Ein besonderer Finanzminister

Bernt Strenge und die Nordelbische Kirche
Von Johanna Renate Wöhlke

Bernt Strenge, Verwaltungschef des Kirchenkreises Hamburg-Harburg in der evangelischen Nordelbischen Kirche, ist ein Ostfriese und ein Christ. Der Ostfriese steht ihm ins Gesicht geschrieben. Sofort nach dem „Guten Tag“ erwartet man, zum Tee eingeladen zu werden. Aber es gibt auch Kaffee als Alternative, dazu Schokoladenkekse und einen angenehm leichten und würzigen Duft für die Nase, der sich als der Genusswelt eines Pfeifenrauchers zugehörig entpuppt.

Bernt Strenge kennt seine Kirche von innen, von ganz innen, und er liebt sie. Diese Arbeit macht er nicht nur, weil er sie gelernt hat und kann. Er macht sie auch, um, wie er sagt, „die frohe Botschaft“ zu verkünden und damit zu fördern und zu verbreiten. Da kommt der Christ ins Spiel.

Gefördert hat er sehr viel, die Liste der Funktionen und ehrenamtlichen Tätigkeiten ist lang: Als Verwaltungschef – das heißt in der Kirchenbeamtenwelt ganz vertraut Kirchenoberverwaltungsrat – trägt er Mitverantwortung für alle 16 Kirchengemeinden des Kirchenkreises Hamburg-Harburg. Dazu gehören 62704 Kirchenmitglieder und 35 Pastoren und Pastorinnen in den Gemeinden, Diensten und Werken der Kirche. Als Haushaltsbeauftragter gibt es keinen Euro, der nicht unter seinen Augen die Bernt Strenge am SchreibtischKonten wechselt und verteilt wird. Wen wundert`s, dass er auch noch Schatzmeister der Seemannsmission Hamburg-Harburg am Duckdalben ist.
Im Herbst wird Bernt Strenge seinen Schreibtisch verlassen und in den Ruhestand gehen.
Aber der „Finanzminister“ des Kirchenkreises Hamburg-Harburg ist als Gewählter in die Synode, das Kirchenparlament der Nordelbischen Kirche, und als stellvertretender Vorsitzender des Hauptausschusses der Synode der gesamten Nordelbischen Kirche auch für deren Finanzen mitverantwortlich, zusammen mit Claus Möller, dem ehemaligen Finanzminister von Schleswig-Holstein. Außerdem ist er in Koexistenz Vorsitzender des Ausschusses für Immobilienmanagement der Synode.

Diese Aufgabe ist gewaltig. Die Nordelbische Kirche mit ihren Bischofssitzen in Hamburg, Lübeck und Schleswig verfügt über 5023 Gebäude, davon 810 Kirchen, 691 Gemeindehäuser und 1094 Pastorate. Allein im vergangenen Jahr wurden Baumaßnahmen in Höhe von 13 Millionen Euro genehmigt und das für 2,1 Millionen Mitglieder von den viereinhalb Millionen Menschen im Verbreitungsgebiet.

Auch der Nichtkirchgänger beginnt zu ahnen, dass abseits der Kanzel und der praktischen Diakonie viel Arbeit geleistet werden muss. Begrüßt oder kritisiert: Die Kirche ist ein großer Wirtschaftsfaktor. Religion und Glauben können nicht verwaltet werden. Kirche als Organisation von Religion und Glauben kommt ohne Verwaltung nicht aus. Bernt Strenge: „ Ich halte es für meine Hauptaufgabe, den Hauptamtlichen in Predigt und Diakonie den Rücken freizuhalten, immer wieder nach Mitteln und Wegen zu suchen. Bei allen finanziellen Schwierigkeiten habe ich dabei immer versucht, die gemeindliche Arbeit so zu stützen, dass ein Rest von Verteilungsgerechtigkeit und Lastenausgleich gewährleistet sind.“

Das bedeutet: Ideen, Projekte und Konzepte finanziell nachhaltig abzusichern im Zusammenhang mit der Entwicklung des Kirchensteueraufkommens, also eine mittel- und langfristige Finanzplanung zu betreiben. Inzwischen geht das wieder besser, denn das Kirchensteueraufkommen hat sich vergrößert und liegt jetzt bei etwa 300 Millionen Euro in der Nordelbischen Kirche, das sind knapp 50 Millionen mehr als in den vergangenen Jahren, fünfeinhalb Millionen davon fließen in den Kirchenkreis Harburg. Strenge: „Zur Kirchensteuer gibt es keine Alternative. Niemals könnten wir all unsere Leistungen aufrecht erhalten, wenn wir nur von freiwilligen Spenden abhängig wären.“ Der weite Bogen spannt sich von weltweitem Engagement für Hilfsorganisationen bis hin zum Lastenausgleich zwischen den Kirchengemeinden.

Diskutiert wird in Harburg im Büro des Verwaltungschefs im Kirchenkreisgebäude in der Hölertwiete an einem großen runden Tisch. Stolz berichtet Strenge, dass das Gebäude mit das Ergebnis seiner Arbeit ist, nachdem er 1970 nach Harburg kam und nach der Fertigstellung der S-Bahn gebaut werden konnte. Da hatte er eine Verwaltungslehre im ostfriesischen Kirchenamt in Leer hinter sich, war in Otterndorf gewesen und hatte dann im Landeskirchenamt in Hannover gearbeitet.

Mit dem Herzen allerdings war und ist er auch oft in Leer, inzwischen wieder mit dem Hauptwohnsitz. Denn im Herbst wird der Verwaltungschef des Kirchenkreises Harburg mit nun 62 Jahren seinenBernt Strenge mit Pferden Antrag auf Ruhestand stellen. Seine Frau Almuth ist schon wieder nach Leer übergesiedelt, Strenge wird es dann auch tun und freut sich schon jetzt besonders auf eines: seine Pferdezucht ausbauen zu können. Die Bilder der Alt-Oldenburger Pferde hängen nicht nur so an der Wand seines Büros. Es sind seine Pferde. Was seit zwanzig Jahren ein kleines Hobby ist, wird dann wohl seine zweite „Berufung“ werden. Eine Stute mit Fohlen steht zur Zeit gerade auf der Weide in Leer.
Der Ostfriese und seine Alt-Oldenburger Pferde. Auch im Büro mag Bernt Strenge sie nicht missen.

Strenge: „Ich hab ein schönes Leben gehabt, konnte in meinem Beruf viel bewirken und hatte unendliche Entfaltungsmöglichkeiten. Die habe ich allerdings auch meiner Frau zu verdanken – wenn schon wieder mal ein Abendtermin im Kirchenkreis wichtiger war als Rasenmähen, hat sie mich machen lassen!“

Bis zum Herbst läuft der Verwaltungschef aber noch einen ganz besonderen Endspurt: Die von der Synode beschlossene Neugliederung der Kirchenkreise muss bewältigt werden, Standortfragen, eine neue Finanzsatzung, Gespräche mit Betriebsräten, Umzugsmodalitäten und vieles mehr und immer wieder Informationsveranstaltungen in den Gemeinden. Eines ist allerdings schon heute klar: Mit Bernt Strenge wird ein Mann in den Ruhestand gehen, der in seinem Beruf glücklich war.

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