafen gewährt. Goedeke Michels und Wigbold tappen in die Falle und warten im Tower auf ihren Tod. Störtebeker will seine Kumpanen retten und macht sich mit dem Goldschatz auf nach Britannien. Dort bereitet der englische Adel den Aufstand gegen den geldgierigen

König Richard belustigt über Hofnarr

König vor. Sie wollen Heinrich Bolingbrok, Sohn des Herzogs von Lancaster, auf dem Thron. Aber dazu braucht man viel Gold – und das hatte der englische Adel ausgerechnet auf das Schiff verfrachtet, das von Goedeke gekapert wurde. Und jetzt hat es Störtebeker, der damit den Adel zwingt, ihm bei der Befreiung seiner Kumpane behilflich zu sein.

Störtebeker versenkt Hansekogge

Was dann auch unter dem Freudenfeuer der Pyrotechniker über die Ralswieker Bühne geht. Übrigens: Fakt ist, daß das vom englischen Adel aufgebrachte Gold bei dem in Frankreich weilenden Heinrich landete, der damit ein Heer aufstellte, gen Britannien zog und den verhaßten Richard stürzte. Als Heinrich IV ging er in die Geschichte ein. Aber daß ausgerechnet Goedeke Michels dieses Gold zuvor gekapert hatte, gehört ins Reich der Phantasie. Wie so vieles in diesem Spektakulum, in dem auch die Liebe eine Rolle spielt.

Störtebeker - Held der Frauen

Jedenfalls bei Klaus Störtebeker. Der wechselt von seiner großen Liebe Orka tom Broke, gespielt von Julia Horvarth, zu der schönen Lady Ann, für die man Jenny Jürgens gewinnen konnte. Ingrid van Bergen gibt der Foelke tom Broke Profil. Auch Manfred Reddemann ist neu auf der Ralswieker Bühne. Den Störtebeker spielt wie immer Sascha Gluth, Wolfgang Lippert singt wieder seine Balladen, und Mircea Krishan, Urgestein der Festspiele, gibt den Narr – und das mit 80 Jahren! Zu wünschen ist den Ralswiekern, daß das Wetter mitspielt – es ist schließlich der Hauptakteur. Dann bleiben auch die auf Vorrat gelagerten 30.000 Regenhäute in ihren Hüllen. Optimistisch können die Veranstalter schon sein, denn bereits vor Spielbeginn am 25. Juni waren 140.000 Tickets verkauft. Das bedeutet einen Zuwachs von rund 12 Prozent! Da die Spielzeit diesmal bis zum 10. September verlängert wurde, hofft man, die Besucherzahl des vergangen Jahres von 340.000 noch zu überbieten.
Nähere Informationen über die Störtebeker Festspiele, Telefon (0 38 38) 3 11 00, Fax (0 38 38) 31 31 92, E-Mail: info@stoertebeker.de oder im Internet: www. stoertebeker.de.

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